Alles statt schweigen.
Schreiben statt sprechen. Sprechen statt schweigen. Zuhören statt weghören.
Vom Schweigen über die falschen Dinge.
Die Geschichte von Renate Kolde
Für uns ist ein wichtiger Mensch gegangen.
Manchmal schweigen wir über die falschen Dinge und sprechen viel zu viel über das, was eigentlich unerheblich ist. Zum Beispiel bin ich erst lange, nachdem ich nach Juist gezogen bin, auf Renate Kolde aufmerksam geworden. Was für ein Unding! Ihre Geschichte ist eine, die einfach erzählt gehört.
Ich durfte sie leider nie persönlich kennenlernen, aber ich hoffe, dass ich meinen klitzekleinen Beitrag dazu leisten kann, ihre Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Es gibt sie, Menschen, die einen Ort formen. Natürlich tun wir alle das Unsere, um unsere Umwelt besser zu machen. Manche Menschen aber haben einfach einen größeren Einfluss, als andere. Eine Person, die sicherlich einen riesigen Einfluss auf Juist hatte, ist Renate Lehmann – also geborene Lehmann, verheiratete Kolde.
Schweigen und Stille.
Wenn das Nichts-Sagen so wichtig ist.
Wenn ich an Stille denke, denke ich daran, wie wichtig es ist, im Beruf zu schweigen, ab und an bewusst mal abzuwarten, statt sofort zu reagieren. Schweigen ist auch zuhören. Schweigen ist die Abwesenheit von Reden. Es ist eine Stresssituation, in der einem die Worte im Halse stecken bleiben. Schweigen ist eine Reaktion auf Stress. Schweigen ist aber auch das bewusste Informationen erhalten, aktiv sein und reagieren, wenn es sein muss, das eigene Schweigen zu unterbrechen.
Schweigen ist Bewunderung, wenn ich mir überlege, dass Renate Kolde in den 1960ern – einer Zeit, die heute im Rückblick nicht gerade für die Gleichbehandlung von Männern und Frauen steht – die erste Flugleiterin Deutschlands war. Und das auf Juist, wo man vielleicht manchmal das Gefühl hat, dass Traditionen und traditionelle Sichtweisen noch ein wenig mehr aktuell sind, als in den Großstädten der Welt.



Schweigen: Kein Thema für sie.
Renate Koldes Arbeitsleben.
Renate Kolde war eigentlich Journalistin. In verschiedenen Ressorts arbeitete sie bei „Die Zeit“. Und da schrieb sie, statt zu schweigen. Zumindest bis 1962, denn in diesem Jahr lernte sie ihren späteren Mann Hans kennen und folgte ihm nach Juist.
Renate Kolde wurde schon bald bekannt als „Stimme des Nordens“. Nachdem sie zu ihrem Mann nach Juist gezogen ist, stellte sich die Frage, welchen Beruf sie auf der Insel ausüben konnte. Damals war der Bau des Flugplatzes und damit die Etablierung eines zweiten Verkehrsstandbeins in vollem Gange. So machte Renate Kolde ihren Pilotenschein und anschließend absolvierte sie eine Ausbildung bei der Flugsicherungsschule in München. Sie wurde danach durch das Niedersächsische Verkehrsministerium als erste Beauftragte für Luftsicherheit an den Verkehrslandeplatz Juist berufen. Damit war Renate Kolde die erste Flugleiterin Deutschlands. Und das auf der kleinen Insel Juist!
Als erste Frau auf dem Tower hat sie sich wohl einiges anhören müssen. Von Berufsfliegern und Laien in einer Nische, die Frauen oftmals verschlossen blieb – vor allem in dieser Zeit – kann es nicht leicht gewesen sein. Ich kann mir die Kommentare und Blicke und Spitzen sehr gut vorstellen. Mich würde das wütend machen. Aber Renate Kolde vielleicht nicht unbedingt. Was sie gedacht hat, kann natürlich niemand außer sie genau sagen, aber wie sie agiert hat, das weiß man zum Glück noch: Renate Kolde blieb cool, schwieg ihre Wut oder Entrüstung oder was immer es war, das sie fühlte, weg und machte weiter. Sie bewies es den Männern mit ihrer Kompetenz und ihrem Wissen. Sie zeigte es ihnen, in dem sie ihren Job einfach stur und schweigen und grandios gut ausführte. Sie wurde zu einer echten Instanz. Mit ihrem Durchsetzungsvermögen bewies sie es allen und erarbeitete sich die wohlverdiente Anerkennung.
Renate Kolde aber war nicht nur die erste Flugleiterin Deutschlands, sondern auch die Dienstälteste: Am 31.12.1996 ging sie nach 34 Dienstjahren in den wohlverdienten Ruhestand. Und mit was für einem guten Gefühl sie gehen konnte:
- 1984 zeichnete der die „Aircraft Owners und Pilots Association Germany“ den Verkehrslandeplatz Juist mit dem „Prix Orange“ aus. Was heißt das? Das bedeutet, dass der Juister Flugplatz der freundlichste in Deutschland war. Das ist natürlich nicht nur Renate Kolde, sondern auch ihren Kollegen zu verdanken.
- In ihren 34 Dienstjahren gab es keinen einzigen Unfall. Wow! Bei dem Sturm und den anderen komplizierten Bedingungen im Juister Luftraum (mehr dazu erzählt uns Stefan, der auf dem Tower auf Juist arbeitet) will das schon mal was heißen!
In ihren 34 Dienstjahren machte Renate Kolde die wechselhafte Geschichte des Flugplatzes mit, der vom Kampf gegen Natur, Wind, Wetter und Stürme gezeichnet war.
Die Leidenschaft fürs Fliegen verlor Renate Kolde aber nicht mit Eintritt ins Rentenalter. Nein, denn sie blieb leidenschaftliche Pilotin und bot sogar Rundflüge für Gäste über Juist an.
Aber vielleicht sollte ich anders anfangen:
- Renate Kolde wurde am 18.08.1931 geboren
- Sie starb am 19.09.2022 im Alter von 82 Jahren.
- In einem Artikel zu ihrem 80. Geburtstag wird sie als offene, freundliche Person beschrieben, als hochgeschätzte Freundin und als wichtiges Mitglied der Inselgemeinschaft.
- Es wurden zu ihrem runden Geburtstag Lobeshymnen auf sie als Person und auf ihren Einfluss auf die Insel Juist gehalten. Und das will mal was heißen!
In der Traueranzeige wünscht sich ihre Familie Spenden an die Juist-Stiftung statt Blumen. Selbst posthum noch eine Würdigung ihres Engagements für die Insel. Das Team des Strandloopers und die Mitglieder der Juist-Stiftung schreiben in ihrer Traueranzeige: „Für uns ist ein wichtiger Mensch gegangen“ und damit ist wohl auch alles gesagt.
Hans Kolde
Hans Kolde war Pädagoge, Lehrer und später auch lange Jahre Leiter der Jugendbildungsstätte Theodor Wuppermann e.V. Er wirkte bereits schon vor der Etablierung der „Jubi“ beim Vorgänger, dem Segelflughorst Juist, mit. Für sein Engagement erhielt er sogar 1983 das Bundesverdienstkreuz. Hans Kolde starb mit 99 Jahren Ende April 2024 auf Juist. Erinnern werden sich die Juister an sein ehrenamtliches Engagement im ehemaligen Küstenmuseum, dem heutigen Inselmuseum, bei der Juist-Stiftung und beim Strandlooper erinnern. Ohne die stillschweigende Rückendeckung seiner Frau wäre das alles vielleicht nicht möglich gewesen.


Laut und alles andere als schweigend.
Renate Koldes Engagement.
Nach ihrer Pensionierung saß sie definitiv nicht still. Das würde auch absolut nicht zu dieser Frau passen, die ich im Laufe meiner Recherche zumindest posthum digital kennenlernen durfte. Renate Kolde gründete mit ihrem Mann zusammen einen Verlag. „Alt Juist“ erzählte Geschichten, die sonst im Schweigen versinken würden, Nischen-Geschichten von der Insel Juist und dem Meer. Schweigen hier also als Vergessen und Renate Kolde wie eine Ritterin in weißer Rüstung im Kampf gegen dieses Schweigen.
Renate Kolde war nach ihrer Pensionierung auch wieder journalistisch aktiv und fand so zurück zu ihren beruflichen Wurzeln. Und das im Ruhestand. Ein „Full Circle Moment“, finde ich. Das Ehepaar Kolde engagierte sich im Rahmen des Strandloopers, eines Veranstaltungsheftes auf Juist, in dem Geschichten und Berichte von der Insel immer ein wichtiger Bestandteil waren und noch heute sind.
Was ich aber auch total bemerkenswert finde, ist, dass Renate Kolde auch Geschichten inspiriert. Als ich in 2024 den Strandlooper mal durchgeblättert habe (wie man das ebenso macht), bin ich über eine Geschichte gestolpert: Gabriele Simoneit (die auch bei uns als Saisonkraft in der Touist-Info gearbeitet hat) hat eine Geschichte für den Strandlooper geschrieben, in der es um Renate Kolde geht. In „Hallo Juist – die Stimme des Nordens“ porträtiert Renate Kolde bei ihrer Arbeit im Tower im Flugplatz auf Juist. Natürlich ist die Geschichte nicht authentisch, aber ich bekomme beim Lesen ein Gefühl für die Person, die Renate Kolde gewesen sein könnte. Sie ist in der Geschichte die Stimme des „Willkommen“ bei Kontaktaufnahme auf Juist. Sie ist Beruhigerin, Sicherheitsquelle und Vertrauensperson für das lyrische Ich, das das erste Mal Juist anfliegt und in Trubel gerät. Diese Hommage an Renate Kolde zeigt die erste Flugleiterin Deutschlands als Stimme über Funk, als Gewissheit in schwerer Stunde.
Vom Sprechen und Schreiben, vom Schweigen und Lesen.
Eine Ode auf Renate Kolde.
Ich hoffe, ich konnte dir einen kleinen Überblick über das geben, was Renate Kolde alles so in ihrem Leben erreicht hat, was sie gesehen und erlebt und verändert hat. Klar – das meiste wird ungesagt bleiben. Aber trotzdem. Ich habe eine Frau vor Augen, die sich durchgesetzt hat, die nicht schweigen wollte und dennoch zuhören konnte. Das ist mein Bild. Mein Bild ist schwarz-weiß, zeigt eine junge Frau mit einem unerschrockenen Funkeln in den Augen. Mein Bild ist aber auch animiert, denn es zeigt einerseits, wie sie im Tower das Funkgerät in der Hand hält und aus dem Fenster schaut, andererseits ist es eines, wie sie einen Stift schwingt und einen Block hält. Ich finde es braucht mehr Geschichten wie die von Renate Kolde. Es gibt sie sicherlich hundertfach, aber wir müssen sie erzählen. Die erste Flugleitern Deutschlands, das starke ehrenamtliche Engagement. Das sollte uns inspirieren und motivieren und ich denke, das tut es auch. Wir sollten vielleicht weniger schwiegen und aktiver werden.
In diesem Sinne …


Quellen:
Wer sich gerne weiter mit Renate Kolde auseinandersetzen möchte (was eine super gute Idee ist!), kann sich gerne der Quellen bedienen, die auch ich genutzt habe:
Strandlooper, Oktober 2024
https://de.wikipedia.org/wiki/Renate_Kolde
http://www.strandlooper.com/2011/files/assets/basic-html/page167.html
http://juistnews.de/artikel/2011/8/21/die-stimme-des-nordens-wurde-achtzig/
https://de.findagrave.com/memorial/213838329/renate-kolde
https://www.ok-trauer.de/traueranzeige/renate-kolde
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Kolde


