Takt

Tik-Tak. Tik-Tak.

Im Takt.

Das Herz des Menschen ist sehr ähnlich wie das Meer, es hat seine Stürme, es hat seine Gezeiten und in seinen Tiefen hat es auch seine Perlen.

Vincent Van Gogh

Der erste Takt, der mir einfällt, wenn ich an Juist denke, ist der Takt der Gezeiten.

Was das heißt, ist schnell erklärt: Wenn Wasser da, dann Anreise möglich, wenn kein Wasser da, dann Anreise nicht möglich. Klare Sache eigentlich: Kein Wasser – „eingesperrt“ auf der Insel, viel Wasser – nicht mehr „eingesperrt“ auf der Insel. So weit, so gut. 

Übrigens: Ich schreibe mit Absicht „eingesperrt“ als negatives Wort. Ich finde genau dieses Wort reflektiert perfekt, was Juist zum Teil ausmacht. Diese Abhängigkeit von den Gezeiten, um ankommen zu können, löst eine besondere Stimmung aus. Mich erinnert dieses Gefühl daran, wie klein ich im Vergleich zur Macht der Meere bin. Und irgendwie tut das gut. Denn dieses Wissen wiederum erinnert mich daran, dass alles, was ich im Alltag so schrecklich finde und was mich total verrückt und traurig macht, eigentlich im Großen und Ganzen trivial ist. Diese Erkenntnis tut manchmal gut. Deswegen: Wenn Niedrigwasser herrscht, ist man auf Juist „eingesperrt“. 

Und ich erinnere mich daran: In diesem Fall ist „eingesperrt“ sein was Gutes. Aber auch nur in diesem Fall!

Oder ist das mit der Abhängigkeit von den Gezeiten etwa gar nicht so einfach? Die Flugzeuge der Inselflieger steuern Juist tagsüber zu festgelegten Flugzeiten an, starten in Norddeich und landen am Ostende der Insel. Wenn denn kein Nebel herrscht oder Sturm wütet. Also ist Juist gar nicht „wirklich“ tideabhängig, schließlich gibt’s ja den Flugplatz. Ja, stimmt. Aber: Im Vergleich zur Anreise mit der Fähre sind die kleinen Flieger mit der Anzahl der Reisenden, die sie transportieren, vernachlässigbar. Zumindest jetzt für meine Argumentation. Was die Inselflieger und ihre Piloten und Mitarbeitenden leisten, wenn die Fähre nicht fahren kann, ist allerdings alles andere als vernachlässigbar. 

Auch die Schnellschiffe (gerne auch Wassertaxis genannt) können nicht komplett unabhängig vom herrschenden Wasserstand fahren. Zwar haben die Boote kaum Tiefgang, aber wer den Hafen bei absolutem Niedrigwasser kennt, der / die weiß, dass da wirklich kaum noch eine Fingerbreit Wasser unterm Kiel ist. Richtige Sandbänke sind da im Hafen. Also: Auch die Schnellschiffe fahren nach der Tide, wenn auch unabhängiger, als die große Inselfähre.

Daher kann man immer noch sagen „Juist ist eine tidenabhängige Insel“. Und dieser Takt, dieses Leben nach den Gezeiten, das hat irgendwie etwas.

Im Rhythmus.

Wir bewegen uns im Rhythmus der Gezeiten. Bei Hochwasser fährt die Fähre nach Juist oder ab Juist. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, sich derart nach der Natur zu richten. Ich finde, es hat was Erhabenes, etwas, das einem bewusst macht, dass wir Menschen mickrig klein sind im Vergleich zu den Urkräften der Natur.

Die Freiheit ist wie das Meer: die einzelnen Wogen vermögen nicht viel, aber die Kraft der Brandung ist unwiderstehlich.

Václav Havel

Bei Hochwasser kommt Bewegung ins Dorf: Die Fähre kommt an. Mit ihr neue Gäste, die Post, Pakete, die eine oder andere Bestellung. Der Hafen wird lebendig. Tummelig wird’s dann. Leute holen ihre später anreisenden Freunde und Freundinnen ab. Familienzusammenführung, wenn die Eltern oder andere Verwandte der Arbeitenden auf Juist ankommen – Tränen nicht ausgeschlossen. Dann der Frachter – Endlich neue Brötchen aus Norden für das Hotel, frische Klamotten für die Boutique, neue Lebensmittel für die Einkaufsläden.

Hochwasser ist die Zeit, wenn viel los ist. Nicht nur im Ort, sondern auch am Strand. Bei Hochwasser ist der sonst so breite, breite Strand zwar immer noch breit, aber merklich schmäler. Die Leute, die Strandkörbe, die Wellen und das Treiben der Vögel scheinen sich zusammenzurotten. Fast schon geschäftig wirkt der Strand dann. Und das Wattenmeer erst: Plötzlich ist dann überall da Wasser, wo vorhin noch gefühlt kilometerweit nur Sand und die Vögel zu sehen gewesen sind. Spielt keine Rolle, ob die Sonne scheint oder es windig ist. Was zählt ist der Wasserstand.

Bei Ebbe ist es dann leerer. Die Menschen auf der Insel spazieren über die Promenade, durchs Dorf, machen es sich bei einem ersten Stück Kuchen bequem, gehen zu einem Konzert, sind am Arbeiten. Die Masse verteilt sich. Als wären das wirkliche Massen. Es wirkt leer und ruhig. 

Zugleich ist der Strand bei Ebbe dann so weit. So breit. Priele faszinieren. Die eine oder andere Krabbe sucht sich ihren Weg über den Sand, die Menschen spazieren an der Wasserkante entlang, über die Sandbänke, die hier entstehen und bei Hochwasser verdeckt sind von den Wellen. Ebbe ist Ruhe. Im Wattenmeer tummeln sich dann die Wattwanderungs-Gruppen, angeführt von den erfahrenen Profis, voller neuer Erfahrungen, die sie machen werden. Im Watt gibt’s bei Ebbe so viel zu entdecken – Priele und Muscheln und Baljen und noch viel mehr!

Dance with the waves, move with the sea. Let the rhythm of the water set your soul free.

Christy Ann Martine

Gezeiten.

Die Gezeiten liegen immer verschieden am Tag. Meistens führt das für mich dazu, dass ich im Sommer die Badezeiten verpasse, weil ich auf der Arbeit bin, oder meinen Chef bitten muss, dass ich früher gehen darf, um die Fähre zu erwischen. Aber das ist ja für jede und jeden so. Mal spielen einem die Gezeiten in die Karten, mal nicht. 

Sicher, es wäre möglich, die Fahrrinne auszubauen, die Juist mit dem Festland verbindet oder den Hafen irgendwie ausbauen, aber das nimmt dann doch den Charme der Insel, oder etwa nicht? Viel von dem, was Juist besonders macht, hat seine Wurzeln in der natürlichen Fahrrinne durchs Wattenmeer, der die Fähre folgt.

Am Strand ist das Leben anders. Die Zeit vergeht nicht von Stunde zu Stunde. Wir leben nach den Strömungen, planen nach den Gezeiten und folgen der Sonne.

Sandy Gingras

Juist ist, wenn man sich eingesteht, dass es einfach ginge, aber kompliziert viel schöner ist. Juist ist, wenn man sich mit Dingen bewusst arrangiert. 

Natürlich würde es mir als jemand, der hier lebt, viel besser passen, wenn ich nach einem festen Fahrplan einmal pro Stunde mit der Fähre aufs Festland fahren könnte. Wäre ja einfacher. Dann könnte ich entspannter Urlaub machen, meine Wochenenden mit Kurztrips verbinden und zum Arzt fahren. Ist aber nicht. Und irgendwie ist das super. Nein, im Ernst! Juist ist halt so eine Entscheidung, die man treffen muss. Will ich es einfach oder kompliziert? 

Mit dem Fahrrad oder zu Fuß einkaufen zu gehen, das ist gar nicht mal so einfach. Wasserkisten tragen? Keine Chance! Aber dafür haben wir unglaublich liebe Lieferfahrer. Mal eben schnell wohin? Ja, ne, ist nicht. Außer man wohnt direkt im Ort. Ist aber auch kein Problem, denn die Langsamkeit, diese Abwesenheit von Stress, gehört zur Insel dazu. Fähre verpasst? Ja, schade, aber dann findet man eben eine andere Lösung. Auch das ist Juist. Die Leute sind abgehärtet von den harschen, langen Wintern, von den vollen Sommern, vom Fahrradfahren gegen den Wind, vom Blinzeln gegen Sand und Sturm. Die Leute sind einfach unglaublich hier. Generationen von Gezeitenabhängigkeit haben einen besonderen Schlag Menschen hervorgebracht. Und auch wenn man „nur“ kurz hier lebt und ist, macht diese Tideabhängigkeit etwas mit einem. Ich glaube, ich bin weniger anspruchsvoll geworden. Ich glaube, ich besinne mich immer mehr darauf, etwas zu erleben und nicht zu haben. Ich glaube, ich fange an, Details viel mehr zu lieben und glücklicher zu sein. Natürlich ist diese Insel kein Allheilmittel, aber die Abhängigkeit der Gezeiten auf der Insel macht etwas mit mir. 

Tide.

Du kannst die Wellen nicht aufhalten, aber du kannst lernen zu surfen.

Jon Kabat-Zinn

Leben und Urlauben ist sicher einfacher an einem Ort, wo es Autos gibt. Tolle Natur gibt’s schließlich fast überall. Zum Beispiel in Norddeich oder auf Borkum kann man Strand und Watt super erleben. Warum also Juist? Was kann ich schreiben, um das zu erklären? Gar nichts wahrscheinlich. Man muss herkommen und das selbst erleben. Juist hat einfach was und diese Gezeiten bringen das nochmal anders hervor. Es ist Verbundenheit mit der Natur, es ist Liebe zur See und es ist die Art von Weisheit, die man erlebt haben muss.

Die Kraft der Gezeiten spielt uns nichts vor, sie ist einfach da. Sie ist halt eine Urkraft. Wir besinnen uns darauf, wie klein wir als Menschen sind, wie sehr wir versuchen können, den Lauf der Tide und die Strömungen vor der Küste, die Versandung eines Hafens aufzuhalten, aber am Ende holt sich die Natur zurück, was ihr gehört. Der Wille der Gezeiten setzt sich schlussendlich durch und das ist ein Gefühl, das absolut erhebend ist. Auch eine seltsame Weise ist dieses Verständnis grandios. Und das, finde ich, erlebt man überall auf Juist, wenn man sich mit offenen Augen und Ohren darauf einlässt.

Die Gezeiten machen Juist erst zu dem, was es ist. Es ist natürlich, naturbelassen. Juist ist der Rhythmus der Gezeiten. Juist ist Langsamkeit. Juist ist, wenn man zum eigenen Glück und zur eigenen Gesundheit quasi gezwungen wird, weil es einfach nicht groß anders geht.

Und die Wurzel all dieser Dinge, die Juist so faszinierend machen, sind die Gezeiten. Es ist das Spiel von Hochwasser und Niedrigwasser, der Unterschied von Ebbe und Flut.

Der Rhythmus der Gezeiten bedingt nämlich: 

  • Die Entschleunigung
  • Die Faszination Wattenmeer
  • Den wundervollen Strand

Und … tanzt du schon im Rhythmus der Gezeiten?

Was ist Rhythmus für dich?Schreibe deine Gedanken:

Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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