Panta Rhei.

Die Gezeiten.

Alles ist Veränderung.

Die Gezeiten kenne ich, weil ich Juist kenne.

Als ich zum ersten Mal nach Juist fuhr, war das eine abenteuerliche Sache. Damals gab es noch die Inselbahn, und die Überfahrt, zuerst mit dem Schiff zum Anleger und dann der Umstieg in das kleine Inselbähnchen, erinnere ich heute noch als echtes Unterfangen. Manchmal war das Wasser schon hoch angestiegen und ich hatte die kindliche Sorge, dass wir es gar nicht mehr bis zur Insel schaffen würden, sondern vorher vom Meer verschluckt würden. Wir konnten bei der Fahrt durch das Watt zusehen, wie sich die Gräben mit brackigem Wasser füllten und die Flut langsam das eben noch sichtbare Land zurückeroberte. 

Ich erinnere mich an die warnenden Worte der Erwachsenen: „Bloß nicht bei Ebbe baden gehen!“ Denn dann würden mich die Strömungen schonungslos ins Meer hinausziehen.

Meine Mutter ist bis zu ihrem Lebensende nicht gern schwimmen gegangen. Wenn es so tief wurde, dass sie nicht mehr stehen konnte, machte sie kehrt. Als sie ein Kind war, hatte sie den Freischwimmer auf Juist gemacht und war dabei in eine eben dieser Strömungen geraten, die sie hinaus ins Meer zogen. Sie dachte, sie würde ertrinken, hatte Todesangst. Ich glaube, so eine Erfahrung wird erst durch die eigene Erfahrung nachvollziehbar. Mir diente sie als gutes Beispiel, die Kräfte von Ebbe und Flut und die gewaltige Stärke des Meeres nicht zu unterschätzen. 

Mächtig sind sie, die Gezeiten des Meeres. Im Leben stehen sie symbolisch für den ewigen Wandel, der oft gar nicht so leicht auszuhalten ist. Viel zu sehr hängen wir an den schönen Momenten und wollen die gefühlt Unguten gar nicht haben oder schnell wieder loswerden.

Doch die Natur lehrt uns, dass beides seine Daseinsberechtigung hat. Ohne Dualität kein Leben.

Im Alltag gerät das oft in Vergessenheit. Die Gezeiten erinnern daran.

Die Anziehungskraft von Sonne und Mond bestimmen den Rhythmus der Natur. 

Die Gezeiten entstehen, das weiß man heute, durch die Anziehungskraft des Mondes und der Sonne auf die Erde. Der Mond, der der Erde am nächsten ist, hat den größten Einfluss. Seine Gravitationskraft zieht das Wasser der Erde zu sich hin. Auf der dem Mond zugewandten Seite führt das zu Flut. Gleichzeitig entsteht auf der gegenüberliegenden Seite der Erde, durch die Trägheit des Wassers, eine weitere Flutwelle. Die Erde dreht sich täglich unter diesen beiden Flutbergen hindurch, was zu den regelmäßigen Gezeiten führt, die wir an Küsten beobachten. 

Dass sie in manchen Meeren kaum wahrnehmbar sind, ist hauptsächlich auf geografische und hydrodynamische Faktoren zurückzuführen. So spielt die geografische Lage und Form des Meeresbeckens eine Rolle, ebenso die Wasserlinie oder die Küstenlinien und Kontinentaleffekte. An der Nordseeküste stimmen die Bedingungen. 

Panta Rhei: Die Lehre der stetigen Veränderung

Der rhythmische Zyklus der Gezeiten spiegelt sich nicht nur im Wasser, sondern auch im menschlichen Leben wider, denn es vollzieht sich genauso in Phasen von Aufschwung und Rückzug. Die Aufschwungphasen des Lebens empfinden wir in aller Regel als positiv und wollen mehr davon, die Abschwungphasen bewerten wir als eher negativ, sie sollen schnell vorbei gehen. Wir wollen immerzu Flut und scheuen die Ebbe. 

Nichts bleibt wie es ist.

Alles verändert sich stetig.

An etwas festzuhalten, bringt nichts.

Außer Leiden.

Es bringt wenig, sich gegen das Leben zu sträuben. Wie die alten Griechen wussten – und die Weisen des Ostens übrigens auch – ist das Leben Wandel, ein stetiger Fluss, in dem sich alles ständig und immer wieder verändert. 

Die Lehre von „Panta Rhei“, oft erklärt mit „Alles fließt“ oder „Alles ist in ständiger Veränderung“, stammt von dem griechischen Philosophen Heraklit, der um 500 v. Chr. lebte. Diese philosophische Idee betont, dass die Welt in einem kontinuierlichen Zustand des Fließens und der Veränderung begriffen ist.

Die Gezeiten können dich lehren, im eigenen Leben mehr Gelassenheit und Anpassungsfähigkeit zu entwickeln. Denn Veränderung wird es immer geben. Ob du willst oder nicht. 

Anpassung als Überlebensstrategie  

Angepasst sein und leben möchte heute kaum noch jemand. Es geht doch um Individualität und das Herausstechen aus der Masse. Wir wollen besonders sein oder wenigstens das Gefühl haben, das es so ist.

Doch ist dieser Weg wirklich klug?

Menschen auf Juist müssen sich anpassen, begonnen mit der An- und Abreise per Schiff, denn sie ist ganz und gar abhängig von den Gezeiten. Oft wird die gesamte Tagesplanung ausgerichtet auf die Tide: Wann ist Badezeit, wann eignet sich der Strand am besten für einen Spaziergang, um festen Boden unter den Füssen zu haben? Surfen oder Segeln klappt auch nur dann, wenn das Wasser hoch steht. Die Gezeiten bestimmen das Leben auf Juist, das ist hier völlig normal, und so passt sich auch jeder Besucher und jede Besucherin an die von der Natur vorgegebenen Rhythmen an. Ganz ohne Diskussion, denn sie ist nicht zu gewinnen. 

Nicht der Stärkste überlebt, nicht einmal der Intelligenteste, sondern derjenige, der sich am schnellsten einem Wechsel anpaßt.

Charles Darwin

Als Heraklit vor vielen Tausenden Jahren seine Theorie von Panta Rhei niederschrieb, konnte er nicht ahnen, wie sich die Welt entwickeln würde und vor welchen Herausforderungen die Menschheit einmal stehen würde.

Die Fähigkeit, flexibel auf die Veränderungen des Lebens zu reagieren, wird gerade in der heutigen Zeit immer essentieller. Denn die Dinge verändern sich in einer Geschwindigkeit, der wir kaum noch folgen können. Alles ist agil geworden, und wer sich nicht anzupassen weiß, bleibt auf der Strecke. Gerade war es noch so, doch, na und und huch, jetzt ist es schon wieder ganz anders. C’est la vie. Punkt.

Ob es sich um berufliche Herausforderungen, familiäre Veränderungen oder persönliche Krisen handelt, die Fähigkeit, sich anzupassen und aus jeder Situation das Beste zu machen, ist eine Entscheidende. Die Kunst ist, auf Kurs zu bleiben und das langfristige Ziel im Blick zu behalten, auch wenn sich Pläne ändern, wenn die Umstände dies erfordern. 

Alles hat seine Zeit.

Auf Juist gibt es eine alte Weisheit. Sie besagt, dass Menschen bei Flut geboren werden und bei Ebbe sterben. Bewiesen ist das nicht. Doch es würde Sinn machen. Das Leben als ein Kommen und ein Gehen im Rhythmus der Gezeiten.

Ebbe und Flut folgen einem unerschütterlichen und unumstösslichen Zeitplan. Während der Flut füllen sich die Buchten und Häfen und Gräben mit Wasser, das alles überdeckt. Die Ebbe hingegen zieht das Wasser zurück und legt frei, was sonst verborgen blieb. Sie enthüllt die verborgenen Schätze am Meeresboden.

Auch das Leben bringt immer wieder Perioden der Stille oder der scheinbaren Stagnation. Wer sie als Wert erkennt, kann sie bewusst als Raum für innere Reflexion und Erneuerung nutzen.

Alles hat seine Zeit. Alles ist gleichermaßen wertvoll. Nichts ist besser oder schlechter als das andere. Das macht uns die Natur vor.

Die Natur eilt nicht und dennoch wird alles erreicht.

Laotse

Die Kunst, loszulassen. Nach der Ebbe kommt die Flut. Und so weiter und so weiter.

Die zurückweichenden Wellen der Ebbe erinnern symbolisch immer wieder daran, die Dinge gehen zu lassen und das, was nicht mehr passt oder zurückhält, wirklich loszulassen. So wie das Meer Strandgut ans Ufer spült und wieder mitnimmt, lehren die Gezeiten, Erfahrungen, Erinnerungen und sogar Beziehungen loszulassen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Um mit weniger Ballast durchs Leben zu gehen und sich freier zu bewegen.

Eine Freude, die von außen kommt, wird uns
auch wieder verlassen. Jene Werte aber, die im Inneren wurzeln, sind zuverlässig und dauernd.

SENECA

Resilienz üben mit dem Rhythmus der Natur.

Die Gezeiten sind so auch ein Musterbeispiel für die Resilienz, die Fähigkeit, in Krisenzeiten wie eine Katze auf den Füssen zu landen, oder, wenn es einen richtig zerlegt, nach dem Fall wieder aufzustehen.

Die Gezeiten trotzen Stürmen und ruhigen Tagen, indem sie einfach weiter machen. Sie bleiben doch immer präsent und verlässlich. Resilienz zu kultivieren bedeutet, die natürlichen Rhythmen des Lebens zu akzeptieren und zu verstehen, dass nach jeder schwierigen Phase wieder eine Zeit der Erholung und des Aufbaus kommt.

So wie die Gezeiten zeigen, dass nach jeder Ebbe eine Flut folgt, kannst du blind darauf vertrauen, dass nach schwierigen Zeiten wieder bessere Tage kommen. Diese Einsicht wirkt beruhigend und schenkt Vertrauen in den Lauf der Dinge.

Dann wird es leichter, durch das Auf und Ab des Lebens zu navigieren. 

Nichts in der Geschichte des Lebens ist beständiger als der Wandel.

Charles Darwin

Wenn du das nächste Mal Juist besuchst, betrachte das Kommen und Gehen des Wassers und die Veränderungen, die damit einhergehen, einmal ganz bewusst. Vielleicht fühlst du sie sogar.

Denn diese Zyklen bringen eine besondere Energie mit sich, die sich rhythmisch und immer wieder erneuernd anfühlt.

So stehen die Gezeiten nicht nur als ein Symbol für stetigen Wandel und immer wiederkehrende Erneuerung, sondern auch für die Notwendigkeit, sich immer wieder an neue Bedingungen anzupassen. Übung macht auch hier den Meister und die Meisterin.  

Es gibt Gezeiten im Leben des Menschen, und weiß er die Flut zu nutzen; dann hebt sie ihn empor zum Glück.

William Shakespeare

Inspiriert vom Gezeitenzyklus ein paar Denkanstösse, über die es sich besonders gut am Juister Strand reflektieren lässt. Egal, ob bei Ebbe oder Flut.

  • Wie leicht fällt es dir, mit Veränderungen umzugehen? Auf einer Skala von 1 bis 10 – 10 super leicht, 1 sehr sehr schwer.
  • Wieviel Vertrauen hast du in das Leben? Was macht es dir schwer, zu vertrauen?
  • Wie fühlst du dich in den Abschwungphasen deines Lebens – und wie in den Aufschwungphasen?
  • In welchen Phasen hast du am meisten gelernt? Erinner dich an vergangene Erfahrungen.
  • Welche Veränderung wirst du als nächstes angehen, nun gestärkt mit dem Wissen, dass alles im Leben wie die Gezeiten einem stetigen Wandel unterworfen ist?

Viel Freude beim Denken und Antworten.

Und wenn es dir im „wahren“ Leben einmal nicht so recht gelingt, mit den ständigen Veränderungen des Lebens so stoisch wie die Gezeiten umzugehen, dann komm zu uns nach Juist, beobachte das Kommen und Gehen des Wassers, und rüste dich für das Abenteuer Leben.

Nicht vergessen: Immer schön acht geben: Bloß nicht bei Ebbe baden!

Das Leben ist eine Reihe von natürlichen und spontanen Veränderungen. Widersetze dich ihnen nicht, das erzeugt nur Kummer.

Laotse

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Katharina Schlangenotto

Ostwestfälin und Mallorca Residente, Yoga Teacher Trainerin aus Leidenschaft und ausgestattet mit der großen Stärke, das Leben von Menschen und Teams ganzheitlich und mit Leichtigkeit in Schwung zu bringen.

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