Neblig.

Phänomen.

Das Erlebnis Seenebel.

Keine Sicht auf Juist.

Ich liebe es, dass ich nach Jahren hier auf der Insel immer noch etwas finde, das ich nicht kannte. „Etwas“? Yes, etwas. Es muss nicht immer was Großes und Beeindruckendes sein, das uns innehalten lässt, das uns einen anderen Blickwinkel eröffnet. Es kann etwas Kleines und Unscheinbares sein, das einfach durch Zufall in unseren Blick gerät und sich ins Hirn einbrennt.

Ich war am Strand. Einfach spazieren, an der Wasserkante, Sonnenuntergang gucken. Ein paar dekorative Wolken, kaum Wind. Super schön. Die perfekte Abendbeschäftigung. Es war gar nicht mal so leer am Strand. Andere Leute saßen da, haben gequatscht, waren ebenfalls unterwegs. Dann fällt mir auf, dass es ein wenig diesig wird. Mein Gedanke: Fängt’s jetzt an zu regnen? Hmm, keine Lust eigentlich auf Regen. Aber einfach mal im Blick behalten. Wird schon passen, bis ich zuhause bin und ein Dach überm Kopf habe. Aber Regen wurde es nicht. Mit einem Mal wurde es so richtig diesig. Neblig. Der Nebel zog einfach ganz plötzlich auf. Wie eine Wand vom Meer aus. Auf einmal konnte ich die Dünenkette kaum noch erkennen und die Lichter des Ortes waren allenfalls noch als entfernte Schemen erkennbar. Ein komisches Gefühl. Mein Herz hat auf jeden Fall schneller geschlagen. 

Von einer einen Sekunde zur anderen war da nichts mehr mit klarem Himmel und Weitsicht, die wir auf Juist als so selbstverständlich hinnehmen. Ich mache mich also auf den Weg zum nächsten Strandaufgang. Gleichzeitig sagt mein Kopf: Du, das ist Seenebel. Du verlierst gleich noch die Orientierung. Man sollte denken, dass das auf Juist mit der Orientierung verlieren gar nicht so schnell geht (entweder rechts oder links, nach vorne oder nach hinten, wenn die Füße nass werden, ist da das Meer), aber in der Realität ist das anders. Die Hand vor Augen habe ich gerade noch so gesehen. Kaum war ich ein paar Schritte von der Wasserkante weg in Richtung Ort, konnte ich das Meer kaum noch hören. 



Apropos hören: Bei Seenebel wirkt die Geräuschkulisse auf mich wie gedämpft. Als würden die Möwen sich auch erstmal orientieren müssen, als suchten die Strandläufer nach ihren Partnern und würden in dieser Zeit nicht pfeifend trällern, als würden die Wellen wie von Watte bedeckt. Ganz ruhig war es. Gespenstisch irgendwie, ganz ungewohnt. Aber auch irgendwie befreiend. Wir sind halt einfach Ohrenmenschen. Wenn auf einmal nichts mehr zu hören ist und die bekannten Hintergrundgeräusche wegfallen, gleichzeitig wird die Sicht immer schlechter – Dann passiert was mit uns. Die Stimmung ändert sich.

Jedenfalls bin ich mit den anderen Menschen, die sich am Strand befunden haben, mehr oder weniger hastig zurück in Richtung Ort. So ungefähr macht die Orientierung ja mit. Einfach immer stur geradeaus, schließlich war ich eh schon fast auf der Höhe eines Strandabgangs. Andere Menschen gingen ganz selbstbewusst quer über den Strand, als wüssten sie genau, wo die Dielen am Strandabgang an der Strandstraße begönnen. Ich weiß, dass ich den Weg kenne, die Entfernung ungefähr einschätzen kann, weil ich den Weg schon dutzende Male gegangen bin.

Du gehst jetzt eiskalt geradeaus, bis die Dünen kommen, dann entscheidest du dich für rechts oder links und gehst dann so lange bis eine Lücke in der Düne kommt.

Mein Gedanke bei Seenebel am strand

Warum? Weil während ich in Richtung Strandabgang gelaufen bin, wurde die Sicht immer schlechter. Und mein Herz hat mehr und mehr gepocht.

Und kalt war mir. Vorher war es noch so warm, aber dann hat es so gewirkt, als wollte der Nebel die ganze Wärme aus der Luft ziehen. Tröpfchen legen sich dann auf die Haut. Es ist ein komisches Gefühl. Nass und kühl und gar nicht mal so angenehm.

Es ist ein bisschen eine Warnung der Natur, finde ich. Unsere Sinne arbeiten noch so sehr und doch schafft der Nebel es, uns zu dämpfen, unsere Stimmung zu ändern und unser Verhalten zu beeinflussen. Der Natur und dem Wetter ist es nämlich egal, ob ich meinen Strandspaziergang eigentlich ausdehnen wollte oder auch nicht.

Den Seenebel kannte ich vorher nur aus Erzählungen. „Du glaubst gar nicht, wie schnell der Seenebel hier aufzieht. Dann siehst du gar nichts mehr!“ Das habe ich verstanden und verinnerlicht. Aber das selbst zu erleben, ist nochmal eine ganz andere Nummer. Meine eine Bekannte meinte eiskalt: „Jo, da verläuft man sich schon mal. Ist halt nicht klar, wo Meer und wo Ort ist. Mir sind die Füße nicht nur einmal nassgeworden bei Seenebel. Aber es ist halt eine Insel. Wenn du nasse Füße kriegst, bist du zu weit gelaufen.“ Verrückte Welt, oder?


Die Wissenschaft dahinter.

Wenn warme, mit Feuchtigkeit gesättigte Luft sich über einer kalten Fläche abkühlt, kann sie weniger Wasserdampf speichern und kondensiert. Es bilden sich feinste Wassertröpfchen in der Luft. So entsteht Nebel.

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„Plötzlich auftretender Nebel ist besonders in Küstennähe und dicht befahrenen Gewässern sehr gefährlich, da sich Seenebel schnell bildet und die Sicht rasch auf weniger als 0,5 Seemeilen sinkt. Je stärker der Wind, umso dichter wird außerdem der Nebel. Seenebel tritt also auch bei Starkwind auf und ist gerade im Zusammenhang mit Gewitterfronten besonders gefährlich. Im Herbst zum Beispiel entsteht Seenebel, wenn das Wasser noch warm ist, die kalte Herbstluft diese Feuchtigkeit nicht mehr aufnehmen kann. Erst, wenn sich die Windrichtung ändert, Wind aufkommt oder die Sonne aufgeht, verschwindet der Nebel meistens.“

So weit, so gut. Jetzt verstehen wir also, welche Wettervorkommnisse Seenebel erscheinen lassen. Das tut aber, meiner Meinung nach, der besonderen Stimmung, die der Seenebel auslöst, keinen Abbruch.


Nebel als Symbol.

Es fühlt sich seltsam an, etwas zum ersten Mal zu erleben, finde ich. Der Natur ganz ausgesetzt zu sein. Natürlich, man hätte im schlimmsten Fall das Handy hervorholen und mit dem Kompass oder der Navi-App den Weg zurück in den Ort gefunden. Klar. Trotzdem. Der erste Augenblick, als mir klargeworden ist, dass das Seenebel ist, hatte ich die Stimme meiner Bekannten wieder im Kopf. Nasse Füße. Ne, danke.

Es ist, als würde die Welt stillstehen, wenn sich der Nebel über den Strand legt. Alles erscheint so unwirklich. Wie gemalt. Als würde unser Leben für einen Moment eine Pause machen. Es ist ein ganz grandios schöner Moment, finde ich, wie eine Verschnaufpause vom Alltag, gleichzeitig aber das Zeichen, dass wir Menschen trotz aller Technologie der Natur ausgesetzt sind.

Jetzt aber nicht missverstehen: Nebel kann echt gefährlich sein. Beim Autofahren – was ja auf Juist nicht wirklich relevant ist – und beim Schippern auf dem Boot. Sogar zu Fuß. Ich hätte gedacht, dass es viel leichter ist, die Orientierung zu behalten, aber dem ich nicht so. Der Nebel nimmt einem die akustischen und visuellen Anhaltspunkte. Kommt Nebel auf – weg vom Strand. Sicherheit geht immer vor. Tolle Fotos kann man auch von einer der Aussichtsplattformen knipsen. Weil wie man sieht, selbst, als ich den Strand verlassen habe und munter meine Handykamera benutzt habe, der Nebel taucht gar nicht so arg auf der Kamera auf, wie in der Realität. Auf die Entfernung konnte man nämlich kaum was sehen. Vor sich ebenso wenig. Auf den Fotos sieht das ja alles harmlos aus.

Ich will mir den Seenebel als eine Art Schleier vorstellen. „Wand“ finde ich zu brachial. Nebel ist ein Leise-Macher. Nebel ist besonders. Nebel kommt langsam und dann mit Wucht. Nebel wirkt gar nicht gefährlich oder böse oder furchteinflößend. Nebel wirkt fast wie eine Umarmung des Wetters. Nicht umsonst sprechen wir von „vernebeln“, „umnebeln“ und so weiter und so fort. 

Der Nebel nimmt uns die Sicht. Heutzutage ist es zum Glück relativ einfach, dieser Gefahr zu entkommen – Handy-Navi an, Nebelschlussleuchte am Auto, Taschenlampe einpacken.

Ein bisschen Ehrfurcht ist da immer noch, denn, zwar können wir erklären, wie Seenebel zustande kommt, aber seiner Magie und seiner besonderen Stimmung tut das keinen Abbruch, denke ich. Zum Glück sind wir immer noch Ohrenmenschen und Augenmenschen. Fehlen uns diese Sinneseindrücke – ob visuell oder akustisch – oder ändert sich unsere Wahrnehmung – die Luft wird kühl und feucht –, sind wir doch immer noch wachsam und unser Körper reagiert instinktiv, so, wie die Körper der Menschen früher auch reagiert haben müssen.

Wir suchen in unserer Welt bewusst oder gar unbewusst nach Erlebnissen, die uns faszinieren. Mich fasziniert der Seenebel. Warum? Weil es neu ist. Unerwartet: Da hat man so einen schönen Tag mit so schönem Sonnenuntergang und dann wird es diesig und neblig. Nebel und Wetter sind jenseits unseres Einflusses. Wir können den Nebel nicht verscheuchen. Fühlen wir uns durch diesen Nebel, der Tau auf die Blätter der Bäume im Wäldchen malt, der die Geräusche der Wellen schluckt und die Insel wie zu umarmen scheint, anders? Ich finde ja. Es macht was mit uns. 

Für mich war der Seenebel eine neue Erfahrung. Sicher lachen mich die Inselmenschen jetzt aus. „Kennt doch jeder!“ – Ich nicht. Und ich bin sicher, ich bin nicht die einzige, die diese Erfahrung noch nicht gemacht hat. Und selbst jetzt, einige Zeit später, denke ich mit einem leichten Schaudern an diesen Seenebel zurück, der sich wie Tröpfchen auf der Haut verteilt, der es ganz still macht, der einem die Sicht nimmt – zumindest ein Stück weit.

Und gleichzeitig will man als moderner Mensch alles irgendwie einfangen. Also: Handy rausziehen und abdrücken. Ich bin wirklich keine perfekte Fotografin, aber mein Gefühl sagt mir, dass es wirklich Fähigkeiten braucht, um den Seenebel einzufangen, so majestätisch und besonders und nuanciert wie er ist. Aber ich mag das: Während ich hoffe, dass die Fotos in diesem Artikel dir eine Idee für das geben, wie sich Seenebel so ungefähr anfühlt, hoffe ich zugleich, dass es noch Dinge auf dieser Welt gibt, die man einfach nicht einfangen kann, weil sie ihre wahre Magie gar nicht in unseren Fotoalben entfalten können.

Weißt du, was ich meine? 



1 Gedanke zu „Phänomen.“

  1. An unserem Hochzeitstag kam nachmittags plötzlich Seenebel auf. Die Fotos sind ganz besonderes geworden. Wir finden es toll, dass wir so außergewöhnliche Bilder haben.

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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