Nirgendwo.

Zwischen zwei Orten

Kennst du dieses Gefühl? Manchmal ist man nicht ganz hier und nicht ganz da, nicht angekommen, aber auch nicht so richtig auf dem Weg.

Ich fühle mich dann irgendwie „halb“. Am einfachsten ist es bestimmt, wenn ich erzähle, dass ich beim Zugfahren im Prinzip immer Hunger habe – ganz gleich, was ich alles schon gegessen habe. Beim Zugfahren bin ich zwischen Abreise und Ankunft, zwischen zwei Orten und Zeit spielt irgendwie nur eine untergeordnete Tolle.

Liminalität?

Zu deutsch (so pi mal Daumen): „„Liminaler Raum“ ist ein Wort aus dem Bereich der Architektur, das einen physischen Ort zwischen zwei anderen Orten beschreibt. Liminalität ist eine Schwelle – ein Raum, der nicht hier und nicht dort ist, sondern irgendwo dazwischen. Liminale Räume werden oft mit Unbequemlichkeit und Unwissen belastet. Man fragt sich: Ist das der richtige Weg? Werde ich pünktlich ankommen? Wann werde ich endlich da sein? Liminale Räume sind nicht nur desorientierend, sondern sie können auch neue Perspektiven eröffnen. Man hetzt oft durch diese Räume, verpasst aber somit, was diese Räume ausmacht und was sie uns bieten.“ (Robyn Hilger)

Klingt ja erstmal alles ziemlich theoretisch. 

Liminal.

Wir alle kennen diesen Moment: Es geht ab in einen anderen Ort, ganz egal, ob für den Urlaub, einen Besuch oder die Arbeit oder so. Es ist Vorfreude und Vorbereitung und der Weg zu Ort X. Liminale Orte sind nichts Halbes und nichts Ganzes.

Wir ticken in diesen Räumen alle nach einer anderen inneren Uhr. Am Flughafen merkt man das ganz extrem: Jemand kommt gerade aus Tokio, ist noch ganz verschlafen von der Reise, eine andere Person trinkt um fünf Uhr morgens gefühlt erstmal ein Bier, um vom Reisestress runterzukommen, eine Gruppe stimmt sich mit lauter Musik auf den Urlaub ein, jemand anderes ist ganz verdattert vom Trubel am Flughafen, weil es doch noch so früh am Tag ist. Am Flughafen gelten Uhrzeiten nicht. Wir sind alle in verschiedenen Zeitzonen unterwegs. Der Flughafen ist nicht das Ziel der Reise, sondern nur der Vermittler, sozusagen. Man steigt von einem Flugzeug ins andere, um an einen Ort zu kommen. Die Magie der heutigen Technik bringt uns innerhalb weniger Stunden zu fremden Kulturen, in exotische Länder oder einfach an unser Ziel. Wir fiebern darauf hin. Flughäfen sind nicht das Ziel, sondern der liminale Raum zwischen Ort A und Ort B. 

Genau wie Züge. Wenn ich mit dem Zug fahre, schaue ich mir die anderen Reisenden an und frage mich, wohin sie wohl gerade fahren. Hat irgendwie was Voyeuristisches. Der Anzugträger im Vierer gegenüber ist bestimmt auf dem Weg zur Arbeit oder zu einem wichtigen Außen-Termin. Logisch, mit der Tasche und dem aufgeklappten Laptop auf dem Schoß. Die Frau mit dem weinenden Baby fährt vielleicht zum Kinderarzt oder zu Opa und Oma in den nächsten Ort. Und die Gruppe mit den großen Rucksäcken? Auf dem Weg in die weite, weite Welt.

Wenn ich mit der Fähre fahre, bin ich irgendwie zwischen zwei Orten – Norddeich und das Festland auf der einen Seite, Juist auf der anderen. Die Fähre ist das Mittel zum Zweck, der Weg in den Urlaub für euch. Aber noch so viel mehr. 

Ich schaue dann in den Horizont und denke mir, wie weit die Welt eigentlich ist. Wie viel sie zu bieten hat. Was ich alles erleben und sehen und mitnehmen kann.

Juist.

Auf der Fähre prallen Welten aufeinander: Die einen sind begeistert und voller Vorfreude auf den Urlaub, die anderen müssen zurück in den Alltag. Und doch sind wie alle für diese 90 Minuten Fahrt „eingesperrt“ gemeinsam. Ich sage „eingesperrt“ – Aber nicht, weil sich das für mich so anfühlt, sondern weil dieses Wort, finde ich, perfekt unterstreicht, was diese liminalen Räume sind: Eine gewisse Gefangenschaft im Moment, ein Ort zwischen Orten, die wir nicht so einfach verlassen können. 

Fast wie eine anthropologische Studie. Mensch A ist heftig am Feiern und voller Urlaubssehnsucht, zwei Plätze weiter ist Mensch B vom Kopf noch auf dem Festland und eher widerwillig auf dem Weg zurück in den Alltag, auf dem Oberdeck ist Mensch C am Dösen, während Mensch D ungeduldig wartet, bis das Schiff endlich im Hafen eingelaufen ist, Mensch E ist konzentriert am Arbeiten, damit alle sicher ankommen. 

Die Zeit auf der Inselfähre ist komisch für mich: Ich habe ständig Hunger und mir ist immer langweilig. Dabei sind das normale 90 Minuten, wie sonst auch. Das Reisen macht etwas mit mir. Ich bin auf dem Weg zu meinem Ziel, in den Urlaub, auf Dienstreise, zur Familie, zum Shoppen – was auch immer. Aber ich bin nur auf dem Weg. Ich bin also irgendwo zwischen Heimat und Zielort. Wir können nichts tun. Beim Autofahren haben wir zumindest noch Kontrolle: Wir können die Staunachrichten hören und einen Umweg fahren, Spuren wechseln, wenn uns danach ist. Aber auch auf der Fähre sind wir den Gezeiten und dem Kapitän total ausgeliefert. Ähnlich wie beim Bahnfahren – Nur, dass man da aussteigen kann an der nächsten Station. 

Trotzdem ist die Inselfähre für so viele Menschen der erste Schritt in den Urlaub. Warum? Ich habe keine Ahnung. Ich vermute allerdings, dass sich die mentale Einstellung ändert, sobald man weiß, dass man jetzt fast da ist und man selbst nichts mehr machen kann. Jemand Anders steuert das Schiff, gibt die Anweisungen, kümmert sich um den Koffer. Die Gezeiten spielen ihr Spiel und dagegen sind wir machtlos. Der Urlaub beginnt mit der Abwesenheit von Entscheidungen. Und so ist der Urlaub glatte drei Stunden länger, wenn die Fährfahrt nicht Teil der Abreise, sondern Teil des Urlaubs ist. Total sinnvoll. Sollten wir alle so sehen.

Es ist ein gutes Gefühl, finde ich, in einem dieser Orte zwischen zwei Orten zu sein. Kribbelig irgendwie. So ist es ja auch mit dem Horizont: Er ist unendlich. Immer hat man das Gefühl, ihn anfassen und fangen zu können und dennoch ist er kaum mehr als eine vage Idee in unserem Kopf. Er ist unfassbar. Und das macht ihn, diesen Horizont, zu so einem besonderen Stückchen Welt. Man erreicht ihn nicht, aber man ist auf dem Weg zu ihm. Der Horizont, meiner Meinung nach, ist ein liminaler Raum.

Und?

„Liminalität bezeichnet einen temporären Schwellenzustand in verschiedenen Situationen, in welchen sich Gruppen oder Personen befinden können. So beschäftigt sich der Begriff nicht mit dem Ziel oder dem Anfang, sondern mit dem Dazwischen. In dieser Übergangsphase wird die normale Ordnung aufgehoben und eine flexible, ungewisse Situation entsteht, welche das Potenzial von Veränderung ermöglicht.“ (Yannic Siegwart, tize.ch)

Wir schweben zwischen zwei Orten wie frei herum. Wir verändern uns, denn wir haben die Freiheit in diesen Momenten der Schwerelosigkeit, genau das zu tun. Beispiel gefällig? Eine Zeitlang hat die Reederei Frisia zum Ablegen der Inselfähre „Biskaya“ nicht gespielt. In diesem liminalen Raum, in diesem Niemandsland zwischen Juist und Norddeich, gelten andere Regeln. Eine Regel vieler Menschen: Beim Ablegen muss Biskaya gespielt werden. Eine Dame holte ihr Handy raus und ließ das Lied von James Last laufen. Laut. Sehr laut. Ich fand’s ein bisschen nervig, die meisten anderen Leute hatten ein fast schon seliges Lächeln auf den Lippen. In diesem Moment war klar: Der liminale Raum zwischen Ort und Ort hatte die Regel, dass „Biskaya“ gespielt werden sollte und als genau das passiert ist, waren die Leute irgendwie angekommen und haben ihren Moment in dieser ungewissen Situation genossen.

Ich finde das absolut faszinierend. Und vielleicht, nur vielleicht, sind diese liminalen Räume zwischen zwei Orten, diese Transitbereiche, den heutigen Social Media-Hype wert, denn ich kann diese Faszination für die Schwebe, die Schwelle, die Weder-das-eine-noch-das-andere-Idee, nachvollziehen. 

Zurück zum Anfang.

„Man hetzt oft durch diese Räume, verpasst aber somit, was diese Räume ausmacht und was sie uns bieten.“ 

Robyn Hilger

Wenn du also das nächste Mal mit der Fähre nach Juist fährst, nimm doch mal ganz bewusst die Stimmung der anderen Menschen und die Atmosphäre auf dem Schiff wahr. Etwas ändert sich zum Festland. Die Luft ist wie erfüllt mit Spannung, Erwartung, aber auch Resignation, weil endlich alles passiert ist, das man selbst steuern kann.

Erkenne, was diese Inselfähre und damit auch diese Fahrt vom Festland in dein Urlaubsparadies ausmacht, wie sich die Luft anfühlt – und nicht zuletzt, was dieser liminale Raum mit dir macht, denn die Fähre bringt dich nicht nur von A nach B, sondern eröffnet dir bereits beim ersten Schritt aufs Schiff neue Urlaubswelten, bietet dir nicht nur eine gewisse Bequemlichkeit, sondern einen gemeinsamen Ritt durch geliebte Traditionen. 

Du siehst also: So ein liminaler Raum ist was Echtes, etwas, das du anfassen, erfahren und erleben kannst. Und dieses abenteuerliche, vage, abstrakte Gedankenkonstrukt zeigt mal wieder, wie wichtig und richtig die kleinen Momente im Leben sind, die wir oft gar nicht beachten, weil sie lediglich ein Mittel zum Zweck sind.

2 Gedanken zu „Zwischen zwei Orten“

  1. Die Fähre ist für mich der Beginn des Urlaubs: die Anreise mit allem Stress ist vorbei, die Koffer verstauen, die vielen Menschen die auf die Fähre wollen … in dem Moment wo die Fähre los fährt fällt der Stress von mir ab und ich komme runter.
    Seeluft genießen, Sonne auf der Haut, „Leute gucken“ – herrlich!
    Auf dem Rückweg ist die Fähre für mich immer noch Urlaub…. erst wenn ich im Hafen ankomme ist der Urlaub vorbei…..
    Flieger oder Schnellfähre? Für mich absolut keine Option!

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  2. Liebe Julia,

    beim Lesen deiner Worte habe ich Gänsehaut bekommen!
    Herzliche Dank dafür!
    Ich konnte förmlich den Wind und die Sonne spüren.
    Ich bin voller Vorfreude, im Mai werde ich mich ganz alleine auf den Weg nach Juist machen.
    Eines habe ich mir fest vorgenommen; diese kostbare „liminale Zeit“ ausgiebig zu geniessen.
    Freue mich sehr auf die Insel, und die Erfahrung mich selbst „auszuhalten“.

    Liebe Grüße
    Francisca

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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