Langsam.

Das Leben ist doch kein Dauerlauf.

Wir leben in einer ziemlich hektischen Welt. E-Mails, WhatsApp, FaceTime, Skype, Instagram, Netflix, Schnellzüge, Überschallflugzeuge, 4D-Kinos, Chatbots, künstliche Intelligenz und, und, und.

Alles kann sofort geschehen. Selbst spezifischstes Wissen ist kaum mehr als einen Knopfdruck entfernt. Wir sprechen problemlos mit Menschen am anderen Ende der Welt. Wir unterhalten uns mit Maschinen. Wir können Pegelstände und Gezeiten berechnen. Wir können innerhalb weniger Stunden hunderte Kilometer weit reisen. 

Das finde ich, wenn ich mal ernsthaft darüber nachdenke, ziemlich beeindruckend. Denken wir nur mal 100 Jahre zurück – was im Gesamten der menschlichen Existenz ja wirklich nicht viel ist. Vor 100 Jahren war das alles nicht denkbar. Reisen waren quasi unerschwinglich für die meisten Menschen und ziemlich zeitintensiv. Da brauchte es einen Ozeanriesen, der Europäer nach Amerika brachte und andersrum. Heute geht’s – schwupps – ab ins Flugzeug und los.

Praktisch. Aber man gewöhnt sich ja auch dran. Ich bin zum Beispiel daran gewöhnt, mit dem Zug 250 km/h zu fahren. Ich bin daran gewöhnt, mit Freunden in den USA per Videocall kommunizieren zu können. Ich bin daran gewöhnt, Nachrichten aus aller Welt konsumieren zu können. Genau deswegen spricht man da wohl auch nicht so viel drüber. Ist ja alltäglich, dennoch sind auch kleine Wunder des Alltags halt Wunder. 

Lasst uns mal ein paar Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte zurückdenken. Noch vor wenigen Jahren konnten die meisten von uns es sich wohl kaum vorstellen, die eigenen Hausaufgaben von OpenAI schreiben zu lassen, in selbstfahrenden Autos zu sitzen, mit smarten Brillen direkt Infos zu dem zu bekommen, was wir sehen. 

Entwicklung ist exponentiell.

Das hat ein Dozent mal gesagt. Es hat Ewigkeiten gedauert, bis der Mensch das Feuer entdeckt hat und doch waren es kaum Augenblicke zwischen der Erfindung des Internets und OpenAI mit all seinen phänomenalen Möglichkeiten.

Ich finde das absolut faszinierend. Aber ich bin ja auch nicht das Maß aller Dinge.

Aber – wenn ich immer mit 150 km/h auf der Autobahn auf der linken Spur rase, fühlen sich dann 80 km/h nicht unglaublich langsam an? Ich denke schon. Geschwindigkeit ist relativ. 

Ja, ich weiß: Geschwindigkeit ist nicht relativ, sondern absolut. Geschwindigkeit kann man extrem gut messen (höhere Physik lassen wir mal beiseite). Geschwindigkeit ist etwas, das wir ausdrücken und verstehen können, weil wir es erleben. Wenn jemand sagt, ein Zug fährt 300 km/h oder jemand läuft 100 m in unter 10 Sekunden, dann kann ich das verstehen und mir das vorstellen – im Großen und Ganzen jedenfalls. Ich weiß, was das bedeutet.

Trotzdem. Mein Gefühl für Geschwindigkeit ist relativ. Bin ich zu lange zu sehr an eine schnelle Geschwindigkeit gewöhnt – sei es beim Auto- oder Zugfahren, im alltäglichen Leben, bei der Internetverbindung zuhause beim Streamen –, fühlt sich die Langsamkeit schrecklich anstrengend an. Wie ein Ding, das gelöst werden muss, ein Umstand, der nicht in Ordnung ist, wie eine Unannehmlichkeit, die man bereinigen sollte. Wie ein Problem. Und das ist echt nicht schön.

Weil dann frage ich mich – diese Eile, diese Hast, in der wir leben, dieses Hetzen von Termin zu Termin, von Ort zu Ort.

Ist das richtig so?

Ist das gut so?

Natürlich, das Leben diktiert unsere Geschwindigkeit. Wir sind oftmals an Vorgaben gebunden. Das ist halt so.

Trotzdem.

Das Leben kann ganz schön schnell sein.

Die Welt wird nicht langsamer werden. Wir brauchen daher Mechanismen, um uns an diese schnelllebige Zeit anzupassen, sagt Stephan Boes von Perspective Daily.

Mit Mechanismen kann ich nicht dienen, aber mit meinen persönlichen Gedanken dazu schon.

Eine Liebeserklärung an die Langsamkeit.

Wenn ich also noch mal einen Schritt zurückmache – Ist es nicht ein schlechtes Zeichen, wenn Langsamkeit mir wie ein Problem vorkommt? Ich finde schon. Rasen wir nicht an den kleinen Momenten und den Besonderheiten vorbei, wenn es immer darum geht, mehr zu sehen, mehr zu erleben, das schnellere Auto zu fahren, das neueste Handy zu besitzen, Stadt A in nur drei Stunden besucht zu haben? Das Leben ist schließlich kein Sprint, sondern – auch kein Dauerlauf … ja, mir fehlt gerade die perfekte Metapher in ein paar Worten.

Deshalb hier meine etwas längere Metapher: 

Ich persönlich stelle mir das Leben gar nicht wie einen Lauf vor, sondern wie einen entspannten Spaziergang, während dem ich mal hier sitzen bleibe und einen leckeren Tee trinke, mal dort die Aussicht genieße, mal eine neue Bekanntschaft treffe, die mich eine Weile begleitet, mal jemanden zurücklassen muss.

Aber dieser Spaziergang ist voller Genussmomente. Denn dieser Spaziergang hat gar nicht das Ziel, möglichst schnell beendet zu sein, sondern jeden Moment möglichst vollends auszukosten, jede Sekunde zu genießen. Einfach glücklich zu sein, wann immer das klappt.

Wenn ich aber durchs Leben renne und immer nur an mein Ziel denke, verpasse ich diese Momente, denn ich konzentriere mich ja nur auf mein Ziel, auf dieses vage „angekommen sein“, nicht auf den Weg selbst. 

Das olympische Motto fällt mir hierzu ein: 

Dabei sein ist alles.

Und auch Konfuzius sagte: „Der Weg ist das Ziel.“

Ich mag diese Vorstellung. Es richtet sich nicht alles nach – was habe ich alles erreicht, was habe ich alles schon gesehen, wo bin ich überall schon angekommen, sondern nach der Langsamkeit als Motor für Genuss.

Jetzt kann da natürlich jeder und jede selbst entscheiden, was das bedeutet und ob man das eigene Leben mal anders anpacken könnte oder sollte. 

Während ich also vor meinem Computer im Büro sitze und diese Worte schreibe, fällt mir auf, was für ein Privileg ist es, diese Langsamkeit genießen zu können. Ich bin eigentlich ein hektischer, unruhiger Mensch. Ich bin schnell gelangweilt, ich pfriemele oft an etwas herum, wenn ich stillsitzen muss, spiele mit Haargummis, wenn ich jemandem länger zu hören muss. Ich bin selten wirklich total entspannt und für Sachen wie längeres Am-Strand-Sitzen, Wellness-Behandlungen oder Meditation fehlt mir die Geduld. Schließlich gibt es so viel zu sehen und zu tun und zu erleben!

Aber gerade fällt mir wirklich auf, wie schön diese Idee von einem langsamen Leben ist. Irgendwie hat es doch was, in den Tag hineinzuleben und nicht von Ort zu Ort, von Termin zu Termin zu hetzen. Und das hat man nur noch an wenigen Orten, denke ich, diesen Luxus von selbstauferlegter Langsamkeit.

Und das ist es, Luxus. Wenn man für sich selbst entscheiden kann, nicht noch einen Termin in den eh schon vollen Tag zu quetschen, nicht noch ein Museum mehr an einem Vormittag zu besuchen und sich danach eh an nichts mehr erinnern zu können, weil der Kopf einfach total überladen ist. Ich mag diesen Luxus, für mich selbst sagen und entscheiden zu können, dass ich heute langsam unterwegs sein möchte, dass ich nicht von Ort zu Ort hetzen will. Ist ein ziemlich tolles Gefühl, diese Möglichkeit zu haben, diese Langsamkeit auskosten zu können. 

Denn immer langsam mit den jungen Pferden.

Immer mit der Ruhe.

Das (heimliche) Motto auf Juist.

Du bist auf der schönsten Sandbank der Welt mit 2 PS (Pferdestärken), mit 2 BS (Beinstärken) oder mit 1 FS (Fahrradstärke) unterwegs. Schneller geht’s nicht. Wirklich schnell bringst du die Kilometer hier nicht hinter dich – vor allem nicht bei Gegenwind. Aber das ist okay. Du kommst nämlich nicht her, um schnell unterwegs zu sein oder so viel wie möglich an einem Tag zu sehen, sondern um genau diese Langsamkeit auszukosten. 

So ein Urlaub auf Juist aber ist ein ganz bestimmter Schritt in Richtung Langsamkeit. Indem du hierherreist, entscheidest du dich ganz bewusst dafür, nicht innerhalb weniger Minuten von Punkt A nach Punkt B fahren zu können. 

Du entscheidest bewusst dafür:

  • auf den Komfort und die Geschwindigkeit des öffentlichen Nahverkehrs und / oder eines Autos zu verzichten. 
  • mit dem Fahrrad oder zu Fuß oder mit der Kutsche unterwegs zu sein. 
  • oftmals erst 90 Minuten auf der Fähre zu verbringen, bevor du dein Urlaubsziel erreicht hast.
  • die Geschwindigkeit des Alltags hinter dir zu lassen. 

Du kommst her, um:

  • beim Spaziergang stehen zu bleiben und einen krächzenden Fasan zu fotografieren.
  • die schöne Muschel am Strand aufzuheben.
  • die Nase in den Wind zu stecken.
  • den Vormittag auf einer Terrasse in der Sonne zu verbringen.
  • um den Wellen zu zuschauen.
  • endlich mal wieder nach so langer Zeit so richtig auszuschlafen, den Tag entspannt zu verbringen, keinen Stress zu haben und keine Hast zu verspüren.

Du reist nach Juist, weil du die Langsamkeit auskosten willst – auch wenn dir das vielleicht (noch) nicht so ganz bewusstgeworden ist.

Einfach mal durchatmen.

Und wie spürst du diese Langsamkeit noch so in der Realität? 

Wenn irgendwo steht, das Geschäft macht um 09:30 Uhr auf, und du bist um 09:30 Uhr vor Ort, dann musst du vielleicht nochmal ein oder zwei Minuten warten, bis die Pforten sich wirklich öffnen. Auch, wenn du glaubst, du bist fast am Ziel angelangt, mag es noch ein bisschen dauern, bis du endlich vor Ort angekommen bist, zum Beispiel, wenn du gelandet bist, aber noch mit der Kutsche vom Flugplatz in den Ort reisen musst.

Du siehst also: Langsamkeit ist nicht immer perfekt und erholsam. Aber das ist auch nicht schlimm, denn das erwartet niemand. Bist du hier im Urlaub, hast du schließlich Zeit.

Nimm dir deine Zeit.

Lass deine Ungeduld auf dem Festland zurück.

Da wartet sie auf dich – gemeinsam mit deinen Sorgen und dem Stress. Und – wer weiß? – vielleicht schrumpfen Sorgen, Stress und Ungeduld während deines Urlaubs ja.

Vor allem aber bedeutet Langsamkeit, dass du Zeit hast, zu atmen, ganz bewusst und ganz in Ruhe, ganz entspannt und ganz frei von Erwartungen.

Diese Langsamkeit gibt dir die Möglichkeit, alles wahrzunehmen: den schönen Sonnenuntergang, den neben dir schlafenden Watvogel, das leckere Eis, die wunderbar bequeme Bank, auf der du sitzt, den Wind auf der Haut, das Salz in der Nase, den Sand unter den Füßen, das Singen der Böen an den Hausecken, die vielfältigen Aromen auf deiner Zunge beim Essen, den grandios bunten Mocktail.

Mit der Geschwindigkeit ist es doch so wie mit den Gezeiten: Mal ist es schnell, mal langsam. Mal ist Hochwasser, mal Niedrigwasser. Mal ist die See stürmisch, mal glatt. Mal ist die Langsamkeit einfach, mal schwer.

Genieße die Langsamkeit

2 Gedanken zu „Das Leben ist doch kein Dauerlauf.“

  1. Diese „Langsamkeit“ auch im Alltag umzusetzen, ist toll. Habe ich das schon während meines Arbeitslebens versucht, ist das im Ruhestand eine tolle Sache. Z.B. Anreise mit Bahn und Fähre, vielleicht mit einer Zwischen-Übernachtung, total entspannend.

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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