Risiken auf dem Weg.
Wenn jemand jede Gefahr auf sich nimmt, um zurückzukehren.
Aus der Flamme bist du gekommen, zur Flamme wirst du zurückkehren und somit Anfang und ende vereinen.
Krishnamurti
Ich gebe es ganz offen zu: Ich hatte eine kleine kreative Blockade. Mir wollte und wollte keine Person einfallen, die perfekt symbolisch für Rückkehr steht, die auf der Insel lebt, die Lust auf ein Interview hat und dir wir als Kurverwaltung nicht schon sehr oft in den Medien „platziert“ haben, wie es so schön heißt.
Aber, wie das halt nun mal so ist, man denkt und denkt und denkt darüber nach. Erst, wenn man nicht mehr drüber nachdenkt, kommt die gute Idee. Zumindest finde ich diese Idee gut. Es soll um die Geschichte der Excelsior gehen. Und natürlich um Heimkehr und Rückkehr. Denn das passt perfekt zusammen.
Aber starten wir zuerst mal damit, was eigentlich eine Rückkehr ist: Google definiert die Rückkehr als ein feminines Substantiv, als „das Zurückkommen nach längerer Abwesenheit, besonders von einer Reise“ und gibt das Beispiel „eine glückliche, unerwartete Rückkehr in die Heimat“. Verwandte Worte sind Heimkehr, Zurückkommen, Rückkunft, Wiederkehr und Wiederkunft.
Ich finde, das gibt schon einen guten ersten Eindruck, aber so richtig fassen kann diese Definition die Emotionen und die Wichtigkeit einer Rückkehr nicht. Ist aber auch schwer. Eine Rückkehr macht unser Herz voll und munter. Eine Rückkehr ist es, worauf wir uns freuen. Eine Rückkehr hat zu tun mit den Menschen, die wie lieben, mit den Orten, die uns wichtig und vertraut sind, mit Sprache, Kultur, Riten, Traditionen, die wir erkennen. Wir kehren zurück in unser Refugium, in unsere Ecke, in unsere Nachbarschaft. Wir kehren zurück an einen Ort der Sicherheit und der Vertrautheit. Und diese Sicherheit und diese Vertrautheit sind es, die uns Gefahren ignorieren und in Kauf nehmen lassen, um zurückzukehren zu diesem Ort.



Der Untergang der Excelsior.
Es begann nicht mal besonders gefährlich – dachte ich jedenfalls beim Lesen der ersten paar Zeilen.
Am 02.02.1866 stach die Excelsior in See. Sie fährt von Hull, England, nach Hamburg. Luftlinie: ca. 660 km. Das englische Frachtschiff war mit Segeln und einer Dampfmaschine ausgestattet – ziemlich praktisch also für eine Fahrt über die Nordsee.
Auf dem Schiff sind:
- 16 Mann Besatzung
- Kapitän William Newton
- Seine Ehefrau, Mary Newton
- Eine Handvoll Passagiere, die nach Hamburg reisen wollten
Das Wetter war bereits bei Abfahrt in England als schlecht vorausgesagt, aber der Kapitän vertraute auf seine Erfahrung. Die Strecke nach Hamburg war er schon mehrfach gefahren, bisher hatte er keine Probleme erlebt. Im 19. Jahrhundert gab es kein GPS, keine modernen Satelliten, genaue Wettervorhersagen oder Windfinder-Apps. Die Kapitäne mussten sich auf ihre Erfahrung, ihre Ortskenntnis und Leuchtfeuer auf dem Festland verlassen. Um diese Leuchtfeuer (oder Baken) aber sehen zu können, mussten die Schiffe nahe an der Küste entlangfahren. Das Gebiet bei Borkum und Juist galt als besonders gefährlich, da sich hier die Sandbänke besonders schnell veränderten und die Navigation daher extra schwierig und gefährlich war.
Während der Kapitän der Excelsior also von Hull nach Hamburg unterwegs war, wurde der Sturm immer schlimmer. Achtern Westwind. Die Böen nahmen zu. Das Wetter wurde immer schlimmer. Der Sturm wurde zum Orkan. Die Excelsior war irgendwo im Nirgendwo auf der Nordsee, die nicht aus Jux als eines der gefährlichsten Meere der Welt bezeichnet wird. Der Kapitän steuerte auf das Borkumer Leuchtfeuer zu, in diesem Moment wohl sein einziger Anhaltspunkt, wo er war und wo er hinmusste. An diesem 04.02.1966 (zwei Tage nach Abfahrt in Hull) geschah es dann: Die Excelsior knallte mit extrem hoher Geschwindigkeit auf eine Sandbank vor Juist – mit einer Geschwindigkeit von mehr als 20 Stundenkilometer. Das Holzschiff zerschellte. Bei diesem Sturm war es, als würde das Schiff auf Beton knallen. Das Schiff wurde manövrierunfähig, das Heck sank, der Bug bohrte sich tiefer und tiefer in die Sandbank.
Bei diesem Unfall gingen bereits Fahrgäste über Bord. Auf Befehl des Kapitäns flüchteten die Überlebenden auf den Mast und in die Takelage. Zehn Passagiere überlebten – sechs englischstämmige Menschen, vier deutschstämmige Menschen. Am Mast band man die Frau des Kapitäns sogar fest, damit das Meer sie nicht schluckte. Alle Versuche, das Rettungsboot zu erreichen und sich damit in Sicherheit zu bringen, scheiterten ob den Seegangs. Aussichtslos. Die Rückkehr aufs Festland schien unendlich weit entfernt, unmöglich sogar.
Auf Juist erfuhr man vom Unglück der Excelsior erst, weil der Strand ungewöhnlich voll war mit Treibgut und gestrandeten Teilen des Schiffs. Ich stelle mir einzelne Holzplanken und Splitter am breiten Juister Traumstrand vor. An der Bill schließlich waren es zwei Männer, die in ca. 1,5 km Entfernung das auf Grund gelaufene Dampfschiff entdeckten. Fast schon unter Wasser war es: Nur noch der Mast und die Takelage schauten raus. Auf ihnen die ermüdeten und erschöpften Passagiere und Besatzungsmitglieder. Insgesamt sechs Tage waren die Überlebenden auf der Excelsior gefangen: Das schlechte Wetter lässt nicht zu, dass die Juister zur Rettung eilen und vom Festland kann man niemanden rufen, denn es gab zu dieser Zeit noch keinen Telegrafen auf dem Eiland. Der Einsatz der Rettungsmänner war aufgrund des Sturms zu gefährlich. Immer und immer wieder versuchen die Insulaner, die Excelsior und die Überlebenden auf ihr zu erreichen. Vergebens. Sechs Tage und sechs Nächte harren die Überlebenden inmitten des Sturm, der Wellen und der Hoffnungslosigkeit aus.
Unvorstellbare Qualen müssen diese Menschen gelitten haben!
Niemand, der nicht dabei war, wird ermessen können, welche Qualen wir durchgemacht haben.
Mary Newton, die Ehefrau des Kapitäns der Excelsior
Seiten voller Geschichten.
Georg W. Kampfer veröffentlicht am 01.01.1999 im Eigenverlag sein Buch über die Katastrophe, die Tragödie, den Untergang der Excelsior. Der auf Norderney lebende Lehrer Georg W. Kampfer will die Geschichte von Schiffsunglücken am Beispiel der Excelsior erzählen. Er möchte nicht nur zeigen und erzählen, sondern lebendig machen, was in der Geschichte passiert ist – für seine Schülerinnen und Schüler. 25 ganze Jahre lang war das Buch dauerhaft vergriffen, bevor unser Juister Buchhändler Thomas Koch das Buch neu auflegte.
Und es hat mich gefesselt! Gerade mal 82 Seiten lang, wird in dem Buch quasi von Minute zu Minute geschildert, wie das Schiffsunglück der Excelsior vor sich ging. Sie ist fesselnd und gruselig und faszinierend, diese Geschichte. Ich will in diesem Artikel nicht zu viel verraten, denn das Buch solltest du dringend lesen. Ein echter Tipp!
Jedenfalls erzählt das Buch „Der Untergang der Excelsior“ von Georg W. Kampfer meisterhaft die Geschichte der Excelsior, die stellvertretend für so viele Schiffe steht, die in der Nordsee als sehr gefährlichem Gewässer, kenterten – speziell vor der Küste Ostfrieslands.
Die Bretter, die die Welt bedeuten.
Die Katastrophe, die die Excelsior, ihre Besatzung und die Passagiere durchgemacht haben, fasziniert. Die Rohheit und die Gefahr der Natur, die Sehnsucht nach Rückkehr, und viele weitere Motive im Buch machen bedrückt und fassungslos. Aber sie wecken auch die kreativen Geister. Das Buch von Georg W. Kampfer wurde als Theaterstück aufbereitet. Es wird, meiner Ansicht nach sehr treffend, als „ein bitteres Gesellschaftsstück über menschliches Versagen beim Katastrophenmanagement“ beschrieben.
Das Stück wird charakterisiert vom Gegensatz der Handlungsstränge, die der Autor Georg W. Kampfer ziemlich meisterlich darstellt: Auf der einen Seite sind da die Schiffbrüchigen – hoffend, wartend, gequält, verletzt, vom Tod gezeichnet. Auf der anderen Seite sind da die Juister – die es tagelang nicht schaffen, die Besatzung und die Passagiere zu retten.
Zurückkommen.
Die Excelsior sollte Menschen zurückbringen: Die Deutschen aus der Ferne nach Hause. Für die Besatzungsmitglieder war es Arbeit, nichts Besonderes. Ab Hamburg würde die Excelsior auch sie zurückkehren lassen in ihre Heimat, nach Hull, nach erledigter Arbeit. Sie alle wussten wohl – mehr oder weniger –, dass die Fahrt übers Wattenmeer gefährlich ist, dass sie Tücken und Gefahren mit sich bringt. Das waren sie alle bereit, zu riskieren für die Heimkehr, fürs Zurückkehren.
Ich nehme als Moral von der Geschichte, dass eine Rückkehr so wichtig ist und für uns so derart zentral, dass wir auch Gefahren in Kauf nehmen. Ein seltsamer Gedanke! Und dennoch so wahr: Die Rückkehr war ihnen so wichtig und hat ihre Hoffnungen und Wünsche wohl so derart befeuert, dass die Gefahr für sie nicht allgegenwärtig war. Der Kapitän dachte, er bringe seine Passagiere sicher zurück in ihre Heimat und seine Besatzung sicher an Land. Dem war nicht so. Viele von ihnen sind nie wieder zurückgekehrt, sondern auf See geblieben.
Der Untergang der Excelsior aber ist ein sehr spannender Stoff, der fesselnd und faszinierend ist. Er tut weh, er ist wahr, er ist aber auch Grund zur Hoffnung. Er spricht über die Rückkehr nach Hause, über das Sehnen nach Rückkehr vom Meer aufs Land.
Mehr Geschichten übers die Tragödie der Heimkehr.
Quellen.
https://www.fft-duesseldorf.de/spielplan/der-untergang-der-excelsior
https://www.freieszene.de/event/der-untergang-der-excelsior/2024-10-18
https://www.amazon.de/Untergang-Excelsior-Chronik-ostfriesischen-Trag%C3%B6die/dp/B007FRU95M
https://www.juistbuecher.de/p/georg-w-kampfer-der-untergang-der-excelsior
https://rp-online.de/kultur/seniorentheater-spielt-den-untergang-der-excelsior-im-fft_aid-120276555

