Strandung

Aufgelaufen.

Gestrandet – Aufgelaufen – Festgemacht.

Strandungen und Havarien.

Zeit ist’s, die Unfälle zu beweinen, wenn sie nahen und wirklich erscheinen.

Friedrich von Schiller

Als ich mir Gedanken gemacht habe, was ich schreiben soll zum Thema „Strandung“, fiel mir schnell ein, welche Institution ich vorstellen möchte. Im Bestfall haben wir niemals mit ihnen zu tun. Sie sind die Menschen, die uns retten können, aber die wir auf diese Art und Weise nicht treffen möchten. Ich möchte über die Seenotretter sprechen, denn sie sind da, wenn wir sie brauchen.

Auf dem Festland und fernab der Küsten sind sie uns vielleicht nicht so präsent, aber hier an der Küste und hier auf der Insel sind sie allgegenwärtig. Zum Glück. Wenn ich drüber nachdenke – Man fährt ja mit der Fähre übers Wattenmeer. Genau auf dieser Fahrt könnte eine Menge passieren. Hoffentlich nichts, aber wenn, dann sind sie da. Waren sie da – nicht nur einmal kamen die zum Einsatz. Mehr dazu später in dieser Geschichte.

Strandungen und Strömungen.

Ein richtiger Steuermann fährt mit zerrissenem Segel, und wenn er die Takelage verloren hat, zwingt er dennoch den entmasteten Rumpf des Schiffes auf Kurs.

Lucius Annaeus Seneca

Wie standet man? Es ist die Strömung, die Besitz und Kontrolle von einem ergreift. Die Strömung zieht einen Weg von dem Kurs, den man nehmen wollte.

Strömungen sind Soge, die durch eine Kombination aus verschiedenen Kräften entstehen. So entstehen Strömungen:

  • Der Wind bewegt das Wasser an der Oberfläche.
  • Es sind Temperaturunterschiede, die das Wasser beeinflussen.
  • Gewisse Unterschied im Salzgehalt im Wasser machen das Wasser unterschiedlich dicht.
  • Die Erdrotationskraft bedingt globale Strömungen, die auch kleine Gewässer beeinflussen.
  • Der Wechsel von Ebbe und Flut (Gezeitenströme) löst Richtungswechsel der Strömungen aus.
  • Auch Rip-Ströme (Brandungsrückströme) beeinflussen, wo Gegenstände stranden, wenn sie aus ihrem Kurs gezogen werden.

Die Strömungen an der Oberfläche kennt man schon lange durch die Arbeit von Seefahrern seit vielen Jahrhunderten. Aber die tief im Wasser befindlichen Strömungen kennt man noch nicht so lange. Driftkarten und unbeabsichtigte Experimente mit Gummientchen lehren uns auch heute noch Wissen über Strömungen in den Weltmeeren. So auch beispielsweise, dass ein riesiger Strom in den Untiefen sich von Argentinien bis Island zieht. Wahnsinn, oder?

Und Strömungen sind es auch, die die Seenotretter, über die ich in diesem Artikelberichten möchte, oftmals aufs Spielbrett ziehen.

Spenden für die Juister Seenotretter:

Du siehst also: Wir alle könnten die Seenotretter brauchen. Und neben all den Ehrenamtlichen und hauptberuflichen Helfern müssen auch die Einsatzmittel und Boote aktuell und einsatzbereit gehalten werden. Ganz schön viel Geld, was es braucht.
Wenn du also hier auf der Insel bist und in einem der Läden ein kleines Schiff mit dem Logo der Seenotretter siehst, wirf doch ein paar Euros rein. Für den guten Zweck. Alternativ kannst du natürlich sehr gerne online spenden auf der Website der Seenotretter.
Denn: Die Seenotretter retten Leben. Und so ist es auch deine Spende, die Leben retten kann.

Strömungen als Gefahr der Strandung.

Seenotretter

Heute sind ca. 1.000 Seenotretter im Einsatz – ca. 800 von ihnen ehrenamtlich und ca. 180 von ihnen hauptberuflich und festangestellt. Ganze 54 Stationen gibt es zwischen Borkum und Ueckermünde an und auf Nord- und Ostsee.

Zu den Aufgaben der Seenotretter gehört natürlich das Suchen von Notfällen und Unfällen auf See (mitunter auch grenzübergreifend und institutionsübergreifend). Das liegt ja nahe. Aber auch die folgenden Aufgaben gehören ins Repertoire der Seenotretter:

  • Koordination der Seenotrettungsmaßnahmen
  • Hilfeleistungen
  • Überwachung und Beantwortung der UKW-Kanäle 16 und 70 (wo sich Segler und andere Schifffahrende melden, wenn sie in Not sind)
  • Medizinische Erstversorgung und Übergabe der Havaristen an Rettungsdienste
  • Sicherung gefährdeter Schiffe und ihrer Besatzungen
  • Transporte Kranker und Verletzter (vor allem hier auf Juist ohne ein Krankenhaus nicht zu vergessen)

Aber auch präventiv sind sie im Einsatz: Sie wollen Notfälle von Anfang an vermeiden, indem sie Aufklärungs- und Informationsarbeit leisten.

Die heutige DGzRS – mit vollständigem Namen „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ – wurde am 29.05.1865 gegründet. Ich werde sie in diesem Artikel als DGzRS oder Seenotretter bezeichnen, denn das sollte das Risiko von Rechtschreibfehlern minimieren. Hoffe ich. Zurück zum Thema: Auch vor 1865 gab es Seenotretter (bei uns auf Juist beispielsweise), aber sie waren noch nicht verbunden. Ab 1865 waren die Seenotretter dann institutionalisiert und eine unabhängige Organisation.

Beeindruckend: Seit ihrer Gründung und bis zum Stichtag Ende Dezember 2024 haben die Seenotretter deutschlandweit schon mehr als 87.300 Menschen aus gefährlichen Situationen gerettet. Wahnsinn. Da ist der Gedanke gar nicht so fernab, dass man sie einst auch mal brauchen könnte. Umso mehr Grund, ihnen Respekt zu zollen und dankbar zu sein.

Seenotretter auf Juist

Geschichte der Seenotretter auf Juist

Wo aber Gefahr ist, wächst der Rettende auch.

Friedrich Hölderlin

Die Station Juist findest du direkt am Juister Hafen, an der Nordkaje, im Otto-Mann-Haus. Es sind ehrenamtliche Retter, die den Kreuzer „Hans Dittmer“ (Rufreichen: DK 7002) besetzen und damit rund um Juist im Wattenmeer im Einsatz ist … mit der Besonderheit, dass Juist tidenabhängig ist und das auch die Einsätze beeinflusst natürlich.

Die „Hans Dittmer“ wurde 2017 in Dienst gestellt und nach einem der Spender der Seenotretter benannt. Weitere Facts rund um den Kreuzer „Hans Dittmer“: Länge: 10,10 m – Breite: 3,61 m | Tiefgang: 0,96 m | Verdrängung: 8 t | Leistung: 300 PS | Maximalgeschwindigkeit: 18 knoten (ca. 33,336 km/h) | ausgestattet mit modernster Navigationstechnik | vollständig aus Aluminium hergestellt | gebaut in der Fassmer-Werft in Berne bei Bremen

Es folgt ein kurzer und kleiner Abriss der spannenden, abwechslungsreichen Geschichte der Seenotretter auf Juist:

Die Juister Station ist eine der ältesten in Deutschland. Hier auf dem Töwerland gab es schon früh ein organisiertes Seenotrettungswesen. Zwei der ehemaligen Stationsgebäude auf Juist sind noch erhalten. Die Geschichte der Juister Station begann 1861 mit der Gründung der Station (noch nicht als Teil der DGzRS) und einem einzigen Boot. Schon fünf Jahre später gab es zwei Stationen auf der Insel – eine im Ostland, eine im Westland. Im folgenden Jahr wurde eine neue Station errichtet, diesmal aus Stein. Wieder ein Jahr später wurde die neue Station auf Juist von der dann neu gegründeten DGzRS übernommen. 1940 erhielt Juist das erste motorisierte Rettungsboot. 1957 bis 1985 gab es tatsächlich keine Seenotretter auf Juist. 2002 wurde das neue Stationsgebäude im Juister Hafen errichtet. 2017 kam der aktuelle Rettungskreuzer „Hans Dittmer“ nach Juist.

Einsätze der Seenotretter auf Juist:

Der Pessimist klagt über den Wind, der Optimist hofft, dass er dreht, der Realist richtet das Segel aus.

William Ward

Aber … passiert den so viel auf Juist, wozu man die Seenotretter braucht?

Jeder Einsatz ist zu viel, aber alles, was gut geht, ist ein Grund zur Dankbarkeit.

Das sind einige der Einsätze der Seenotretter aus den letzten Jahren:

14.09.:

Ein Einhandsegler strandete am Westende der Insel Juist. Zwar konnte sich der Segler an Land retten, aber seine Yacht wurde aufgegeben. Die Seenotretter von Juist, Norderney und Borkum waren hierbei gemeinsam im Einsatz, denn die Retter konnten das Schiff nicht mehr erreichen, das auf Land gestrandet war. Sie wussten noch nicht sicher, ob sich vielleicht nicht doch noch jemand an Board befand. Also rief man die Freiwillige Feuerwehr Juist, die den Skipper fand. Die Feuerwehr übergab den Segler an den Rettungsdienst. Wetterbedingungen: bis zu 5 Beaufort Wind und bis zu 2 m Wellen.

22.08.:

David rettet Goliath sozusagen: Auf dem Wattenmeer zwischen Juist und Norddeich kam es zum Maschinenausfall einer Frisia-Inselfähre, kurz hinterm Juister Hafen waren die Maschinen des 35 m langen Schiffes ausgefallen. Die „Hans Dittmer“ nahm die Frisia XI an den Haken. Wer beide Boote schon mal gesehen hat, weiß: Das ist ein ganz schön großer Größenunterschied. Die Fähre hätte von Juist nach Norderney fahren sollen und so waren nur drei Besatzungsmitglieder vor Ort. Die „Hans Dittmer“ schleppte die Fähre ab, aber die Ruderblätter der Frisia waren ungünstig positioniert – Aber durch den Ausfall der Elektronik konnte diese Position auch nicht mehr verändert werden. Eine zweite Fähre der Frisia kam dazu, um ihr Schwesternschiff zu sichern, da die Fähre mit den ausgefallenen Maschinen im Schlepptau der „Hans Dittmer“ immer wieder ausbrach. So fuhr der Konvoi in Richtung zurück nach Juist, um dort repariert zu werden: Die 57 m lange Frisia vorne, die havarierte Fähre in der Mitte und die Juister „Hans Dittmer“ hinten. Wetterbedingungen: 3 Beaufort Wind aus Südosten.

11.05.:

Die 22 m lange „Wappen von Juist“, das ehemalige Juister Ausflugsschiff, hatte Ruderprobleme im Wattenmeer. Danach fiel das komplette Ruder aus. Es waren zum Glück keine Passagiere an Bord, dafür aber die drei Besatzungsmitglieder. Das Wasser im Wattenmeer aber lief schnell ab und daher war eine Lösung der Situation wichtig. Zeitkritisch sogar, damit kein Festkommen des Schiffes die Situation noch verschlimmerte. Die Seenotretter schleppten das Schiff zurück in den Juister Hafen. Wetterbedingungen: 6 Beaufort mit Wind aus Nordnordost

29.05.:

Zum 155. „Geburtstag“ (Jubiläum) der Gründung der Seenotretter kenterte die Jolle eines Seglers. In direkter Nähe zur Itzendorfplate im Süden Juists zwischen der Insel und Norddeich auf dem Festland. Es galt keine Zeit zu verlieren, es herrschte Notlage. Eine Besatzung der Frisia-Inselfähre alarmierte die Retter, nachdem sie die gekenterte Jolle fanden.  Die Hans Dittmer mit Juister Besatzung kam gerade aus Norderney zurück. Die „Eugen“ aus Norderney folgte. Knapp 10 Minuten nach der Alarmierung waren die Retter am Ort des Unfalls, wo ein Töwerland-Express und die Inselfähre sich so gut um die Jolle kümmerten, wie es ging. So war die Situation: Die Jolle war schon fast komplett untergegangen. Der Schiffbrüchige war eingekeilt und nur noch der Kopf des Seglers war über Wasser. Die anwesenden Schiffe positionierten sich so, dass das gekenterte Boot Windschutz erhielt, um Wellen zu brechen. Die Besatzung der Juister „Hans Dittmer“ konnte den Schiffbrüchigen zum Glück mit einer Leine retten – und zwar im letzten Moment. Der Mann war stark unterkühlt und wurde in Norddeich an den Rettungsdienst übergeben. Das Boot wurde durch eine Frisia-Fähre abtransportiert. Wetterbedingungen: 14 °C Wassertemperatur, 4 Beaufort Wind aus nördlicher Richtung.

Die schwersten Unfälle passieren beim Zusammenprall mit der Wirklichkeit.

Harald Schmid

Strandung, Strömung und andere Gefahren aus dem Meer

Verräterisch ist er, der Gedanke, dass das Wattenmeer ungefährlich ist. Berichte über in Not geratene Wattwanderer, die plötzlich vom Wasser eingeschlossen werden, sind vermeidbar. Wir alle sollten die Natur besser respektieren. Sie kann faszinierend sein und sollte genossen werden, aber der Respekt darf nicht fehlen. Das Wattenmeer und die Nordsee können temperamentvoll und gefährlich sein. So sollten Regeln ernstgenommen werden: Nicht alleine ins Watt und nicht außerhalb der Badezeiten schwimmen gehen. Besser einmal zu vorsichtig sein, als einmal zu wenig.

Manche Gefahren aber lassen sich nicht einschätzen oder umgehen: Maschinenprobleme passieren. Unfälle passieren. Umso besser, wenn dann da jemand ist, auf dem man sich verlassen kann. Danke und Hut ab für alle Seenotretter. An eigentlich alle Einsatzkräfte, durch die man ein Stück weit dankbarer durchs Leben gehen kann, weil man weiß, dass sie sich kümmern.

Ich wünsche euch allen, dass die Strömung euch Gutes will und euch wohltuend durchs Leben schiebt. Ich wünsche euch, dass ihr zwar strandet, aber dort, wo ihr wollt.

Strömungen, Havarie, Seenot und Retter inmitten einer Strandung

„Man kann keine neuen Ozeane entdecken, hat man nicht den Mut, die Küste aus den Augen zu verlieren“ – André Gide

Fotos: Unsplash

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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