Was man liebt, das schützt man.
Wärterhaus auf Juist.
Du bist ja wie Otto Leege – der wollte auch immer alles wissen
17 km für gemeinsame Momente, 17 km für neue Interessen, 17 km für neue Entdeckungen. Juist ist eine Insel auf der du dich was trauen kannst. Du kannst dich trauen, neue Erfahrungen zu machen. Du kannst dich trauen, in der Rente freiwillig etwas zurückzugeben. Ich spreche für diesen Artikel mit Ursula, deren Herzensprojekt das Wärterhäuschen im Wäldchen ist.
„Wir haben die Natur von unseren Eltern geerbt. Wir haben sie aber auch von unseren Kindern geliehen.“
Richard von Weizsäcker
Foto: Kolanus


Fotos: Kolanus
Ehrenamtlich zum Schutz des Nationalparks.
Was ich liebe, das schütze ich
Ich spreche mit Ursula Kleen-Kolanus. Mit ihr hatte ich das eine oder andere Mal Kontakt wegen beruflichen Dingen. Und weil man mit jedem Wort, das sie spricht, merkt, dass sie für den Schutz des Nationalparks hier auf Juist brennt, habe ich sie einfach gefragt, ob ich sie interviewen kann. So ganz Feuer und Flamme war sie nicht, aber sie wollte sich drauf einlassen. Es solle nicht so sehr um sie gehen, hat sie gesagt, sondern um ihre Arbeit im Wärterhäuschen. Und das möchte ich natürlich umsetzen! Trotzdem möchtest du als Leser*in bestimmt wissen, um wen es geht.
Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.
Was du vielleicht noch nicht wusstest, ist, dass für den Schutz und die Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer zahlreiche Personen angestellt sind. Aber auch viele Ehrenamtliche und Freiwillige sind involviert.
Neben der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer mit Sitz in Wilhelmshaven, die kommunikativen, politischen, wissenschaftlichen und halt verwaltungstechnischen Aufgaben nachgeht, gibt’s noch viele andere Bereiche. Da sind die Wattführer*innen, die Nationalpark-Häuser und noch viele mehr. Die Nationalpark-Ranger vor Ort wollen wir natürlich auch nicht vergessen. Bei uns auf Juist ist das Markus, mit dem ich schon mal über Strandungen gesprochen habe.


Fotos: Kolanus
Ehrenamtliche im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.
Heute aber geht’s mir um die Menschen, die nicht hauptberuflich für den Nationalpark arbeiten, sondern um die Menschen, die das in ihrer Freizeit tun, aus einer intrinsischen Motivation heraus. Sie tun das, weil sie das tun möchten.
Ursula zum Beispiel war erst als ehrenamtliche Nationalparkwartin unterwegs. Sie hatte kommunikative Aufgaben – sammelte und sammelt immer noch Müll am Strand und hat Hundehalter über die Regeln im Nationalpark aufgeklärt.
Dabei immer wichtig: Warum. Erklären, erklären, erklären. Warum darf ich die Dünen nicht betreten? Warum darf mein Hund nicht unangeleint sein? Warum ist es so ein Problem, Müll liegen zu lassen? Ursula erklärt. Ich stelle mir vor, dass sie das tut, bis ihre Zunge Muskelkater bekommt. Sie vertritt eine Sichtweise, der ich nur zu gut folgen kann. Wenn man jemandem etwas so erklärt, dass die Person das versteht, dann entwickelt sich ein Verständnis, eine Haltung des Respekts und der Achtsamkeit für die Natur. Und: Was ich liebe, das schütze ich.
Mein Lieblingsbeispiel: Ursula erklärt, warum man die Dünen nicht betreten darf. Dazu zeigt sie einen Quadratmeter Sand und erklärt danach die winzigen, unglaublich weitverschachtelten und verzweigten Wurzeln von Strandhafer. Wer auf den Sand über so einer Wurzel tritt, macht mit jedem Schritt die Wurzel kaputt. Dort wächst dann nichts mehr. Eine kaputte Stelle? Das kann der Strandhafer verschmerzen. Aber hunderte, tausende kaputte Stellen? Ne, dann gibt selbst die stärkste Pflanze auf. Und: Der Dünenschutz ist lebenswichtig für die Menschen.
Ihr Herzensprojekt aber – das ist offensichtlich, wenn man mit ihr spricht – ist das Wärterhäuschen. Aus eigener Motivation wollte sie zertifizierte Natur- und Landschaftsführerin (Nationalpark-Guide) werden. Das benötigt eine Ausbildung, die sie auf dem Festland absolviert hat. Kleiner Fun Fact am Rande: Nationalpark-Guides sind nicht automatisch Wattführer, denn das ist eine separate Ausbildung.
Um Nationalpark-Guide zu werden, muss man ordentlich büffeln und eine zweigeteilte Prüfung bestehen. Im theoretischen Teil der Prüfung wird zum Nationalpark (also zu unserem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer) Wissen zu Flora und Fauna sowie der Entstehung des Wattenmeeres abgefragt. In der praktischen Prüfung muss man eine Führung konzeptionieren und durchführen, ebenfalls zu einem relevanten Thema des Nationalparks. In Ursulas Fall war das „Das Geheimnis der Rose“. Mehr zur Führung ein bisschen weiter unten im Text.
Ursula und ihr Mann sind beide im Ruhestand und möchten den Nationalpark unterstützen. Sie betreuen die Ausstellung im Wärterhaus (dazu später mehr), sind handwerklich dabei und kommunizieren maßgeblich mit den Gästen.
Ursula ist mit ihrem Mann 2017 nach Juist gekommen, vorher kannte sie die Insel als Urlauberin. Seitdem ist sie als Ehrenamtlerin aktiv im Nationalpark unterwegs. Und das ist ein enormer Zeitaufwand. Aber etwas, das sie gerne tut. Denn: Ihr Herz hat sie schon lange an den Nationalpark und die Insel Juist verloren.
„Du bist ja wie Otto Leege – der wollte auch immer alles wissen“, hat Markus Großewinkelmann, der Juister Nationalpark-Ranger, mal zu Ursula gesagt. Ein riesiges Kompliment, wie sie es auffasst. Neugierig und wissbegierig. Mit der erstbesten Erklärung gibt sie sich nicht zufrieden, sondern sucht immer weiter und will Zusammenhänge verstehen lernen. Sie will immer mehr wissen und den Gästen im Wärterhaus immer mehr Informationen präsentieren können.
Ursulas Herz hängt am Wärterhaus und an Otto Leege, an der Geschichte und an der Bedeutung des Nationalparks. Es ist Leidenschaft und Verständnis und Liebe und Respekt vor einem Ort, der Ursula und ihren Mann dazu bringt, sich ehrenamtlich zu engagieren – auch wenn sie beide bereits in Rente sind.
Es ist der Naturschutzgedanke, der sie treibt. Sie will ihn vermitteln, was es bedeutet, die Natur zu schützen, vor allem auf Juist. Warum das so wichtig ist und warum Naturschutz viel mehr ist als Regeln.
Führungen auf den Spuren von Otto Leege auf Juist im Nationalpark.
Zwei Führungen gibt Ursula im Rahmen ihrer Tätigkeit als zertifizierter Nationalpark-Guide:
- „Das Geheimnis der Rose – Auf den Spuren von Otto Leege“ folgt dem Leben des bekannten Otto Leege, der als Naturschützer und Pädagoge auf Juist vieles in Gang gebracht hat.
- „Memmertsand – Wie alles begann“ erzählt von der Geschichte der Insel Memmert, die 1888 begann, als Otto Leege die Insel das erste Mal betrat, und die bis heute andauert. Wenn dir der Name bekannt vorkommt: Ein Roman von Hardy Pundt heißt so. Der Autor wuchs auf Memmert auf, denn sowohl sein Großvater, als auch seine Großmutter (eine Sensation für die damalige Zeit!) und sein Vater waren Inselvogte auf Memmert. Der neueste Roman „Memmertsand“ dreht sich um das Leben Otto Leeges. Ursula freut sich, dass sie den Buchtitel „Memmertsand“ auch für ihre Führung verwenden darf. Sie ist im Austausch mit dem Autor und freut sich, dass Hardy Pundt auch in seinem Urlaub an ihrer zweiten Führung teilnehmen wird. Auch bei der Führung „Das Geheimnis der Rose“ war er dabei und wurde aktiv miteingebunden.




Fotos oben und unten: Eindrücke aus dem Wärterhaus, Quelle: Rezensionen bei Google. Oben: Eindrücke aus dem inneren der Ausstellung. Unten links: Gesprächspartnerin Ursula in Action. Unten rechts: Außen am Wärterhaus, Bildnis des Ehepaars Leege.
Das Wärterhaus auf Juist.
Ein gar nicht mehr so geheimer Geheimtipp.
Ursula freut sich, dass auch Juister*innen das Wärterhäuschen besuchen und wenn ehemalige Juister*innen sich in ihrem Urlaub mit ihr austauschen.
Es ist ein kleines Gebäude, tief in den Wäldern. Windschiefe Läden, Äste kitzeln die Fassade. Wind pfeift um die Ecken, Nebel hüllt die Ecken des Gebäudes ein. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber du kannst es dir sicherlich vorstellen, die Lage und das Aussehen des Wärterhauses auf Juist. Mitten im Wäldchen liegt es, über zwei Zugänge von der Billstraße und einem von der Seeseite aus erreichbar.
Um das Wärterhaus ranken sich so einige Geschichte und manches davon ist nicht so ganz richtig belegt. So zum Beispiel das Gerücht, dass im heutigen Wärterhäuschen Otto Leege mal gelebt hat. An ungefähr heutiger Stelle des Wärterhauses war früher das Dünenschlösschen, in dem Otto Leege als Rentner mit seiner Frau Engeline bisweilen lebte. Von hier aus wurde das Zauberwäldchen angepflanzt. Das Wärterhaus ist im Besitz des NLWKN und wurde von einem Vogel- und Dünenwart genutzt. Bevor es seit 2024 die Memmert-Ausstellung beherbergte, war es viele Jahre im Leerstand. Es gab hier auch einmal eine Vogelausstellung, die sporadisch von Praktikant*innen des NLWKN betreut wurde.
Das Wärterhaus begeistert. Das zeigen auch die Bewertungen bei Google, die Ursula mit Interesse liest (auch wenn die Bezeichnungen, die man ihr gibt, nicht so hundertprozentig stimmen, aber das ist ja auch nicht weiter schlimm). Ihr liebstes Erlebnis ist ein Großvater, der mit seinen 14 Enkeln im Wärterhaus aufgeschlagen ist. Warum sie das so schön fand? Weil alle 14 Enkel – von ganz klein bis ganz groß – ganz fasziniert gelauscht haben, als Ursula erzählt hat. Weil sie viele Fragen zum Leben von Otto Leege beantworten konnte.



Fotos: Rezensionen zum Besuch im Wärterhaus (Quelle: Google). Ursula wird darin gerne und viel genannt. Die Berufsbezeichnung stimmt zwar nicht, aber es ist ja klar, wer gemeint ist.
Und das Wärterhaus ist echt beliebt. Je nach Wetter und Saison sind es verschieden viele Gäste, die den Weg ins Wärterhaus finden und sich dort begeistern lassen. An einem Tag in den Herbstferien 2025 – eine Ausnahme, wie Ursula sagt – waren 88 Gäste im Wärterhaus. Im gesamten Jahr 2025 hat Ursula 2.160 Gäste gezählt, die im Wärterhaus waren. Richtig irre! Abends ist sie dann platt, aber vor allem glücklich.
Jede Führung durch die Ausstellung, die Ursula anbietet, ist extra auf die Zuhörer zugeschnitten. Sind es mehr Kinder, erzählt sie anders, als für Erwachsene, mal spielerisch, mal eher faktenbasiert. Jedes Mal erzählt sie eine leicht andere Geschichte. Warum? Weil es so viel zu erzählen gibt, dass es gar nicht immer die gleichen Fakten sein können. Runtergebetet wird im Wärterhaus sowieso nichts. Das Erlebnis ist immer ein anderes. Es waren Gäste in ihrem Urlaub auch mehrfach da: So lohnt es sich auch, zweimal vorbeizuschauen.
- Gut zu wissen: Der Besuch im Wärterhaus mit allen Informationen und der Betreuung durch Ursula ist kostenfrei. Trotzdem: Eine Spende für den Erhalt des Hauses wäre natürlich klasse. So konnte im Winter 2025 / 2026 ein weiterer Ausstellungsraum ausgebaut werden.
Fragen? Bitte und immer! Wenn jemand auf Juist die Antwort darauf kennt, dann Ursula, die sich in einem immer fortwährenden Selbststudium mit Otto Leege beschäftigt. Nationalpark-Haus-Leiter Jens und Nationalpark-Ranger Markus jedenfalls geben gerne und offen zu, dass Ursula zur Otto-Leege-Expertin auf der Insel geworden ist. Und wenn Ursula selbst mal etwas nicht weiß, dann weiß sie, wo sie recherchieren kann. Das tut sie dann auch wirklich, sehr zur Überraschung eines Gastes, der sie Löcher in den Bauch gefragt hat, bis sie selber nicht mehr weiterwusste. Dann hat sie am Abend recherchiert. Zwei Tage später kam er wieder ins Wärterhaus und sie hat ihm gerne seine Fragen beantwortet – was er gar nicht mehr erwartet hat. Aber genau das ist doch dieser spielerische und zugleich ernste Bezug zum Nationalpark, der die Menschen zum Umdenken bringt. Jemand, der für Naturschutz brennt, vermittelt dir seine Leidenschaft. Und das steckt an. Und dann – schwupps – verstehst du viel mehr und willst diesen Lebensraum ebenfalls schützen.
Die Ausstellung im Wärterhaus auf Juist:
Die Ausstellung im Wärterhaus ist ein kleines Schmuckstück auf dem Töwerland. Es ist einer dieser Geheimtipps, die man lange im Gedächtnis behält, weil sie so toll sind. Von außen würde man auf den ersten Blick so einen Reichtum an Informationen und Leidenschaft gar nicht erwarten, finde ich. Umso schöner, dass das Wärterhaus mit seiner Ausstellung und der Liebe, die hineinfließ, begeistert.
Die Ausstellung im Wärterhaus beherbergt unter anderem Schautafeln zur Entwicklung der Insel Memmert zur geschützten Vogelfreistätte und einen interaktiven Tisch.
Ursula freut sich über alle Gäste. Alle wollen etwas lernen, alle sind glücklich und froh, dass das Wärterhaus in der Saison vom 01.04. bis Ende Oktober zwei Tage die Woche geöffnet ist. Sie möchten etwas lernen und sehen und erleben, bringen ihre Fragen zu Strandfunden und Klimaveränderungen mit und Ursula freut sich, dass sie die meisten davon beantworten kann und dass sich interessante, tolle Gespräche entwickeln.
Ich freue mich auch immer, wenn ich an einem der beiden Fahrradparkplätze vorbeifahren, an denen das Wärterhaus ausgeschildert ist. Dort gibt’s jeweils ein Schild, auf dem markiert ist, ob das Wärterhaus geöffnet oder geschlossen ist. Wenn das Schild „geöffnet“ anzeigt, ist dort eigentlich auch immer eine Menge an Fahrrädern zu sehen. Denn: Das Wärterhaus übt eine seltsame Magie aus auf die Menschen.
Dass das Wärterhäuschen heutzutage so toll dasteht, ist dem Engagement der Ehrenamtlichen zu verdanken, die in enger Kooperation mit Markus Großewinkelmann entstanden ist.
Ein toller Platz zum Verweilen ist das Wärterhaus übrigens auch. Ursulas Mann, Rudi, baut unter anderem die Bänke, die am Wärterhaus stehen. Auch er ist schon lange Rentner und arbeitet als Hausmeister im Loog. Die Bänke sind alle Upcycling aus Holz, das er bei Arbeiten in der Loogster Nachbarschaft entsorgen sollte. Nachhaltigkeit pur! Echte Juister Handarbeit! Rudi hat dem Nationalpark-Ranger Markus Großewinkelmann sehr geholfen beim Bau und der Installation der Ausstellung, bei Erweiterungen und bei Instandhaltungen in jedem Winter.
Nicht nur deswegen, aber auch unter anderem deswegen – wegen der Liebe und der Achtung und der Wertschätzung Freiwilliger – ist das Wärterhaus ein echter Wohlfühlort. Und die Bänke werden auch ständig genutzt.
„Gut geht, wer ohne Spuren geht“
Laozi
Foto: Kolanus
Naturschutz und Ehrenamt.
Ein Dreamteam.
Wenn ich mir also so anschaue, was Ehrenamtliche für den Nationalpark und die Attraktivität der Insel Juist alles so tun, werde ich ganz dankbar. Das ist echt eine Leistung. Ich weiß nicht, ob ich persönliche die Motivation verspüren würde, in meiner Rente so etwas zu leisten. Das Engagement nimmt viel Zeit in Anspruch, aber auch körperlich sind die Tage mitunter lang – ohne Heizung und Wasser und nur mit begrenztem Strom ist es im Wärterhaus nicht immer bequem. Und den Kopf fordert so viel Interaktion mit Menschen so oder so. Ich kann nur den metaphorischen Hut ziehen vor so viel Engagement.
Warum sie das macht? Kurzum: Es ist die Liebe zum Nationalpark, es ist der innere Drang, etwas zu schützen, was sie liebt. Bewundernswert.
Auch noch heute kann man auf den Spuren von Otto Leege wandeln.
Erlebe Otto Leege auf Juist
Mein besonderer Ort …
Wenn du nun so richtig Lust bekommen hast, dich auch ehrenamtlich zu engagieren oder einfach mehr zu erfahren über Naturschutz auf Juist, lege ich dir diese Artikel ans Herz:

