Meeresstille

Wie sieht Stille aus?

Die Seelenruhe der Freitaucher

Vor einiger Zeit habe ich mit dem Freitauchen, oder Apnoe-Tauchen, begonnen. Also das Tauchen ohne Geräte. Nur ein tiefer Atemzug. Und runter. Der Hauptgrund war und ist wortwörtlich das Abtauchen. Sobald mein Kopf unter Wasser ist, verschwimmen die Alltagsgeräusche.

“Freediving is about silence. The silence that comes from within.”

Jacques Mayol (französischer Apnoetaucher)

Hier unter Wasser kann ich nicht reden. Höre nur meinen Herzschlag. Und all jene gedämpfte Geräusche. Geräusche, die durch das Wasser hinweg transportiert werden. Je tiefer ich tauche, desto ferner wird der Alltag. Hier unten ist es friedlich. Es ist nicht wirklich still. Aber es lässt meinen Kopf schweigen. Es fühlt sich laut- und schwerelos an. Verbundener als unter Wasser habe ich mich nie mit der Natur gefühlt. Und weil Freitaucher keine Geräusche oder Luftblasen durch ihre Sauerstoffflaschen machen, ist diese Art des Tauchens die schonendste. Mehr Blue Mind geht nicht.

Caspar David Friedrich, Public domain, via Wikimedia Commons

Meeresstille

Der Mönch am Meer von Caspar David Friedrich. Für mich ist dieses Bild der Inbegriff vom Schweigen und der Erhabenheit der Natur. Diese Erhabenheit ist es, die den Mönch zum Schweigen zu bringen scheint. Die Atmosphäre vermittelt pure Stille. Abgeschiedenheit. Beides wohltuend. Erdend. Himmel und Meer wirken einnehmend und unendlich. Die kräftigen Farben könnten bedrückend sein, scheinen den Mönch und uns als Betrachter und Betrachterinnen eher in eine wohlige Einsamkeit zu hüllen. Trotz der schieren Kraft, die vom dunklen Meer und rauen Himmel ausgeht, scheint die Natur zu schweigen.

Meer

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren

und den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen 

nur Meer
Nur Meer

(Erich Fried)

Meeresrauschen gegen den Alltagslärm

Alltagslärm ist allgegenwärtig. Er gilt im Europäischen Raum als eine der größten Umweltgefahren für die körperliche und geistige Gesundheit. Neben negativen Auswirkungen auf Herz, Kreislauf und Schlaf kann Lärm auch Stress verursachen und die kognitive Leistung beeinträchtigen. Das Europäische Umweltbüro drängt darauf, Maßnahmen zur Lärmminderung zu ergreifen, insbesondere im Verkehrssektor und bei Windkraftanlagen.

Eine aktuelle Studie des Umweltbundesamtes zeigt auf, wie schwer städtischer Verkehrslärm wiegt und sich auf Wohlbefinden und Gesundheit auswirkt. Anhand einer sogenannten Lärmkartierung wird auch gezeigt, wo in Deutschland die permanente Belastung durch zu laute Geräusche besonders hoch ist.

Fünf wichtige Faktoren fielen dabei auf:
  • In Deutschland sind Millionen Menschen tagsüber und nachts gesundheitsschädlichem Lärm ausgesetzt, der zu Stress, Schlafstörungen und Herzkrankheiten führt.
  • Hauptquelle des Lärms ist der Straßenverkehr, insbesondere Autos und Lkw
  • Arme Menschen sind besonders betroffen, da sie eher in lauten Gegenden leben und sich schlechter vor Lärm schützen können.
  • Obwohl es Grenzwerte gibt, werden diese oft in Städten nicht eingehalten. Das liegt an realitätsfernen Messungen. 
  • Die Europäische Kommission hat 2021 das „Null-Schadstoff-Ziel“ verabschieden. Dieses sieht vor, dass bis 2030 eine Reduzierung der chronisch vom Verkehrslärm betroffenen Bevölkerung um 30 % vorsieht. Trotz bereits ergriffener Maßnahmen hat sich die Situation seit 2017 kaum verbessert, weshalb das Ziel höchstwahrscheinlich nicht erreicht wird.

Gesundheitsrisiko Lärm

Das ist fatal. Denn mittlerweile wissen wir, dass ein stetiger Geräuschpegel, verursacht durch Verkehrslärm, nicht nur zu Stress, sondern auch zu Gefäßerkrankungen führen kann. Im Gehirn und in unseren Blutgefäßen lässt sich ein Zuviel an Lärm ablesen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass der durchschnittliche Lärmpegel über 24 Stunden 55 Dezibel nicht überschreiten sollte. Nachts sollte der Grenzwert sogar bei 45 Dezibel liegen.

Juisterinnen können darüber nur müde lächeln. Keine Autos, keine Bahnsteige. Keine Laubbläser. Hier schweigt die Natur. Oder?

Wie laut ist das Meer?

Es scheint paradox. Das Meeresrauschen kann bis zu 100 Dezibel laut werden. So laut ist ein Presslufthammer in 10 m Entfernung oder ein vorbeiziehendes Martinshorn. Straßenlärm liegt etwa bei ca. 80 Dezibel. 

Meeresrauschen, die Brandung … Stille klingt doch anders, oder?

Obwohl Meeresrauschen mindestens so laut ist wie ein Presslufthammer, empfinden wir es nicht als beruhigend. Nicht der Geräuschpegel entscheidet über die Wirkung, sondern die Art des Geräusches. Unser Gehirn kann Naturgeräusche besser verarbeiten als künstlichen oder technisch erzeugten Lärm.

100 Dezibel sind nicht gleich 100 Dezibel: Deshalb beruhigt uns das Meeresrauschen

Forschende gehen davon aus, dass Meeresrauschen durch seine natürlichen Effekte diese beruhigende Wirkung hat:

  1. Der Ruhepuls-Rhythmus: Meeresrauschen ist angenehm gleichförmig. Die Frequenz der Meereswellen folgt häufig einem Rhythmus, der ungefähr einem ruhigen Herzschlag entspricht.
  2. Bekannte Geborgenheit: das Rauschen des Meeres erinnert an die Geräusche im Mutterleib. Da waren wir alle. Das Rauschen dort ist dem der Meereswellen sehr ähnlich. Das regelmäßige Brechen der Wellen erinnert an den Herzschlag der Mutter. 
  3. Das Leben kommt aus dem Meer: Tiefenpsychologische Studien gehen davon aus, dass dies bis heute Einfluss auf uns hat. Thema Blue Mind.
  4. Die angenehme Klangfarbe, angenehme Frequenz: Keine kreischenden und schrillen Töne. Eher tief, nicht hoch. Der Mensch empfindet tiefe Töne meist als angenehmer als hohe Töne. 
  5. Emotionale Verbundenheit: Meer bedeutet für viele von uns: Urlaub, frei sein, Entspannen. Spielen. Raum. Alltagslärm ist überwiegend mit Arbeit und … eben dem Alltag verbunden. Dieses Geräusch weckt also sofort auch wohlige Gefühle in uns. Das Gehirn ist verdammt gut darin, schöne Erinnerungen an die passenden Geräusche zu knüpfen. 

Silence is an ocean. Speech is a river. When the ocean is searching for you, don’t walk into the river. Listen to the ocean.

Rumi

Schweigend zur Stille finden.

Schweigen hat viele Gesichter. Es kann schwer zu ertragen sein, ja auch eine Machtdemonstration sein. Fragen offen lassen, nicht reagieren. Zermürbend. Besonders in unserer medialen Welt, in der wir über Whatsapp, Facebook und Co. nicht nur immer erreichbar sind, sondern irgendwie auch immer und überall – am besten sofort – eine Reaktion erwarten. Likes auf ein Bild, eine Antwort auf meine Frage. Kaum zu ertragen für viele: Über viele Apps sehen wir, dass jemand online ist. Antwortet mir dieser Mensch nicht, kann das verletzend sein. Schwer zu ertragen.

Schweigen müssen – auch das ist schwer. Im Schweigekloster geht es darum, durch das Schweigen, nur sich selbst als Resonanzraum zu erleben. Die eigene Stimme wird immer lauter, man muss sich mit sich selbst auseinandersetzen.

Die absolute Stille – unerträglich

Schweigekloster oder allein zu Hause: Es gibt sie noch, die Geräusche. absolut geräuschlos wird es nie. In der Natur gibt es keine absolute Stille. Selbst unser Atem hat noch 10 Dezibel. Joseph von Eichendorff beschrieb in seinem Gedicht  “Meeresstille” genau dieses Phänomen: Diese Stille hat ihren eigenen Klang.

Goethe hat dieser Stille, diesem Schweigen in seinem Gedicht „Meeres Stille“ sogar ein beängstigendes Gesicht gegeben:

Meeres Schweigen.

„Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche rings umher.
Keine Luft von keiner Seite,

Todes – Stille fürchterlich.
In der Ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.“
(Goethe, 1795)

Gar kein Geräusch ist furchtbar

Sie liegt am anderen Ende der Geräusche-Skala des Erträglichen. Während uns künstliche Geräusche krank machen können, ist die absolute Stille ebenso verheerend für unseren Geist wie Lärm. Das hat man in sogenannten schalltoten Räumen herausgefunden. Dort liegt die Stille unter null Dezibel. Hier hören wir nur das eigene Blut rauschen, das eigene Herz schlagen, die eigenen Gedanken schwirren und alle anderen inneren Geräusche unseres Körpers. Menschen würden hier ab 45 Minuten beginnen zu halluzinieren. Die Wahrnehmung wird schlechter. An diesen schweigenden Orten – auch Camera silens genannt – wurden Menschen gefoltert.  Nicht nachzuweisen. Grausam.

Ein Redakteur der Zeit hat sich dieser absoluten Stille ausgesetzt. Ein faszinierendes Selbstexperiment.

Laute Tiere im Meer.

Zum Glück schweigt das Meer nie! Im Gegenteil. Wellen und Brandung machen diese wunderbar beruhigenden Geräusche. Und wo wir schon dabei sind: Fische, Krebse, Wale machen eine Menge Geräusche. Der lauteste Fisch ist so laut wie ein Düsenjet und dabei winzig.

140 Dezibel

Der Minifisch der Art Danionella cerebrum trommelt mit Rippen, Muskeln und Knorpel so auf seiner Schwimmblase herum, dass er auf 140 Dezibel kommt.

200 Dezibel

Pottwale kommen mit ihren Klicklauten auf 200 Dezibel. Diese Töne sind wichtig für die Kommunikation untereinander und zur Echoortung von Beute, Hindernissen und Feinden

Der Knaller! 220 Dezibel

Der nur 5 cm lange Pistolenkrebs erzeugt einen 220 Dezibel lauten Knall. Damit bekommt er das Siegertreppchen der lautesten Tiere der Welt. Seine Schere kann in weniger als einer Millisekunde explosionsartig zuschnappen. Das erzeugt eine Druckwelle mit Blasen, die glühend heiß wird. Damit werden seine Opfer in Sekundenschnell betäubt.

Keine Stille da unten

Unter Wasser ist es also auch niemals still. Schall breitet sich unter Wasser etwa 4,5-mal schneller aus als in der Luft und wird von verschiedenen Frequenzen unterschiedlich stark gedämpft. Das bedeutet, dass tieffrequenter Schall, der laut ist, sehr weit hörbar sein kann.

Das ist wichtig für die Kommunikation der Meerestiere und gleichzeitig eine Gefahr. Denn menschengemachter Lärm durch Schiffe, seismische Untersuchungen zur Erkundung von Öl- und Gasvorkommen, Sonare des Militärs, Sand- und Kiesabbau, lokale Sprengungen, Fischfang, hydroakustische Meeresbodenkartierungen, sowie Offshore Windenergie-Anlagen stören die natürliche Geräuschewelt des Meeres immens. Meerestiere, besonders Wale, die auf den Schall ihrer Töne angewiesen sind, werden so in ihrer Kommunikation, Beuteortung und Navigation massiv gestört.

Der Mensch soll mehr schweigen. Auf dem Meer und unter Wasser.

Und zu guter Letzt: der anthropogene Lärm unter Wasser wirkt auf sie wie der permanente Alltagslärm auf uns. Nur können Wale, Fische und Co. nicht mal ans Meer zum Entspannen und Schweigen fahren.

Dazu brauchen wir nicht weit weg reisen. Unser heimischer keiner Schweinswal leidet massiv unter dem Schiffslärm der Nordsee. Schweinswale werden ca. 25 Jahre alt. Hier in der Nordsee oft nur sechs Jahre. In einer Studie wurde der menschengemachte Unterwasserlärm als eine der Haupttodesursachen identifiziert. 

Ich wünsche mir, dass der Mensch auch auf dem Meer wieder mehr schweigt. Damit die Natur wieder besser hören kann.

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Julia Jung

Julia Jung kennt Juist von vielen Besuchen. Meist nur kurz, weil fast immer beruflich. Das bringt eine ganz eigene Perspektive auf die Insel. Ihre Leidenschaft sind die Meeresbiologie und die Psychologie hinter der Faszination für das Meer. Das Konzept des "Blue Mind" ist ihr Thema im Seezeichen, wie auch kleine Einblicke ins Leben im und am Meer.

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