Farbwechsel

Verlasse den Red Mind.

Bevor du weiter liest:

Stelle dir das Meer vor. Wellen. Die sanfte Gischt auf deinem Gesicht. Die Farbe: Grünlich-blau. Die Sonne lässt die Wellen grün scheinen, während das Wasser zwischen den Wellen, das, was sich gleich zur nächsten Welle aufbäumen wird, das Dunkelblau der Tiefe zeigt.

Und nun: Schließe deine Augen!

Starte die folgende Audiodatei!

Atme tief ein, zähle bis sieben. Und dann wieder aus. Ganz bewusst. Und zähle beim Ausatmen bis elf.

Das tut gut, oder?

Warum? Weil uns das Meer mit seinen unendlichen Blautönen, seiner kraftvollen Monotonie des Rauschens, seinem Geschmack nach Salz und Freiheit und seiner uns allen so gut bekannten Thalasso-Wirkung inklusive der negativen Ionen in der Meeresluft (Kleiner Merksatz: Negative Ionen wirken sich positiv auf unsere Stimmung aus.) entspannt. Und das auf eine ganz besondere Weise.


Dem Meer werden heilsame Kräfte nachgesagt. Und das kommt nicht von Ungefähr.

Das Prinzip aller Dinge ist Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück.

Thales von Milet (ca. 625–545 v. Chr.)

Der antike Philosoph Thales von Milet war wahrscheinlich nicht der Erste, aber einer der Bekanntesten, der den Ursprung des Alls auf nur ein Element zurückführte: Wasser. 

Aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück.

Dieser Satz von ihm zeigt: Wir Menschen haben eine ganz besondere Beziehung zum Wasser. Eine fast schon existentielle. Und das ganz besonders zu Meer. Immerhin: Mehr als 70 % der Erde sind mit Wasser bedeckt, davon allein 96 % Salzwasser.

Verlässlichkeit

Die Verlässlichkeit, mit der uns das Meer begegnet, ist bemerkenswert. Es gibt wohl kaum etwas Verlässliches als die Gezeiten. Der ständige Wechsel zwischen Ebbe und Flut – minutengenau. Totale Verlässlichkeit. Voller Kraft. Mal mit Unruhe. Mal ganz sanft. Immer anders. Aber die Gezeiten, auf die können wir uns verlassen.

Und: Das Meer ist immer da, immer zu haben. Wir müssen keine Berge besteigen, müssen uns nicht vorbereiten. Es ist da.

Das beruhigt.

Der Löwe in uns.

Viele Säugetiere verbringen ihr Leben größtenteils damit, in der Savanne nach Nahrung zu suchen, unterbrochen von kurzen Momenten der Flucht, wenn Raubtiere auftauchen. Pflanzenfresser wie Pferde haben sich auf diese Fluchtsituationen spezialisiert, mit schnellen Beinen und der Fähigkeit, durch Schwitzen kühl zu bleiben. Die Situation ist für die Jäger ähnlich, wenn auch umgekehrt. Löwen verbringen einen Großteil ihres Tages mit Schlafen und Verdauen, unterbrochen von kurzen Phasen der Jagd auf flinkes Beutetier. Auch ihr Überleben hängt von dieser kurzen Anstrengung ab, da sie verhungern würden, wenn sie nicht erfolgreich jagen würden.

In beiden Fällen werden zwei Systeme aktiviert: Das sympathische Nervensystem bereitet den Körper auf „Kampf oder Flucht“ vor, indem es die Sauerstoffaufnahme, den Blutdruck, die Herzfrequenz und die Muskelaktivität steigert und das Verdauungssystem ausschaltet. Gleichzeitig setzt die HPA-Achse (Hypothalamus, Hypophyse und Nebennierenrinde) Hormone frei, wie Kortikosteroide und Adrenalin, die den Stoffwechsel ankurbeln, die Wachsamkeit erhöhen und die Sinne schärfen. Diese beiden Prozesse bilden die physiologische Stressreaktion.

Rotes Warnsignal

Die physiologische Stressreaktion ist gut und wichtig in gefährlichen Situationen, in denen schnelle Reaktionen erforderlich sind, aber schädlich, wenn sie zu einem chronischen Bestandteil des täglichen Lebens wird.

Menschen haben ähnliche Reaktionen wie andere Säugetiere, die uns in gefährlichen Situationen helfen können. Aber wenn die Stressreaktion zu oft und zu lange aktiviert wird, wird sie zu chronischem Stress, was zu schweren Krankheiten wie Herzversagen führen kann.

Paradox. Es geht uns doch gut.

Obwohl unsere Leben sicherer sind als je zuvor und es keine wilden Tiere mehr gibt direkt in unserer alltäglichen Umgebung, vor denen wir Angst haben müssen, ist Stress zu einem prägenden Merkmal des modernen Lebens und einer großen Gesundheitsgefahr geworden.

Unsere Always-on-Gesellschaft

Ich könnte jetzt viel über die Kulturgeschichte des Stresses schreiben. Das würde hier zu weit führen. Du sollst dich ja entspannen.

Nur kurz dazu: Es ist ein bemerkenswertes Paradoxon, dass der rapide steigende Wohlstand und die Sicherheit in westlichen Gesellschaften nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu steigenden Sorgen über Stress geführt haben. Sollten die Menschen nicht glücklich mit ihrem neuen Leben im Frieden sein?

Die Bedrohungen sind heute andere. Sie sind konstant. Die ständigen Ströme von kleinen „Bedrohungen“ in einer wettbewerbsintensiven Arbeitsumgebung (Fristen, Anforderungen an schnelle Entscheidungen, mediale Überforderung, die Kommunikationstechnologie, die uns permanent und parallel auf den unterschiedlichsten Kanälen unterwegs sein lässt,  dauerhafte Erreichbarkeit) erzeugen eine Situation, die kontinuierlich eine natürliche Stressreaktion auslöst und damit chronischen Stress anstelle der seltenen Notfallreaktion produziert, für die sie entwickelt wurde.

Multitasking ist eine Utopie.

Das wissen wir heute. Während viele Menschen glauben mögen, dass sie Multitasking leicht bewältigen können, haben Psychologen und Neurowissenschaftler gewarnt, dass sie tatsächlich zwischen getrennten Aktivitäten hin und her wechseln, was bedeuten kann, dass eine von ihnen nicht genügend Aufmerksamkeit erhält.

Der durch die unaufhörliche Belästigung von Kommunikationsgeräten in allen Lebensbereichen erzeugte chronische Stress stellt langfristig erhebliche Gesundheitsprobleme dar.

Kennst du das?

Oft ist uns dies gar nicht bewusst. Wir struggeln durch den Alltag, die Informationen, Geräusche und Termine. Jede Sekunde prasseln Unmengen von Eindrücken auf uns ein.

Und das ist der Gegenspieler des Blue Mind. Wir erinnern uns: Blue Mind bezieht sich auf den meditativen Zustand, in den Menschen fallen, wenn sie sich im, unter, auf oder in der Nähe von Wasser befinden.

Der überreizte, ängstliche Zustand des modernen Lebens.

Red Mind.

Der Autor des Buches “Blue Mind” (Wallace J. Nichols) bezeichnet den Red Mind als einen Gegenspieler des Blue Mind. Während das Wasser und seine heilenden Kräfte Wirkung auf dich haben können, bedeuten Stress und Angst – der Red Mind Zustand – eine Bedrohung für die Gesundheit.

Und was bedeutet das?

Der Blue Mind kann dem Red Mind entgegenwirken. Wenn wir Zeit in der Nähe von Wasser verbringen, können wir uns von der technisierten Welt abkoppeln und uns wieder mit der Natur und uns selbst verbinden.

Die blaue Lösung

Die Ruhe, die wir beim Blick auf das Meer oder große Flüsse empfinden, kann helfen, das hormonelle Gleichgewicht wiederherzustellen und stressbedingte Probleme zu überwinden.

Statt konstantem Stress: Nur konstantes Rauschen.

Statt 1.000 verschiedenen Geräuschen der Stadt: Nur 100 verschiedene Arten, mit denen das Meer an den Strand rauscht.

Statt 1.000 Eindrücken, die uns unsere Smartphones in den Kopf spülen: Nur ein Kanal. Das Meer

Probiere es aus.

Und wenn wir gerade nicht am Meer sind?

Dann sollten wir aus den Konzepten der Blue Mind Forschung und der Biophilie lernen: Die Biophilie beschreibt die angeborenen Verbindung des Menschen zur Natur. Das können wir uns zunutze machen im Alltag.

Sechs einfache Tipps für den Alltag:

  1. Blaue Farben um dich herum: Kleide dich blau, nutze blaues Geschirr und so weiter. Da gibt es viele Möglichkeiten.
  2. Bilder von Wasser: Stelle oder hänge dir Bilder vom Meer auf. Nutze für deinen Bildschirmhintergrund auf Smartphone und Computer ein Bild vom Meer. Dann hast du kurz den “Blue Mind” Anker, bevor du dich in die Arbeit oder Kommunikation stürzt.
  3. Kontakt zu Wasser: Hast du andere Gewässer in der Nähe? Gehe hin.
  4. Bewege dich so oft wie möglich an frischer Luft und in der Natur.
  5. Gehe schwimmen. Sei es nur das Schwimm- oder Freibad.  Im Winter helfen auch warme Bäder zu Hause. Der Körper fühlt sich im Wasser leicht an.
  6. Nimm dir Zeit für kleine Routinen im Alltag. Versuche, wann immer es geht, Wege mit dem Auto durch Zufußgehen oder Fahrradfahren zu ersetzen.

In einer Studie von Charles Montgomery fand man heraus, dass Menschen, die im Durchschnitt 16 Minuten zur Arbeit zurücklegen, tendenziell glücklicher sind, wenn sie zur Arbeit gehen oder Rad fahren können, als jene, die das Auto oder andere Verkehrsmittel nutzen.

Red Mind auf der Straße

Experimente haben gezeigt, dass unzufriedene Pendler, die in ihren Autos stecken, einen ungesunden, chronisch erhöhten Spiegel an Stresshormonen in ihrem Kreislauf haben. In Extremfällen können Road-Rage-Vorfälle oder rücksichtsloses Fahren das Ergebnis dieser hormonellen Überlastung sein.

Jetzt kennst du den Gegenspieler des Blue Mind.

Unser Ziel: Wir wollen dich hier mit so viel Blue Mind Gedanken versorgen, dass du – wenn du mal nicht auf Juist sein kannst – immer ein wenig Meer bei dir hast. Abonniere die Juistpost. Das still die erste Sehnsucht. Blue Mind für dein Postfach!

Abschließen wollen wir mit einem Gedicht des Dichters Johann Gottfried von Herder, der 1769 sein „Erweckungserlebnis“ an Bord eines Schiffes hatte.

So ward ich Philosoph auf dem Schiffe“, beschrieb Herder euphorisch in sein ‚Reisejournal‘. Er wollte sich aus städtischem Patriziat und nobler Kaufmannschaft befreien und „das wahre Leben“ finden. Das fand er schneller, als er selbst es für möglich gehalten hatte. Bis dahin wurde das Meer selten bis gar nicht auf diese befreiende und wirksame Weise beschrieben.

Die Schwimmer

Das Leben ist ein stürmisch Meer;
Wir schweben hin, wir schweben her,
Wir streben schwer durchs Leben!
O Thor, so wirf die Bürden schwer,
Die Sorgenbürden wirf ins Meer!
Wie leichter, nacket sterben!

Johann Gottfried von Herder (1744 – 1803),

2 Gedanken zu „Verlasse den Red Mind.“

  1. Freiheit, Ruhe, Freude, Detox für Körper und Seele….
    Jedes Mal, wenn ich auf Juist das 1. Mal wieder die Nordsee begrüße, durchströmt mich das ultimative Glücksgefühl.
    Ich komme schon übermorgen eeendlich wieder nach Töwerland!

    Antworten
  2. Ich bin am 5.10.wieder auf Juist. Ein Gefühl von Freude, Ruhe und Frieden überfällt mich. Hier bin ich „ich“, hier darf ich‘s sein🥰

    Antworten

Was ist Wasser für dich?Schreibe deine Gedanken:

Julia Jung

Julia Jung kennt Juist von vielen Besuchen. Meist nur kurz, weil fast immer beruflich. Das bringt eine ganz eigene Perspektive auf die Insel. Ihre Leidenschaft sind die Meeresbiologie und die Psychologie hinter der Faszination für das Meer. Das Konzept des "Blue Mind" ist ihr Thema im Seezeichen, wie auch kleine Einblicke ins Leben im und am Meer.

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