Nüschts

Psssssssst.

Von der Stille und dem Schweigen.

Der stillste Ort der Welt.

Ruhe. Stille. Schweigen. Einfach mal bewusst gar nichts sagen. „Schweigen“ ist in diesem Monat unser Leitgedanke im Seezeichen. Jetzt bin ich wohl die unpassendste Person, um über Schweigen zu sinnieren, denn ich rede unheimlich gerne, ich höre gerne anderen Menschen beim Reden zu. Diese unangenehme Stille, die man hat, wenn man sich nichts zu sagen hat, aber der Situation auch nicht „entkommen“ kann, finde ich ganz schrecklich. Dann rede ich einfach drauf los, auch wenn es keinen Sinn macht. Oder ich mache Musik an. Ich mag diese zufällige Stille einfach nicht. 

Aber vielleicht ist das auch eine Sicht auf Schweigen, die viele nachvollziehen können. Ich denke, es braucht eine ganze Menge innere Ausgeglichenheit, um Schweigen auf längere Sicht zu „ertragen“, um bewusst nichts zu sagen. Dabei denke ich an Schweigegelübde, ans Meditieren, an Exerzitien oder auch „nur“ an Menschen mit Halsschmerzen, die nicht reden dürfen, um sich zu erholen.

Ich habe letztens irgendwann mal einen Beitrag, über den stillsten Ort der Welt gehört: In Minnesota in den USA gibt’s einen Raum, der 99,99 % aller Geräusche absorbiert. Unvorstellbar. Auf Juist ist es ja schon so leise!

Du hörst dein Herz pochen, du kannst deine Lungen hören und dein Magen grummelt ganz laut.

Steven Orfield, Betreiber des leisesten Ortes der Welt

Dieser Raum funktioniert, weil die Wände aus Fiberglas bestehen, das einen Meter dick ist. Rein kommst du nur über zwei Panzertüren. Klingt nach Science-Fiction.

Minus 9 Dezibel ist es dort leise. Zum Vergleich: Wenn wir uns unterhalten, verursachen wir mit einer einfachen Unterhaltung rund 60 Dezibel, nachts, wenn wir schlafen, sind ca. 30 Dezibel zu messen (auf Juist in einer nicht stürmischen Nacht wohl weniger).

Wozu aber so ein Raum? Firmen nutzen den stillsten Ort der Welt, um störende Geräusche ihrer Produkte zu ergründen oder die Sounds ihrer Gerätschaften zu verbessern. Einfach so als Otto-Normal-Verbraucher*in kommt man da aber nicht rein. 

Wäre auch zu gefährlich. Wir orientieren uns anhand von Geräuschen im Alltag, Geräusche geben uns Informationen weiter. Im stillsten Ort der Welt fehlen all diese Informationen. Dafür hören wir dann Dinge, die wir sonst nicht hören: Das Rauschen unseres Blutes in den Ohren, das Schlagen unseres Herzens, das Grummeln unseres Bauches, das Geräusch unserer Lungen. 

Eine gruselige Vorstellung, finde ich.


Schweigen als Herausforderung.

Ich kann mir das gar nicht vorstellen, in diesem Raum zu sein. Garantiert würde ich das keine fünf Minuten aushalten. Von den rekordverdächtigen 45 Minuten ganz zu schweigen, die es jemand mal da drinnen in diesem Raum ausgehalten hat!

Sogar das Schweigen ist sinnvoll, wenn die Augen sprechen.

Albert Camus

Ich glaube, ich würde durchdrehen, summen und vor mich hin brabbeln. So leise – Das kann doch gar nicht gesund sein! Oder? Ich rede gerne und viel. Nicht immer ist das, was ich sage, wichtig oder gar richtig, aber trotzdem sind es Worte, die zu sagen wichtig sind. Sprechen ist für mich ein wirklich wichtiger Ausdruck, vielleicht, weil ich so oft Schwierigkeiten habe, genau das zu sagen, was ich sagen will, und dann noch genau in dem Tonfall, den ich vermitteln will.

So kommt es vielleicht, dass mir Schweigen suspekt ist. Die andere Person sagt gar nichts. Ist das Zustimmung? Ablehnung? Wie hat das gewirkt, was ich gerade gesagt oder getan habe? In mir kommt Unsicherheit auf. Schweigende Personen, die ich sowohl sehr gut, als auch sehr schlecht kenne, machen mir ein bisschen Angst. Ich kann Menschen nicht immer gut lesen und so ist eine verbale Erwiderung wichtig für mich. Schweigen war noch nie meine große Stärke.

Ich mag es, am Meer langzulaufen und eine Weile mal nichts zu sagen. Aber dann sind da Geräusche – Vögel und die Wellen und der Wind und das Knirschen von Sand und Muscheln unter meinen Füßen / Schuhen. Wie ein Sicherheitsnetz wirken diese Geräusche. Denn komplett leise ist es fast nie. Schweigen tue ich in diesen Momenten trotzdem, aber es wirkt nicht so bedeutungsschwanger.



Schweigen.

Was ist Schweigen eigentlich?

Erstmal eine Definition:

Schweigen ist eine Form der nonverbalen Kommunikation, bei der nicht gesprochen wird und bei der auch keine Laute erzeugt werden. Im Allgemeinen können trotz des Schweigens vom Individuum als ein Sender bestimmte Informationen mitgeteilt und Bedeutungen gezeigt werden

Wikipedia

Also ist Schweigen mehr als „nur“ die Abwesenheit von Sprechen. Schweigen wirkt auf uns selbst, aber auch auf andere. Schweigen tun wir bewusst in den meisten Fällen, für eine gewisse Zeit. Es gibt auf Juist Schweige-Retreats zum Beispiel, während denen man zu sich selbst finden soll durch bewusstes Schweigen. Hier geht es mir nicht um Menschen, die aus anderen Gründen (zum Beispiel medizinisch oder psychologisch) nicht sprechen.

Schweigen kann wichtig sein, um uns im spirituellen Sinne selbst zu finden – Innere Mitte und Glückseligkeit und so. Schweigen kann uns aber wohl auch helfen, näher an Gott zu rücken (wenn man an so was denn glaubt). Schweigen ist wichtig, wenn wir uns selbst schützen wollen: Lieber nichts sagen bei der Polizei, als sich selbst zu belasten. Dieser Gedanke ist total relevant in unserer Gesellschaft, finde ich: Wir dürfen schweigen. Es ist eines unserer Rechte. Bevor wir uns selbst belasten, dürfen wir schweigen. Das sagt eine Menge aus über unser Rechtssystem und auch über die Wichtigkeit von Schweigen.

Schweigen ist elementar, um uns selbst zu schützen.

Schweigen ist ein Argument, das kaum zu widerlegen ist.

Heinrich Böll

Die Wirkung von Schweigen.

Die Wirkung von Schweigen auf uns selbst.

Wenn wir schweigen, dann …

  • durchbrechen wir unsere Routine und die Selbstverständlichkeit von Sprechen.
  • machen wir es uns selbst schwerer, in dem wir uns bewusst etwas verbieten.
  • schützen wir uns, indem wir nichts sagen, das uns angreifbar machen könnte.
  • kommen wir zur Ruhe, weil wir nicht noch mehr Reize auslösen.

Die Wirkung von Schweigen auf andere.

Wenn wir schweigen, dann …

  • widmen wir einer anderen Person unsere Aufmerksamkeit.
  • zeigen wir Respekt, indem wir über gewisse Themen nicht sprechen.
  • stimmen wir zu oder lehnen ab: „Wer hat was dagegen?“, „Wer stimmt zu?“.
  • bringen wir Trauer zum Ausdruck oder erinnern uns an bestimmte Anlässe.
  • verwirren wir andere, weil sie eine verbale Reaktion erwarten.

Schweigen ist nicht nur gut oder schlecht. Es ist, wie das Leben selbst, irgendwie beides und nichts zugleich. Ich mag die Vorstellung, durch Schweigen zur Ruhe zu kommen, aber ich weiß auch, dass das so was von anstrengend und schwierig für mich wäre.

Am Meer aber mit seiner brausenden Kulisse und der beruhigenden Wirkung ist das Schweigen irgendwie einfacher.


Video: Christian Slomka

Schweigen fasziniert.

Schweigen ist nicht nur Nicht-Sprechen, sondern bewusstes Erleben der Stille, Ausschwingung der Erregungen und Bewegungen, körperlich und innerlich. Man sammelt sich, gewinnt Kraft und kommt wirklich zu sich selbst.

Marcel Proust

Diese Idee des Schweigens, des Nichts-Sagens, der bewussten Stille, hat so viele Facetten. Künstlerinnen und Künstler nutzen das Schweigen für ihr Metier: Eine Pantomime nutzt Gesten und Mimik zum Ausdruck. Stummfilme bringen Emotionen und Geschichte ohne gesprochene Worte zum Ausdruck. In der Musik gibt es bewusste Pausen ohne Gesang und Instrumente, die aufwecken. Wenn im Film plötzlich nichts gesagt wird und keine Musik zu hören ist, wissen wir instinktiv, dass nun etwas Wichtiges passiert.

Schweigen kann so vieles sein – Ausdruck von Stolz bis Demut, von Angst bis Mut, von Zustimmung bis Ablehnung. Wenn jemand schweigt, müssen wir die Körpersprache und die Mimik besonders aufmerksam betrachten, um zu verstehen, wir müssen den Kontext des Schweigens beachten. Wenn man aber miteinander spricht, wird es einfacher.

Wenn die Lippen schweigen, hat das Herz hundert Zungen.

Rumi

Ich würde gerne von meinen eigenen Erfahrungen berichten können: Ich würde gerne schreiben, dass ich an so einem Schweige-Retreat teilgenommen habe und was das in mir ausgelöst hat, aber das wäre gelogen. Alleine die Vorstellung davon, für so und so lange schweigen zu müssen, macht mich ein wenig … klaustrophobisch. Ich kann lange nichts sagen, wenn ich zum Beispiel das Wochenende über alleine bin, nicht arbeiten oder einkaufen muss, auf der Straße zufällig niemandem begegne, den ich grüße, mit Freund*innen oder Familie per Textnachricht Kontakt halte. Aber das ist für mich kein Schweigen, denn es ist keine bewusste Entscheidung. 

Ich denke, das ist es, was mir Sorgen macht, wenn Menschen lange ruhig sind: Sie entscheiden sich gerade dafür, nichts zu sagen. Was sind die Gründe dafür? Was denken sie gerade? Die Abwesenheit von Sprechen ist nicht gleich Schweigen in meinem Kopf. Richtiges, bewusstes, längeres Schweigen macht mich kribbelig und das nicht im Guten.

Das Schweigen ist eine furchtbare Waffe.

Marcel Proust

Und ich bin ganz ehrlich: Mich treibt es auch nicht wirklich in Versuchung, mich an bewusstem Schweigen zu messen. Ich denke, es ist in Ordnung, wie es ist. Wahrscheinlich sollte ich daran arbeiten, nicht so unsicher zu werden, wenn mein Gegenüber mal schweigt. Aber, wenn ich ehrlich bin, ich will auch nicht schweigen. Ich will mich keiner Situation aussetzen, in der ich bewusst schweige. Ich will viel lieber reden können, wann und was ich will. 

Wobei das vielleicht ja auch die Moral von der Geschicht‘ ist: Schweigen kann man, wann immer und weswegen man auch immer will. 

Kann man Schweigen hören und spüren?  Ich finde: ja!

Schweigen – eine andere Meinung.

Jetzt haben wir gehört, was ich zu Schweigen denke. Was ich mir darunter vorstelle und was ich sagen wollte. Jetzt habe ich diesen Text geschrieben und will das ein bisschen ausschmücken, ein paar Bilder einbauen, damit das nicht nur durchgehender Text ist. Wie gehe ich da vor? Ich schaue mir unsere Bilddatenbank von Fotos auf Juist an und versuche, Töwerland-Motive einzubauen.

Der zweite Schritt ist dann, bei Bilddatenbanken nach passenden Motiven zu suchen. Also gehe ich auf die üblichen Verdächtigen im Internet und gebe als Suchwort etwas ein. „Schweigen“ in diesem Fall.

Manchmal kommen da sehr überraschende Ergebnisse raus. In diesem Fall ist es aber eher offensichtlich. Ich bekomme ganz viele Bilder von Landschaften vorgeschlagen, wenig Trubel darauf, natürliche Umgebungen, ein beruhigender Filter. Ich sehe viel Grün, viel Blau. Mir wird ein Friedhof vorgeschlagen als Bild, der Blick auf einen See ohne jede Welle, ein Gewässer, auf dem einen Feder schwimmt, eine Sonnenuntergangsszenerie mit Bäumen und ein paar Vögeln. 

So stellt sich eine Bilddatenbank also „Schweigen“ vor.

Nein, im Ernst. Natürlich „denkt“ die Datenbank nicht. Beim Hochladen der Bilder wurden wohl Tags eingegeben, die mit Stille und Ruhe zu tun haben. Keine Synonyme von „Schweigen“, aber nah genug dran, um mir diese Ergebnisse zu präsentieren. Es wäre eine sehr, sehr direkte Untermalung, würde ich diese Bilder nutzen. Aber das lässt mich daran denken, dass, spätestens seit dem Schreiben dieses Artikels, mir Schweigen viel mehr bedeutet, als die Abwesenheit von Reden. 

Ich habe so viel über Schweigen nachgedacht beim Schreiben dieser Worte, dass ich fast schon an eine meditative Zeitbeschäftigung denke. Es hat mehr mit Selbstfindung und Genuss zu tun.

Aber hier nun das, was eine Bilddatenbank als „Schweigen“ versteht:

Und damit ist mein Artikel zum Schweigen auch schon beendet. Das sind also meine Ideen und Gedanken dazu, was Schweigen ist und macht. Was denkst du? Lass es uns in den Kommentaren wissen!

2 Gedanken zu „Psssssssst.“

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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