Sei mal grau.

Nordseegrau ist eine Farbe

Ich finde, wir haben einen „Perfektionsschaden‘. 

So, war das ein gutes, schockierendes Intro, das neugierig macht? Das ist es jedenfalls, was alle Schreib-Coaches einem so empfehlen. Leute lesen Dinge nur, die sie sofort greifen und interessieren. Und ein unerwarteter Beginn kann und soll genau das tun. 

Mit „Perfektionsschaden“ meine ich, dass wir kollektiv als Gesellschaft wirklich einen Deut zu arg auf diese vermeintliche Perfektion hinarbeiten. Was wir auf der Arbeit tun darf keinen noch so kleinen Fehler beinhalten. Die Fotos, die wir im Internet posten, müssen über jeden Zweifel erhaben sein. Sogar das Wetter! Frage ich einen Kumpel, wie der Urlaub so war, kommt gerne ein stereotypisch deutsches „Wetter war nicht gut“. Als würde das Wetter entscheiden, wie der Urlaub war.

Aber das meine ich mit Perfektion: Niemand kann das Wetter beeinflussen und irgendwie können wir dennoch nicht darüberstehen und lassen zu, dass das Wetter unseren Urlaubsgenuss beeinflusst. 

Klar, wenn man wandern gehen wollte und die ganze Zeit sind es 50°C oder es regnet so arg, dass die Wege gesperrt sind – Ja, das ist ein Problem. Aber ein bisschen Nieselregen und verdeckter Himmel? Nein, das ist doch super. Denn: Unter der Wolkendecke warten ganz grandiose Momente auf uns! Von dieser Liebe zu den verhangenen Tagen möchte ich jetzt sprechen. Und, ja, am Ende komme ich natürlich nochmal auf den „Perfektionsschaden“ zu sprechen – denn auch das ist einer dieser Tipps von schreib-Coaches: Einen Spannungsbogen bauen und die Themen vom Anfang nochmal am Ende aufgreifen. Ich versuch’s zumindest.

Eine Ode an den grauen Tag.

Wir kennen doch alle dieses Postkarten-Klischee: Blauer Himmel, hier und da eine attraktiv geformte Wolke, fast schon weißer Sandstrand, leichte Wellen, bunte Strandkörbe, blau gephotoshopptes Wasser … Das hat schon seinen Grund. Manchmal sieht es ja auch so aus hier. Aber nicht immer. Wobei die Tage, wenn die Sonne scheint und es schön warm ist, natürlich grandios sind. Allein das Drandenken macht mir Lust auf Cocktails im Sonnenuntergang und barfuß Spaziergänge an der Wasserkante entlang. Ich kann quasi den Sand unter den Fußsohlen spüren, die Wellen an den Knöcheln … 

Aber ich schweife ab.

Ich habe letztens einmal nachgerechnet – Ich hatte meine Winterjacke in der kalten Saison 2022 / 2023 fast sechs Monate lang an. Mit Unterbrechungen, klar, nicht immer und ständig, aber mehr oder minder schon. Was ich damit sagen will: Es war ganz schön kalt und schneidend hier an der Nordseeküste. Zumindest habe ich das so empfunden. Aber irgendwie ist diese Kälte ja auch befreiend. 

Die Leute, die hier leben oder urlauben, wissen, worauf sie sich einlassen: So reist man auch im August mit großem Gepäck für eine kurze Zeit an, denn irgendwo müssen die Regenjacke und der dicke Pulli ja untergebracht werden bei der Anreise im strahlenden Sonnenschein bei heißen Temperaturen. 

Wer die Nordsee kennt, weiß: Das Wetter kann sich im Handumdrehen ändern.

Und das ist doch irgendwie der Zauber an dem Ganzen:

Die Natur entscheidet, nicht wir.

Wir Menschen sind der Natur ausgeliefert und haben in diesem Moment keine Kontrolle über diesen entscheidenden Faktor im Urlaub.

Nordseegrau ist eine Farbe

Nordsee ist halt nicht das ganze Jahr über Sommer, Sonne, Eis. Nein. Nordsee ist eher so ein erlesener Geschmack im Winter und im Herbst. Dann kneift man die Augen zusammen, um keinen Sand hinein gepustet zu bekommen, um keine Regentropfen vor die Pupille geknallt zu bekommen, weil der Wind einfach beißend kalt ist. Aber es ist es wert. Das Grau am Himmel, die schweren Wolken. Die pure Urkraft des Windes. Es ist, als wäre man den Elementen hier noch schutzloser ausgesetzt, als in der Heimat. Ist sicherlich auch so, aber das ist eine Wahl, die du triffst, wenn du hierherreist: Du willst in der Natur unterwegs sein, du willst dem nicht perfekten Wetter trotzen und die Tage und Stunden in der fantastischen Natur verbringen.

Das Grau im Himmel an der Nordsee hat einen ganz tollen Zauber. Es ist strahlend grau, grell grau und bunt grau. Nordseegrau ist nicht nur eine tolle Farbe, sondern ein echter State of Mind, den es zu genießen gilt.

Und jetzt alle zusammen:

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. 

Aber sag mir das mal, wenn ich eingeknuddelt in meine dicksten Klamotten von oben bis unten wie ein Michelin-Männchen eingepackt bin. Zwischen Mütze, die einem oft vom Kopf geweht wird, Brille, um die Augen zu schützen vor dem fliegenden Sand und dem Wind, Schal, der bis über die Nase gezogen wird, Stiefeln mit viel Profil, langer Unterwäsche, Jeans, Regenhose als Windschutz, Pulli, windundurchlässiger Winterjacke … 

Und trotzdem. Trotzdem mag ich die kalten Tage. Ich mag die grauen Tage hier. Jemand hat mal irgendwo diesen Spruch gepostet: „Nirgends ist das grau so strahlend schön wie an der Nordsee“. Oder so was in der Art jedenfalls. Stimmt! Nein, im Ernst! Ich kann schon vor meinem inneren Auge sehen, wie du vor deinem Display abfällig schnaubst. 

Auf Juist strahlt der Himmel in allen Farben des Regenbogens – orange-rot bei Sonnenaufgang, blau und fast schon weiß am Tag, rosa, lila und pink wie Zuckerwatte bei Sonnenuntergang im Sommer und eben grau-beige-weiß-schwarz im Winter, wenn der Himmel zugezogen ist. Nordseehimmelgrau ist meine Lieblingsfarbe im Winter, wenn ich nur kurz raus muss, um einzukaufen, oder mich die Lust auf einen Spaziergang über die menschenleeren Strände packt.

Fifty Shades of graues Wetter.

Hier ist das Grau des Himmels irgendwie anders und zwar jeden Tag. Mal strahlend grau, mal gewitterschwanger grau, mal leuchtend grau, mal deprimiert grau. Aus welchem Grund auch immer ist das Wettergrau auf Juist faszinierend. Klar, auch ich wünsche mir im langen Winter mal zwischen durch ein bisschen Sonne, aber ich kann der Insel den Regen, den Wind und das viele Grau gar nicht übelnehmen. Ich blinzele gerne gegen den Wind. Ich genieße es, wenn ich mich zu einem Strandspaziergang gezwungen habe (und mich selbst dabei zwischen schneidendem Gegenwind und Hagelkörnern, die schräg fliegen, verflucht habe). Ich mag es, dass ich mich nicht zwischen Brille und Sonnenbrille entscheiden muss, weil es klar ist, dass es nicht hell genug ist, um eine Sonnenbrille anzuhaben.

Irgendwie wirkt der Himmel hier manchmal so verhangen und zugezogen, dass der Himmel so nah wirkt. Fast schon plastisch und als ob man die Wolken an den Fingerspitzen spüren kann, wenn man sich nur streckt. Das ist ein unglaublich schönes, heimeliges Wohlfühl-Gefühl.

Und wenn ich dann mit einem schönen Tee irgendwo einkehren kann. Die Waffel verkneife ich mir meistens irgendwie noch, um mir den Appetit vor dem Mittag- oder Abendessen nicht zu verderben, aber ich schweife schon wieder ab. 

Das Grau des Juister Himmels ist von drinnen nämlich am allerschönsten, wenn ich mit eiskalten Händen eine heiße Tasse Tee umklammere, mir eine Decke über die kalten Beine ziehe und die Wärmeflasche an den Bauch drücke. Ja, ich liebe dieses ganz besondere Grau auf der Insel. Es ist halt ein Urlaub für Fortgeschrittene und Hartgesottene, der Winter an der Nordsee. Und schon überkommt mich die Sehnsucht nach der kalten, ruhigen, grauen, nicht perfekten Jahreszeit auf der Insel.

Wenn ich ein Foto mache und mir auffällt, dass das echt nicht so schön aussieht wegen dem grauen Himmel, atme ich einmal tief durch und speichere das Bild trotzdem. Denn: Nicht perfekt für mich und mein Empfinden ist für jemand Anderen und dessen Empfinden perfekt. 

Genuss in grau.

Auch den grauen Himmel kann man so richtig genießen. Warum auch nicht? Warum wollen wir alle immer Sonnenschein haben? Klar, die Natur zu erleben und zu spazieren und draußen zu sein, das ist definitiv schöner, wenn es nicht regnet. Wenn die Sonne scheint, sind die Farben viel satter.

Aaaaaaaaber wenn der Himmel grau und zugezogen ist, genieße ich trotzdem die Zeit. Ich mag dieses ganz leicht drückende Gefühl, wenn der Himmel voller Wolken hängt und die Luft ein bisschen diesig ist. 

Bei grauem Wetter ist das Wolken-zählen ein Hobby für Fortgeschrittene. Und das macht echte Laune! Warum denn auch immer vermeintlich schlechtes Wetter als Problem ansehen? Ist doch gar kein Problem, wenn es kalt und windig ist. Solange es nicht regnet, ist die Natur auf der Insel genauso schön wie im Sommer. Wenn nicht noch besonderer, weil sich die eigene Perspektive verändert hat. Und genau darum geht es doch bei einer Auszeit vom Alltag – Perspektivenwechsel, Tapetenwechsel, Erholung.

Graues Wetter. Das ist schon was Tolles.

Der „Perfektionsschaden‘. 

Verstehst du jetzt, was ich meine? Wenn man das graue Wetter direkt als blöd oder schlecht oder unschön oder sonst wie abstempelt, nimmt man sich doch direkt selbst die Gelegenheit, den Tag dennoch zu genießen. Wenn wir direkt nach dem Aufstehen aus dem Fenster schauen und uns graues Wetter entgegenstrahlt, wir aber zugleich entscheiden, dass uns das Wetter nicht in den Kram passt, ist der Tag doch gelaufen. 

Ich mache das inzwischen etwas anders: Ich plane anhand der Regenpausen, wann ich unterwegs sein will und entscheide, dass ich diesen Tag mit nicht perfektem Wetter erst so richtig zu genießen. Um es wem auch immer zu beweisen. Ich werde jua wohl nocht selbst enscheiden können, ob dieser Tag schlecht wird oder nicht. Das wird das Wetter sicherlich nicht für mich übernehmen.

Nein, ich trotze meinem „Perfektionsschaden“ und genieße das graue Wetter an der Nordseeküste.

1 Gedanke zu „Nordseegrau ist eine Farbe“

  1. Was hat mir dein Artikel zum Nordseegrau gefallen!! Lieben Dank. Nun „leide“ ich schon wieder an meiner alten Sehnsucht nach Juist. Wenn alles klappt, dann wieder im nächsten ersten Vierteljahr… ohne „Perfektionsschaden“ 😉
    So grüße ich mit meinen Gedanken vom Festland…

    Novemberschön

    ist die Seele dieses Monats
    dunkel die Bäume in aufrechter Schmucklosigkeit
    ehrlich die Luft
    und frostig ihre Klarheit
    konzertentraumhaft des Geschrei der Krähen
    sehnsuchtsvoll über aufgerissenen Feldern
    Traurigkeit erinnert im Tod
    wo doch keiner ist
    der Schein des Nebels trügt
    hörend die leisen Bewegungen
    durch die Kälte langsamer geworden
    berauschend der Duft
    gefallener Blätter
    blendend das Licht
    gespiegelt in vergessenen grauen Pfützen
    gestaltet von ersten Schneeflocken in weiß
    Wind lässt das Viele erstarren
    und übrig bleibt das Wenige
    Einfache
    Schwer wird das Herz
    im Wunsch dass es anders sei
    Chance zu begreifen
    Novemberschön
    das Geheimnis der Buntheit Grau

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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