Auf geht‘s.

Hier kommt die Sonne!

Sonnenaufgänge haben etwas Besonderes an sich. Sie markieren den Beginn eines neuen Tages. neue Chancen, einen neuen Start, neue Möglichkeiten. Sie sind ein Symbol dafür, dass selbst die schlimmsten Situationen irgendwann enden.

Jeder Moment hat ein Ende hat und ist daher unendlich wertvoll – eben, weil er einst enden wird. Die Endlichkeit des Seins sozusagen. 

Sonnenaufgänge sind mit ihren Farben, mit ihren erhabenen Momenten, ihrer Kurzzeit, ihrer Stimmung und ihrem „Jeden Tag anders“-Sein besondere Momente. Türschwellen zum Tage hin quasi. Sonnenaufgänge begeistern. Immer mal wieder hört man von Fotograf*innen (ob Amateure oder Profis), dass sie zu den schrecklichsten Zeiten aufstehen, um genau dieses eine, dieses perfekte, Bild zu schießen. Nicht umsonst ist bei Sonnenaufgang die Welt in die schönsten Farben gemalt.

Und das ist der Gedanke, den ich hatte: „Das Licht auf Juist ist immer anders“. Im September sehen die Wolken hier ganz anders aus, als im Hochsommer, im Frühjahr oder im Winter. Das Licht verzaubert. Es ist facettenreich und besonders. Und, meiner Meinung nach, ist es der Sonnenaufgang, der die grandiosesten Momente des Lichts auf der Insel zaubert.

Der Wow-Faktor beim Betrachten von Sonnenaufgängen und -untergängen ist heilsam.

Anja Braun, SWR

Jeden Tag sieht der Sonnenuntergang anders aus. Mal ist er bunt und unbändig temperamentvoll, mal ist er ruhig und einfarbig und beruhigend. Mal ist er versteckt von den Wolken, mal ganz offen vor dem blauen Himmel.

Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir Menschen es sind, die diesen Momenten des Beginns eine Bewandtnis zu schreiben. Wir, in unserer Philosophie, in unseren Geschichten und unserer Forschung haben eine Faszination für die endlichen Momente. Wir erforschen sie, malen sie, beschrieben sie, fotografieren sie. Wir lassen uns nur zu gerne von diesen Momenten fesseln.

Du Narr, welche Motivation suchst du am Morgen besser als die unglaubliche Motivation des morgendlichen Sonnenaufgangs?

Mehmet Murat Ildan

Ich bin kein Frühaufsteher.

Damit fange ich direkt mal an, damit keine Unklarheiten entstehen. Ich bin absolut kein Frühaufsteher.

Ich kämpfe mich – vor allem im Winter – eher genervt aus meinem warmen bequemen Bett, um mich der harschen Realität zu stellen. Es braucht mindestens eine Stunde, bis ich ein „echter“ Mensch geworden bin, der in der Lage ist, mit anderen Menschen sozial zu interagieren, statt sie nur böse und müde anzustarren. Das hat aber nicht zwingend was mit der Uhrzeit zu tun. Mir geht’s so, ob ich jetzt um sechs aufstehen muss oder bis zehn im Bett bleibe. 

Lacht mich nicht aus, aber eines meiner Ziele war es, hier auf der Insel mal einen Sonnenaufgang zu erleben. Ja, klingt nicht wirklich hochgegriffen, wenn man hier lebt. Aber: Unter der Woche muss ich arbeiten, am Wochenende bin ich zu faul und wenn ich Urlaub habe, bin ich meist nicht auf der Insel. Also hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich den Sonnenaufgang auf der Insel in aller Ruhe bestaunen konnte. 

Mit dem Sonnenuntergang ging’s einfacher. Klar, der ist ja im Winter auch ziemlich früh am Tage.

Für den aufgewühlten Geist, ist die Schönheit der Morgenröte das feinste Balsam der Natur.

Edwin Way Teale

Der erste Versuch war nach einer durchzechten Nacht – Kleiner Exkurs: Die Fähre hätte am Vorabend gegen sechs Uhr oder so eigentlich ankommen sollen, aber wegen unschöner Umstände ging das nicht. Die ganzen Gäste durften dann die Nacht über auf dem Festland ausharren, um dann so gegen vier, halb fünf Uhr morgens auf Juist anzukommen. Kein besonders schöner Start in den Urlaub. Jedenfalls … Ich kam aus der Kneipe und habe einen Umweg über den Strand gemacht, schon so derart übermüdet, dass ein paar weitere Stunden auch keinen Unterschied machen würden. Ich ging also zum Strand, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Jaaaaaaa, hat nicht so gut geklappt. Ich kann mich nämlich nicht mehr dran erinnern. Und das lag nicht am Alkohol. Nicht mal mein Handy, eigentlich der perfekte Zeuge all meiner Erlebnisse, hat Bilder vorzuweisen. Da muss ich eingenickt sein. 

Der zweite Versuch aber war etwas Eingehender: Ich bin im Spätsommer an den Strand. Warum? Weil es gestürmt hat wie verrückt und ich nicht mehr schlafen konnte, weil es einfach zu laut war. Also bin ich an den Strand gestapft, um mich umzugucken. War aber zu spät (es muss kurz nach halb sieben gewesen sein) und es war zu wolkig, um wirklich was zu sehen. Schade. 

Chancen sind wie Sonnenaufgänge. Wenn du zu lange wartest, verpasst du sie.

William Arthur Ward

Der dritte Versuch war schlussendlich aber erfolgreich. So erfolgreich sogar, dass ich ganz begeistert war. Die Farben auf der Insel spiegeln sich im Wattenmeer, werden verzerrt von den Wolken. Sonnenaufgänge auf Juist sind einfach was Besonderes. Es war ein verflucht ungemütlicher Morgen im Winter, glatt und kalt und feucht und windig. Schicht über Schicht habe ich mich eingemummelt, die Mütze tief ins Gesicht gezogen und bin losgestapft. Ich bin auf ans Watt gelaufen, bis ich dieses Spiel der Farben beobachten konnte. Gefroren habe ich, aber weg wollte ich nicht. Zu schön war der Sonnenaufgang mit seinen Farben und der Ruhe, mit diesem Frieden, den er in einem auslöst.

Also habe ich mein Ziel erreicht, den Sonnenaufgang zu beobachten. 

Aber – warum ist das so ein Ziel gewesen? 

(Der) Sonnenaufgang wirkt antidepressiv

Praxis-Depesche

Ich bin niemand, der in der Großstadt mit voller Absicht den Sonnenaufgang betrachtet. Wenn ich mal aus dem Fenster schaue oder gerade unterwegs bin und die Sonne geht auf, ja, dann finde ich das auch schön und zücke vielleicht sogar mein Handy, um ein Foto zu machen.

Eigentlich.

Auf Juist ist das anders. Irgendwie hat der Sonnenaufgang hier einen gewissen Zauber inne. Ich glaube, das ist die Mischung aus Natur und Zeit, aus Ruhe und Entspannung, die es uns erlaubt, uns mit Muße und Neugier und offenem Herzen hinzustellen und den Sonnenaufgang zu betrachten. Etwas, das viele von uns sicher nicht freiwillig im normalen Leben tun würden. Oftmals ist einfach zu viel zu tun, um solche Momente zu verbringen.

Ich glaube, wir alle wissen, wie wertvoll jeder einzelne Moment ist. Ich glaube fest daran, dass wir alle aus jedem Moment das Beste machen wollen. Nur sind wir manchmal überfordert oder gefangen. So, wie ich in meinem warmen Bett morgens, das mich nicht aufstehen lassen will, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Na ja, der innere Schweinehund halt!

Und dann erwartet einen, ganz unverhofft, dieser Moment der Überwindung des Schweinehundes, der offenen Augen und offenen Herzen, wenn wir etwas so Alltägliches wie den Sonnenaufgang so richtig zu schätzen wissen. Es ist ein besonderer State of Mind, finde ich, wenn man bewusst einen Sonnenaufgang erleben will. Anspannung ist da und eine gewisse Erwartungshaltung, dass dieser Sonnenaufgang jetzt total schön sein muss. Und am Ende ist er das. Sogar ein bewölkter Sonnenaufgang ist wunderschön, wenn wir uns auf die Farben und Schnipsel, auf die wattweichen Wolken und die diesige Stimmung einlassen. 

Zum Abschluss dieses Artikels wünsche ich euch die Motivation und die Lust, morgen den Sonnenaufgang zu erleben. Ganz gleich, oh ihr von innen durchs Küchenfester nach draußen schaut, den Kaffee in der Hand, oder ob ihr auf einen Berg steigt oder zum Meer lauft: Ich wünsche euch, dass ihr diese Endlichkeit des Seins beim nächsten Sonnenaufgang verspürt und euch auf die Schönheit des Alltäglichen einlasst.

8 Gedanken zu „Hier kommt die Sonne!“

  1. Den Sonnenaufgang auf Juist habe ich für immer in meinem ❤ gespeichert ,er ist meine Kraftquelle,die ich jederzeit abrufen kann.Er erdet mich und gibt mir ein positives Lebensgefühl !

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    • Perfektes Zitat für einen zukünftigen Artikel: „(Der Sonnenaufgang) ist meine Kraftquelle, die ich jederzeit abrufen kann“ – Du bist ja eine richtige Poetin!

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  2. Manchmal das schoenste am Tag. Vieles wacht auf und der Rytmus beginnt von vorne. Besonders im afrikanischen Busch. Ich lebe in Pretoria (aus Koeln und kenne Juist seit meiner Kindheit) und bin Reisebuero fuer das suedliche Afrika. Von daher habe ich im Busch schon viele Sonnenaufgaenge und Untergaenge gesehen. Sie gehen sehr schnell. Aber fuer mich immer wieder fazinierend.

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  3. Hallo, ich habe den Sonnenaufgang als Startseite auf meinem
    Handy. Das erdet einen immer wieder und man weiß wie schön die Natur ist. Dadurch habe ich Juist immer in meiner Nähe.

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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