Eisig.

Festgefroren auf Juist

Ein nostalgischer Rückblick in die Wintermonate des Jahres 2016 auf Juist.

„Ich hab kein Bock mehr! Wieso fahren wir auch auf diese bescheuerte Insel, von der man nicht mehr runterkommt?“

Ein Teil aus einem Sketch? Nee, die pure Wahrheit. 

Ich saß im Lütje Teehuus, es war 2016, und es gab nur ein Thema: die Eiszeit auf Juist. Die Gespräche drehten sich um den Ostwind, der das Wasser wegbläst, von den sich dem Ende neigenden Lebensmittelvorräten auf der Insel, von Naturgewalt, für die ja keiner was kann, und von Arbeitgebern, die damit leben müssten. „Bei Naturgewalt muss man sich keinen Urlaub nehmen“, versicherte ein Herr am Nachbartisch. Fakt war: keiner kam jetzt weg von Juist. Die Schiffe konnten nicht passieren und die Flieger nicht starten, denn zum scharfen Ostwind hatte sich Eisregen gesellt. Ausnahmezustand.

Pferdepause – Juist versinkt im Eis

Der Hund schlummerte faul unter dem Tisch, er schien die unfreiwillige Pause seiner Herrchen zu genießen. Meine vier Tischnachbarn samt pubertierender und sichtlich genervter Tochter schlugen die Zeit tot. Wie alle hier, denn draußen bewegen konnte man sich nicht, viel zu glatt geschliffen waren die eisverkrusteten Straßen und Wege. Kein Pferdegetrappel, keine Kutschen, keine Fahrräder, nur wie auf Eiern laufende, schlitternde Menschen und Hunde, erstere dick eingepackt in alles, was der mitgebrachte Kleiderschrank hergab. „So ist das eben auf Juist“, bemerkte die Mutter trocken. „So ist die Natur und damit müssen wir uns abfinden.“ „Is‘ doch scheiße“, grummelte die Tochter entnervt und nahm noch einen Schluck Kakao.

Ein nostalgischer Rückblick: Als Teenager festgefroren auf Juist 

Ich saß vorher zuletzt auf Juist fest, als ich in der 12. Klasse war. Damals, mit 17, hatte ich Silvester auf Juist verbracht, wir hatten es krachen lassen, mit Insel-Freunden, also solchen Freunden, die ich nur von der Insel kannte. Irgendwann waren wir uns über den Weg gelaufen, am Strand, im Zappel, der Inseldisco, oder im Köbes, der Inselkneipe, in die man eben ging. Man freundete sich an und wir trafen uns in diesen Jahren regelmäßig zu Silvester, Pfingsten und manchmal auch im Sommer.

Ausziehen, bitte! 

Wir wohnten in für Juister Verhältnisse günstigen, aus heutiger Sicht zumeist recht grauseligen 70er Jahre-Unterkünften, mal allein, häufiger zu zweit mit mehr oder weniger bekannten Gesichtern, das war ja auch egal, damals, als es einzig darum ging, auf die Insel zu kommen und möglichst viel zu feiern und möglichst wenig zu schlafen. Das klappte immer gut. Ab und zu musste das Zimmer geräumt werden. Das geschah immer dann, wenn der oder die Zimmergenossin eine Bettgeschichte anschleppte. Dann musste man sehen, wo man blieb. Das war ok, da hielten wir zusammen.

In diesem Winter bedauerte ich das Hängenbleiben auf der Insel keinen einzigen Augenblick, denn ich war verliebt.

Nicht nur in Juist, sondern noch dazu in einen Jungen, einen Sänger mit langen, lockigen Haaren. Er studierte schon, während ich das leidige Abitur vor mir herschob. Ich fühlte mich ständig zwischen Weinen und Lachen, Fliegen und über Wolken gehen. In meiner Erinnerung war es eines der wunderschönsten Silvesterfeste meines Lebens. Wir feierten im ersten Stock der damaligen In-Kneipe Köbes bis in den Morgen hinein, schliefen ein paar Stunden, um uns alsbald wieder zum Frühschoppen vor der Tür desselbigen zu treffen. Die Tage verrannen wie Sand zwischen den Fingern, natürlich viel zu schnell. Und das, obwohl wir unsere Uhren mit einem Juist-Aufkleber abgeklebt hatten, das machten wir zu der Zeit immer, sobald wir die Fähre nach Juist betraten. Der Ausnahmezustand konnte beginnen und das tat er jedes Mal zuverlässig, doch zu unserem Leidwesen kannte die Zeit schon damals keine Gnade. Sie trabte trotzdem munter weiter und wir taten alles dafür, sie mit möglichst viel Inhalt zu füllen: reden, feiern, rauchen (das machten wir damals noch), spazieren gehen (einige von uns taten das natürlich nie) und bloß nicht schlafen.

Kein Entkommen – und noch ein Grund mehr zum Feiern!

Als klar wurde, dass aufgrund des strammen Ostwinds und wabernden Nebels weder Fähre noch Flieger irgendjemanden von der Insel würde transportieren können, jubelten wir wie die Könige und empfanden die geschenkte Zeit als das größte Glück der Erde. 24 oder gar 48 Stunden mehr auf unserer Insel, mehr Zeit zusammen, mehr Zeit ohne Schule und Eltern und Verpflichtungen, die hier auf Juist nichts verloren hatten. Schnell war ausgemacht, wer wo mit wem übernachten könnte – um Geld zu sparen und sowieso. Es lief alles wie von selbst, war glasklar auch ohne viele Worte.

Einige der älteren Juistfreunde sahen die Sache weniger entspannt, sie hatten wichtige Termine und glaubten, dringend zurückzumüssen. Mir war das damals unverständlich. Ab dem zweiten, unfreiwillig auf Juist verbrachten Tag saßen sie auf gepackten Koffern, telefonierten ständig mit den Inselfliegern und machten sich ein ums andere Mal zum Flughafen auf in der Hoffnung, es vielleicht doch auf einen der Flieger zu schaffen. Am dritten Tag hatte sich der Bekanntenstamm merklich reduziert, die meisten waren ausgeflogen.

Wir anderen hätten vermutlich ewig auf der Insel bleiben können, wen interessierte schon die Schule und das bevorstehende Abi? Die paar Tage, mein Gott. Meine Eltern glaubten mir erst, nachdem eine kurze Meldung in der FAZ erschienen war und ihnen schwarz auf weiß bestätigte, dass mehrere hundert Gäste auf Juist festgesessen hatten. Handys gab es damals noch nicht, keine sozialen Kanäle, die etwas von der Insel hätten twittern können. Es gab genau drei Telefonzellen auf Juist, sie standen gleich neben der katholischen Kirche und es bildete sich meistens und zu dieser Zeit immer eine Schlange davor.

Am vierten Tag, zu unserem Leidwesen, stieg die Temperatur und die Inselflieger gaben bekannt, dass der reguläre Flugverkehr nunmehr wieder aufgenommen würde. Mit Tränen in den Augen fuhren wir in einer Kutsche gemeinsam zum Flughafen und warteten darauf, auf die Cessnas verteilt zu werden. Sieben Minuten nach dem Start berührten unsere Füße widerwillig wieder Festlandboden. Auf dem kleinen Parkplatz reihten sich Taxen aneinander, die die Ankömmlinge eifrig zu ihren Autos brachten. Autos, Straßen, Schnelligkeit – all das überfordert, wenn man von Juist kommt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Jemand nahm mich in seinem Auto mit nach Hause, setzte mich vor der Haustür ab, auch das war klar, regelte sich von selbst und am frühen Abend saß ich wieder daheim am Esstisch und berichtete das, was für Elternohren bestimmt war.

Es waren schöne Zeiten, damals, als die Eiszeit nach Juist kam. Vielleicht begreift das die Teenagertochter, die 2016 am Nebentisch saß, in ein paar Jahren auch. Wenn sie ohne ihre Eltern und dafür mit echten Juist-Freunden auf die Insel kommen darf. 

3 Gedanken zu „Festgefroren auf Juist“

  1. Dankeschön! Wir waren im März 2018 für ein paar Tage auf Juist eingefroren. Eine ganz besonders schöne (und ein bisschen aufregende) Zeit für uns … die wir nie vergessen werden.
    Schöne Grüße aus Norden.
    Margot

    Antworten
    • Einmalig! Eingefroren, seeehr kalt, Ruhe. Erinnerungen die bleiben. Die Welt ist nicht untergegangen. Hoffentlich macht der Klimawandel keinen Strich durch diese
      einzigartigen Naturerlebnisse.
      Grüße aus dem Rheinland.
      Ilse und Günter

      Antworten
  2. Glückseligkeit – wenn der Wind die Wangen rot färbt und die trüben Gedanken wegpustet.
    Wenn in der Sauna- mit Blick aufs Meer – der Schweiss rinnt
    Wenn Ruhe einkehrt…in mir …

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Katharina Schlangenotto

Ostwestfälin und Mallorca Residente, Yoga Teacher Trainerin aus Leidenschaft und ausgestattet mit der großen Stärke, das Leben von Menschen und Teams ganzheitlich und mit Leichtigkeit in Schwung zu bringen.

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