Nebulös.
Nebelige Momente. Warum eigentlich Nebel? Und warum die NO.PO.NI.RE?
Übrigens: Maximal 49 Gäste dürfen der Übereinstimmung nach dabei sein und mindestens 51 Juister. Warum? Damit die Juister die Mehrheit behalten würden.
In diesem Artikel soll es um Nebel gehen. Manchmal ist es ganz einfach, ein passendes Unterthema und einen passenden Menschen für dieses Thema zu finden. Wenn ich über Nebel nachdenke, sehe ich ein Bild vor meinem inneren Auge: Es zeigt dicke Nebelschwaden über den Wogen des Meeres, in der Entfernung ein Boot. Ich denke an Fischer, die am frühen Morgen aufbrechen und denen der Morgennebel an einem kalten, stürmischen Tag entgegenweht. Es ist ein Bild, das von vielen Filmen und Serien geprägt ist, ein Stereotyp, das vielleicht und wahrscheinlich wenig mit der Realität zu tun hat, aber es ist das Bild, das ich vor meinem inneren Auge sehe. Ich fröstele, wenn ich daran denke. Ich kann den Fisch riechen und den norddeutschen Dialekt in den gesprochenen Worten zwischen zwei Windböen hören.
Da ist also unser Unterthema: Fischerei.
Nebel ist ein Hindernis und eine Herausforderung zugleich. Die Sicht wird einem ja genommen. Aber gleichzeitig ist der Nebel auch faszinierend. Der Nebel ist ein stetiger Begleiter hier an der Nordsee. Er zieht auf und er verschwindet wieder. Man kann ihn vorhersagen, aber er kann einen auch überraschen. Wie die Fischerei: Ein Jahr fängt sich fast nichts und im nächsten Jahr sind die Netze voll.
Von daher – ja, heute soll es um die Fischerei gehen. Und wer wäre da ein passenderer Gesprächspartner als Gerd Rinderhagen, der als Präsident die Geschicke der Juister Fischereigesellschaft leitet?


NO.PO.NI.RE. AG – mehr als Fischfang
„Dat muss ja nu keen Heilbutt wään, een lütjen Schguhl deit‘ ook.“
Spruch auf der Website der NO.PO.NI.RE AG
Die Geschichte der NO.PO.NI.RE AG beginnt 1974, als „NO“ und „PO“ sich fanden: Zwei Juister kamen überein, dass man die Fischerei im Watt nach Juist (zurück) bringen sollte. „NI“ und „RE“ kamen erst später dazu. Hinter diesen Abkürzungen verstecken sich natürlich Namen, die man heute noch fast überall auf der Insel kennt. Die Gründungsmitglieder der Juister Fischereigesellschaft waren: Galt Noormann (Fischhändler), Günter Poppinga (Nostalgie- und Andenkenhändler), Karl-Heinz Nickel (Zahnarzt im Ruhestand) und Ernst Rehfeldt (Bauunternehmer).
Übrigens: Eigentlich ist es ja ganz logisch, aber trotzdem. Juist hatte nie industriellen oder professionellen Fischfang. Die Fischerei hier geschah immer für den Eigenbedarf. Warum? Weil Juist ja tidenabhängig ist und daher die Fischerboote gar nicht hätten auslaufen und wieder in den Hafen zurückkehren können, wie das nötig wäre, um industriellen Fischfang zu betreiben, erklärt mir der aktuelle Präsident der NO.PO.NI.RE AG, Gerd Rinderhagen.
Im Laufe der Jahre veränderte sich der Verein rund um Noormann, Poppinga, Nickel und Rehfeldt. Der Verein wuchs: Weitere Mitglieder brachten eine finanzielle Stärkung mit, die man brauchte, um weiterhin fischen zu können, um Material zu reparieren und noch viel mehr. Auch Gäste waren interessiert, bei der NO.PO.NI.RE mitzumachen.
Maximal 100 Mitglieder sollte es geben, darin kam man schnell überein. Warum? Damit es nicht zu viel wurden. Oder vielleicht auch, weil die Jahreshauptversammlung traditionell im „Kompass“ (heute: „Carl Steakmann“) stattfand und dort nur maximal 100 Menschen Platz fanden. Übrigens: Maximal 49 Gäste dürfen der Übereinstimmung nach dabei sein und mindestens 51 Juister. Warum? Damit die Juister die Mehrheit behalten würden.
Die Mitglieder der NO.PO.NI.RE:
Zudem: Es waren schon immer in der NO.PO.NI.RE nur männliche Mitglieder erlaubt. Warum? Der aktuelle (und seit 15 Jahren waltende) Präsident Gerd Rinderhagen sagt: Weil die schwere Arbeit im Watt Frauen nicht zuzumuten war. Dafür aber gibt es alle fünf Jahre einen Ball und dort durften auch die Frauen hin. Ein richtiges Fest, eine kleine Gala – viele von dieser Art gibt es nicht mehr auf Juist.
Schon direkt nach der Geburt werden die Nachkommen der aktuellen Mitglieder als Babyfischer in die NO.PO.NI.RE gebracht. Wartelisten werden mitunter auch geführt. Ein Haken hat die Aufnahme des Babys in die NO.PO.NI.RE: Keiner weiß, wie das Baby als Erwachsener sein wird. Aber sei’s drum – Man glaubt an das Gute im Menschen und vertraut darauf, dass sich alle Mitglieder am Ende gut verstehen.
Opas und Patenonkel dürfen die Babys nach der Geburt bei der NO.PO.NI.RE anmelden – Der Antrag aber muss auf Plattdeutsch formuliert sein und natürlich noch angenommen werden vom Präsidium. So kommt es, dass die Babyfisker dabei sind, wenngleich sie noch Babys sind. Manche von ihnen haben richtiges „NO.PO-Blut“, wie Gerd Rinderhagen es ausdrückt, denn mitunter sind sie seit Generationen dabei.
Es gibt eine Rangfolge in der NO.PO.NI.RE AG auf Juist. Oder – besser gesagt – eine Altersentwicklung. Erst ist man Babyfisker oder Krabbelfisker – was extrem süß klingt. Mit zunehmendem Alter wird man zum Jungfisker (ca. Schulbeginn bis ca. 15 oder 18 Jahre alt – und tragen bei Veranstaltungen ein hellblaues Hemd und eine blaue Krawatte mit Fisch drauf). Als Erwachsener wird man vom Präsidenten zum Fiskermann berufen.
Besonders schön finde ich, wie Gerd Rinderhagen es ausdrückt: „Der Verein lebt“ – Er meint, dass so viele junge Männer Mitglieder sind und bei der Jahreshauptversammlung (die übrigens immer sehr gut besucht wird – auch von den Mitgliedern vom Festland) bis weit nach drei Uhr gefeiert wird. Finde ich toll, denn man liest ja schließlich deutschlandweit über das Sterben von Vereinen und das muss nun echt nicht sein. Ämter kennt die NO.PO.NI.RE selbstverständlich auch, wie viele Vereine und Zusammenschlüsse das kennen: Da gibt’s den Präsidenten, den 1. Vorsitzenden, den 2. Vorsitzenden und Kassenwart, den Fischermeister, den Leuchtturmwärter, den Protokollführer. Aber die Juister NO.PO.NI.RE hat auch jemanden, der für die technische Deputation zuständig ist, einen Medienbeauftragten und – besonders wichtig, wie ich finde – Mitglieder des Vergnügungsausschusses.




Fotos oben: Fischer beim Fischfang mittels der Reuse, gut zu sehen ist das Netz, in dem die Fische gefangen werden.
Fotos unten: Eindrücke vom Bau der Reuse mit schwerem Gerät und vielen helfenden Händen.
Traditionsreiches Fischen: Arge und Reuse
Die NO.PO.NI.RE drehte sich immer zentral ums Fischen, auch wenn nach und nach mehr Projekte dazu kamen. Gründungsmitglied Ernst Rehfeldt hatte schon eine Reuse (mehr dazu später in diesem Artikel) im Watt stehen. Als das Wattenmeer vor Juist zum Nationalpark wurde und damit einhergehend die Stellfischerei verboten wurde, ging es drum, ob die Reuse stehen bleiben durfte. Am Ende überwogen Gewohnheitsrecht und Brauchtum. Die Reuse darf stehen bleiben, wenn sie gut gepflegt und jedes Jahr neu aufgebaut wird. Trotzdem gilt natürlich, dass niemand von der NO.PO.NI.RE in irgendeiner Form dem Wattenmeer schaden will.
So, wie kann man sich so eine Arge vorstellen?
Eines vorab: Die Worte „Arge“ und „Reuse“ benutze ich als Synonyme in diesem Artikel.
Eine Reuse ist eigentlich eine ziemliche kluge Sache. Im Wattenmeer werden in einer V-Form zwei lange Striche (jeder ca. 20 m lang) an Ästen festgemacht, sodass ein enger Zaun entsteht. Die „Zäune“ werden tief eingespült, damit sie möglichst fest sind. Mehr als 20 Mann braucht man dazu, denn viel Zeit ist nicht. Nur ca. drei Stunden Zeit haben sie, bis das Wasser beim jährlichen Aufbau der Reuse wiederkommt. Jedes Jahr suchen die Experten innerhalb der NO.PO.NI.RE nach dem perfekten Ort für die Reuse. 2025 haben sie sich dazu entschieden, die Reuse direkt an den Leitdamm zu setzen. Der Ort ist immer anders, weil ja auch das Wattenmeer mit seinen Prielen sich von Jahr zu Jahr verändert. Die Reuse steht tief im Wattenmeer, dort, wo das Wasser schnell aufläuft und viele Fische schwimmen.
Bei auflaufender Flut wird dieser „Zaun“ umspült. Fische können hineinschwimmen. Bei einsetzendem Niedrigwasser wird das Wasser aus dem Watt gezogen. Die Fische kommen durch den Zaun nicht mehr raus und werden in die spitze Form getrieben, quasi in die engste Stelle des „V“, wo sie in einem Netz gefangen werden.
Ich bin ja fachfremd und frage Gerd Rinderhagen, ob die Reuse quasi immer in Betrieb ist. „Scharfgestellt“, heißt es richtig. Nein, sagt er, die Reuse muss man einmal aktiv scharfschalten. „Scharfschalten“ heißt, vor das V wird ein Netz gehängt, in dem sich die Fische verfangen. Direkt nach Hochwasser muss man dann hin, wenn man den Fisch fangen will, sonst kommen die Möwen und räubern die gefangenen Fische. Das will ja keiner! Einige der jüngeren NO.PO.NI.RE-Mitglieder, das erzählt mir Gerd Rinderhagen, sind bis zu 50-mal im Jahr im Watt und fangen Fische. Die gefangenen Fische gehören demjenigen, der sie aus der Reuse holt. Sie müssen „nur“ beim Fischereimeister der NO.PO.NI.RE angemeldet werden, der wiederum die Fangquoten an die Fischereigenossenschaft melden muss. In jedem Jahr sind die Mitglieder auf der Jahreshauptversammlung gespannt auf die Bekanntgabe der Fangzahlen.
Die Quoten waren im vergangenen Jahr (2025) recht gut. Nicht mehr zu vergleichen mit dem, was früher so gefangen wurde, aber durchaus besser, als die Jahre zuvor. Das liegt zum Teil an den natürlichen Veränderungen im Wattenmeer, aber auch an der klug ausgewählten Lage der Reuse.
Mitunter haben sie auch schon mal was gefangen, was hier gar nicht „hingehört“. Besonders durch die Erwärmung der Nordsee haben sich auch die Fischarten geändert. Nicht mehr nur Scholle, Butt und Stint, sondern auch der Wolfsbarsch verirrt sich seit einiger Zeit ins Watt vor Juist. 2025 war ein Rekordjahr bisher: Die offizielle Zahl wird der Fischereimeister bei der jeweiligen Jahreshauptversammlung nennen. Sogar ein Heilbutt wurde schon gefangen, der aber wieder lebendig ausgesetzt wurde.
In der Regel wird im April alles vorbereitet und im Mai wird die Arge dann aufgestellt. Der erste Fang, so wird mir verraten, sollte dann die Maischolle sein.

Foto: Beispiel eines Fangergebnisses, das weitergemeldet werden muss.
Gerd Rinderhagen
Als ich mir überlegt habe, mit wem ich denn sprechen möchte, wenn es um die NO.PO.NI.RE AG geht, war die Entscheidung schnell klar. Ich kenne Gerd Rinderhagen von der Arbeit – Mein erster Eindruck von ihm war, dass er ein unglaublich toller Gesprächspartner ist, mit dem man schnell von Hölzchen auf Stöckchen kommt, der einem bei jedem Gespräch Geheimisse der Insel verrät. Jedenfalls spreche ich mit ihm über die NO.PO.NI.RE. Worüber wir noch gesprochen haben, bleibt erstmal unser kleines Geheimnis.
Gerd Rinderhagen ist noch so ein richtiger Juister, geboren und aufgewachsen. Nach der Schule ist er für die Lehre und fürs Studium aufs Festland. Aber – so sagt er – seinen Hauptwohnsitz hatte er immer auf der Insel. Die Ferien und Urlaube hat er so oder so auf Juist verbracht. Irgendwann zieht es ihn zurück auf die Insel. Da fängt er an, sich „einzumischen“: Ich schreibe dieses Wort mit Absicht, denn einmischen sollten wir uns alle, denn nur der Diskurs zwischen verschiedenen Meinungen und Ansichten kann uns als Gesellschaft weiterbringen. Sich einzumischen, das sollte etwas Gutes sein, wenn wir denn alle konstruktiv und respektvoll miteinander umgehen. Er formuliert es so: „Ich habe mich viel interessiert und viel gesagt und war dann 20 Jahre im Rat und 156 Jahre habe ich im Kreistag gesessen und die Interessen der Insel vertreten.“.
Gerd Rinderhagen jedenfalls wurde schon vor fünfzig Jahren Mitglied der Juister Schützen und ist dort seit 20 Jahren Jagdleiter. Er trat in die NO.PO.NI.RE ein und engagierte sich politisch. Seit 15 Jahren ist er der 1. Präsident der NO.PO.NI.RE – pünktlich zum Jubiläum der Gründung.
Ein kleines Anekdötchen, das nicht verschwiegen werden sollte, wie ich finde: Gerd Rinderhagen wird von den NO.PO.NI.RE-Jungfischern als „Herr Präsident“ angesprochen. Stell‘ dir mal nun einen komplett vollen Zeitungsladen vor, den er betritt – groß ist er ja, der Herr Rinderhagen, und auffällig. Dann kommt er rein und so ein kleiner Knirps steht ganz stramm und begrüßt ihn lauthals und stolz wie Bolle mit den folgenden Worten: „Moin, Herr Präsident!“ – Da kannst du aber drauf wetten, dass im gesamten Laden jeder und jede alles stehen und fallen lässt, um zu gucken, welcher hohe Besuch denn da gerade auf Juist weilt. Nur um dann einigermaßen enttäuscht festzustellen, dass es nicht der Bundespräsident, Bundestagpräsident oder ein sonstiger Präsident der deutschen Politik ist.
Heute vermietet er Ferienwohnungen in seinem Elternhaus, das heute Meyenburg & Gerd’s Höft heißt. Wir haben uns in der Wattenmeer-Lounge getroffen, eine Art Wintergarten mit gemütlichen Sitzgelegenheiten, großen Aufnahmen von der alten Inselbahn und direkter Aussicht aufs Wattenmeer. Dieses Panorama war für meine Konzentration wenig hilfreich, wenn ich ehrlich bin. Aber trotzdem habe ich viel gelacht und gestaunt über das, was mir Herr Rinderhagen erzählt hat.
Das NOPO Lied:
Irgendwann entschied die NO.PO.NI.RE sich dafür, nicht nur dem Fischfang zu frönen und nicht nur Fischerei zu betreiben, sondern auch der Insel etwas zurückzugeben.
Die NO.PO.NI.RE hat ein eigenes Lied. Es ist auf platt geschrieben. Ich verstehe also nicht alles. Zum Glück hat Herr Rinderhagen für mich übersetzt. Aber gut. Wir versuchen mal gemeinsam dazu verstehen, was da so steht und was da gesungen wird in diesem Lied, denn dieses Lied verrät eine ganze Menge darüber, wie die Mitglieder der NO.PO.NI.RE sich selbst und ihren Verein verstehen:
Ik heef mo in Hambörg een Veermaster seen …
Ich habe in Hamburg einen Viermaster gesehen
Wi sünd de NO. PO. NI. RE. AG-Fisch fang-Fisch fang
Wir sind die NO. PO. NI. RE. AG – Fischfang, Fischfang
Wi fang in Watt un ne up See-Fisch fang, en Läben lang
Wir fangen im Watt und nicht auf See – Fischfang ein Leben lang
In uns Verein sünd hundert Mann-Fisch fang- Fisch fang
In unserem Verein sind einhundert Männer – Fischfang, Fischfang
Un jede mutt no´t Arch mal ran-Fisch fang, en Läben lang
Und jeder muss mal an die Arge ran – Fischfang ein Leben lang
Wi fang Granat, Butt, Aal un Stint-Fisch fang-Fisch fang
Wir fangen Nordseegarnele, scholle, Aal und Stint – Fischfang, Fischfang
Dat mokt, dat wi vull Bliedschkup sünd-Fisch fang, en Läben lang
Das macht, das wir voll Freude sind – Fischfang, ein Leben lang
Un wenn wi darven leben sulln-Fisch fang-Fisch fang
Und wenn wir davon leben sollen – Fischfang, Fischfang
mitunner sünd dat blot dree Schguhl-Fisch fang, en Läben lang
Manchmal haben wir nur drei Schollen gefangen – Fischfang, ein Leben lang
Wi wulln up See un harn keen Schipp-Fisch fang- Fisch fang
Wir wollen zur See fahren, haben aber kein Schiff – Fischfang, Fischfang
dann kem op Diek en Boot up Slipp- Fisch fang, en Läben lang
dann kam in Norddeich ein Boot auf die Slip-Anlage – Fischfang, ein Leben lang
Dat Boot is nu all lan in Schutt-Fisch fang-Fisch fang
Dieses Boot ist jetzt lange schon in Schutt und Asche – Fischfang, Fischfang
dat Ding dat wär all lang in Dutt-Fisch fang, en Läben lang
Das Boot war schon lange in Schwierigkeiten – Fischfang, ein Leben lang
Wi wünschen uns jetzt völ Pleseer-Fisch fang-Fisch fang
Wir wünschen uns nun viel Freude – Fischfang, Fischfang
Un nächst Joar sünd wi ook wär hier- Fisch fang, en Läben lang
Und nächstes Jahr sind wir auch wieder hier – Fischfang, ein Leben lang
Refrain:
No Po Ni Re No Po Ni Re AG
Wi fischen over 50 Johr un fin dat wunder-bor-bor
Wir fischen seit über 50 Jahren und finden das wunderbar
Schlussrefrain:
No Po Ni Re No Po Ni Re AG
wi fischen over 50 Johr, un wünschen uns dat 100 Joar
Wir fischen seit über 50 Jahren und wünschen uns das für weitere 100 Jahre
Das Lied singen die Fischerleute der NO.PO.NI.RE unter anderem bei den Jahreshauptversammlungen. Dort, das verrät mir Gerd Rinderhagen, wird eigentlich ausschließlich Ostfriesisches Platt gesprochen – das ja eine eigene Sprache in seiner Urform ist und kein Dialekt. Leider aber gibt es unter den „jungen Leuten“, wie er es ausdrückt, nur noch wenige, die Platt sprechen.
Jedenfalls zurück zum Thema: Gerd Rinderhagen als Präsident spricht auf der Jahreshauptversammlung ausschließlich platt und auch die Mitglieder sollen platt sprechen. Was nicht immer einfach ist, weil nicht mehr alle das können. Aber – das finde ich ja total toll: So lebt die Sprache weiter.
(Die hochdeutsche Fassung jeweils darunter für Menschen wie mich, die einige Worte verstehen, aber nicht alles.)



Memmertfeuer.
Irgendwann entschied die NO.PO.NI.RE sich dafür, nicht nur dem Fischfang zu frönen und nicht nur Fischerei zu betreiben, sondern auch der Insel etwas zurückzugeben. Ich stelle mir das in etwa so ein bisschen vor wie Service Clubs auf dem Festland. Gerd Rinderhagen erzählt mir, dass die NO.PO.NI.RE unter die Inselschule unterstützt hat. Die NO.PO.NI.RE versucht immer zu helfen – sei es durch aktive Mitarbeit oder durchs Spendensammeln.
Das aber wohl sichtbarste Projekt der NO.PO.NI.RE AG ist das Memmertfeuer am Hafen, das 1939 erstmalig auf Memmert in Betrieb genommen wurde. Das Gebäude maß 15 m inklusive des Laternenhauses. Das Memmertfeuer auf Memmert selbst war schon früh in seiner Geschichte in Gefahr durch Sturmfluten und so litt das Memmertfeuer knapp fünfzig Jahre lang unter den Naturgewalten, die an ihm nagten. 1986 erlosch die Laterne des Leuchtturms auf Memmert. Im gleichen Jahr gründete sich ein Interessenverband (Heimatverein, Segelklub, und NO.PO.NI.RE), um das obere Leuchthaus des Memmertfeuers zu retten. Dieser sollte nach Juist gebracht werden. Etwas genauer: Der Turm wurde vorwiegend von Handwerkern und Maurern der NO.PO.NI.RE erstellt und dann wurde das Leuchthaus mit einem Kran daraufgesetzt. Die Berliner Zeitung schreibt:
„Fast jede Insel hat einen Leuchtturm“, erklärt Käpt’n Blaubär, „damit sie von Seeleuten bei Nacht nicht übersehen wird. Auch die deutschen Inseln haben Leuchttürme. Sogar die Insel Juist hat einen, noch dazu einen besonderen. Denn das Leuchtfeuer dieses Leuchtturms kann man auf See gar nicht sehen. Sein Leuchtfeuer ist nämlich nur auf der Insel sichtbar. Tja, so was gibt s auch nur in Ostfriesland.“ Wahr. Der Leuchtturm ist ein Museumsstück.
Textarchiv Berliner Zeitung; Käpt‘n Blaubär
Aber, wie bei jedem größeren Projekt, gab es da ein Problem: Da das Memmertfeuer auf Juist kein offizielles Seezeichen ist, durfte das Licht nicht aufs Wattenmeer oder auf die Nordsee scheinen. Die Lösung? Das Licht längs über die Insel zu schicken, immer im 13-Sekunden-Takt.
Und so ging es weiter: 1990 brachte der Tonnenleger „Norden“ die 2,5 t schweren Teile des Memmertfeuers nach Juist. Die aufwendige Restaurierung war nur durch äußerst großzügige Spenden möglich. Nach einem Bauprojekt, das es wahrlich und wahrhaftig in sich hatte, wurde das Memmertfeuer auf Juist am 29.12.1992 auf Juist eingeweiht.
Besuchen und erleben kann man das Memmertfeuer im Sommer täglich um 16:00 Uhr mit einer Führung (Eintritt frei, um eine Spende wird gebeten).




Fotos oben: Memmertfeuer 1970 und 1992 auf Memmert. Deutlich zu sehen ist, wie das Meer sich dem Memmertfeuer näherte und e in Gefahr brachte.
Foto unten links: Die Montage des Laternenhauses des Leuchtturms Memmertfeuer auf Juist mit schwerem Gerät. Foto unten rechts: Die Mitglieder der NO.PO.NI.RE beim gemütlichen Zusammensein in der Gaststätte „Kompass“.
Und was macht die NO.PO.NI.RE sonst so auf Juist?
Auch neben dem Memmertfeuer wird es den Mitgliedern der NO.PO.NI.RE nicht langweilig.
Das Osterfeuer am Hafen wird jedes Jahr von der NO.PO.NI.RE veranstaltet: Die Mitglieder grillen für die Gäste, bauen die traditionelle Puppe auf dem Feuer auf und kümmern sich um quasi eigentlich alles, was mit dem Osterfeuer zu tun hat.
Die NO.PO.NI.RE hat auch ein Veranstaltungshighlight im Dezember zu bieten: Am 01.12. gibt’s seit einigen Jahren ein Konzert der Juister Turmbläser auf dem der Schirmherrschaft der NO.PO.NI.RE gestellten Memmertfeuer.
Am Fuß des Turms gibt’s dann leckere Waffeln und Glühwein (mit oder ohne Alkohol).



Foto links und Foto rechts: Mitglieder der NO.PO.NI.RE beim Aufstellen der Reuse im Wattenmeer.
Foto Mitte: Mitglieder der NO.PO.NI.RE bei der Jahreshauptversammlung, die traditionell am zweiten Samstag im Jahr stattfindet, früher in der Bahnhofsgaststätte „Kompass“, heutzutage im Hotel Friesenhof.
Nebelige Momente – Gerd Rinderhagen und die NO.PO.NI.RE auf Juist
Ich habe viel gelernt in diesem Gespräch mit dem Präsident der Juister Fischereigesellschaft NO.PO.NI.RE AG. Ich bin ja selbst kein „Fischkopp“ und keine Norddeutsche. Ich finde es absolut faszinierend, hinter die Kulissen der Insel zu blicken und die Geschichten der Insel erzählt zu bekommen – von Menschen, die dabei waren bei großen Aktionen wie dem Aufbau vom Memmertfeuer, die „echte“ Juister und Insulaner sind.
Herr Rinderhagen hat mir Geschichten über die Fischerei erzählt, über das Memmertfeuer, über die Mitglieder der NO.PO.NI.RE und über viele wunderbare Bekannte, die sich finanziell beteiligen möchten. Alles, was ich gehört und erzählt bekommen habe von ihm, passt gar nicht in diesen Artikel. Denn der wäre viel zu lang.
Ich habe mit der NO.PO.NI.RE eine Vereinigung an Männern kennengelernt, die kein Problem damit haben wird, durch den Nebel zu finden: Sie haben engagierte Mitglieder voller Ideen und Tatendrang, die machen und tun. Ganz gleich, welches Wetter ihnen begegnet draußen im Watt beim Fischen – ob Nebel, oder Sonnenschein, ob Sturm oder Windstelle: Ich glaube fest daran, dass sie es bezwingen werden. Ob es bürokratische Hürden oder verschiedene Sichtweisen auf den Lebensraum Wattenmeer sind: Ich gehe fest davon aus, dass die Juister Fischereigesellschaft NO.PO.NI.RE mit ihrer Crew einen Weg finden, die Mitglieder durch schwere Zeiten zu leiten, sollten diese denn auftauchen. So oder so wünsche ich ihnen nur das Beste und danke herzlichst für das Gespräch!
Neblige Zeiten.
„Die Zukunft ist ein Nebel, der uns einhüllt, und kaum erkennen wir das Morgen, schmeckt es nach dem Heute“ – Fernando Pessoa
Fotos: Archiv NO.PO.NI.RE AG & Unsplash, diverse


Toller Artikel, danke. Ich verstehe ganz gut platt, spezielle Wörter aber nicht immer.
Darum meine Frage: was ist Schguhl?
Liebe Grüße
Jutta
Moin Jutta! „Schguhl“ bedeutet „Scholle“. Ich spreche leider auch kein Ostfriesenplatt, aber eine vertrauenswürdige Quelle (Herr Rinderhagen) hat das freundlicherweise für mich übersetzt. Viele Grüße!