Der Horizont – Die Zukunft.
Aussicht.
So weit entfernt. So ein Symbol. Wenn ich „Horizont“ sage (oder, wie hier, schreibe), hast du sicherlich ein Bild vor Augen. Vielleicht siehst du die Trennlinie zwischen Nordsee und Himmel, eine untergehende Sonne, ein paar Wolken, Spiegelungen auf den Wellen. Eine wunderbare Vorstellung, finde ich.
Aber der Horizont ist noch mehr: Er ist ein Symbol für die Zukunft, für Wünsche, aber auch für Veränderungen. Ein Horizont ist immer da, aber er verändert sich. Mal scheint er nah, dann so weit entfernt, mal trübe und mal ganz klar.
Die Zukunft ist nicht immer einfach als Vorstellung. Sie ist verbunden mit Unsicherheiten und Veränderungen, mit innerem Widerstand (für manche von uns, aber sicherlich nicht für uns alle und auch nicht immer), mit Vorfreude und Erwartungen. Der Horizont als Symbol für die Zukunft also gibt uns dann Weite und Chancen. Er ist ein unbeschriebenes Blatt. Der Horizont als Sinnbild für die Zukunft gibt uns Chancen, aber ergreifen und nutzen müssen wir sie selbst.
Der Horizont ist besonders. Er ist ein Ort, im besten Falle, der Weite schreit. Nicht steht im Weg. Nichts steht dir im Weg, wenn du denn willst. Weite ist Chance. Der Horizont ist dein Ziel. Ob du die Zukunft willkommen heißt oder sie innerlich ablehnst, der Horizont wartet auf dich.
Ich habe, wenn ich hier bin, diese Inselperspektive: Ich schaue auf mein System von einer Insel aus. Und das eröffnet total viele Chancen.
Und über Zukunft, den Horizont, über Chancen und Weite spreche ich mit Wenke Heiken, Juisterin, systemischer Coach, Kursleiterin bei unseren Achtsamkeitstagen.
Zukunftshorizont
„Schau in die Zukunft. In ihr wirst du den Rest deines Lebens verbringen.“
George Burns, US-amerikanischer Schauspieler, Komiker und Autor
Über Wenke:
„Wer bist du?“, ist in der Regel die erste Frage, die ich stelle. Zwar weiß ich, wer da vor mir sitzt, aber ich möchte gerne ein Gefühl dafür bekommen, wie der Mensch mir gegenüber sich selbst sieht und wahrnimmt, was wichtig ist.
Wenke entscheidet sich bewusst dazu entschieden, sich nicht mit ihrem Namen oder ihrem Beruf vorzustellen. Ist bei unserem Gespräch auch nicht zwingend notwendig, denn ich kenne Wenke von der Arbeit und weiß, dass sie als systemischer Coach selbstständig ist. Was das bedeutet, erklärt sie mir später. Vorher aber antwortet sie auf meine Frage: „Ich arbeite total gerne mit Menschen zusammen. Mich interessiert seit 15 Jahren Persönlichkeitsentwicklung“. Dabei merke ich schon, dass ich mit Wenke jemanden gefunden habe, der dieses Grundthema „Horizont als Zukunft“ sehr treffend beschreiben wird.
Konkret bedeutet das, dass Wenke Wirtschaftspsychologin und systemischer Coach ist. Sie begleitet Menschen bei Veränderungen. Dabei wehrt will sie nicht beraten, sondern den Raum geben, damit die Menschen selbst mit sich ins „Gespräch“ kommen, um eigenständig Entscheidungen zu treffen und ihre Sichtweise zu erweitern. Durch Fragen und wissenschaftliche Methoden geht sie gemeinsam mit den Menschen der Frage auf den Grund, was sie wollen.
2 %
Was ich super spannend finde, ist, dass wir uns nur auf 2 % unterhalten. 98 % dessen, was wir und wünschen, ist damit unterbewusst. Sagt Wenke. Wenke will so viel von diesen 98 % Unterbewusstem sichtbar machen, wie sie kann. Zum Beispiel in dem sie die Körpersprache des Menschen ihr gegenüber genau betrachtet.
Und das passt ja auch zu unserem Grundgedanken des Horizonts. Denn: Ich sehe den Horizont zwar, aber so richtig alles um ihn herum nehme ich ja nicht wahr. Und so ist das wohl auch mit dem, was man will. Da bin ich ein tolles Beispiel. Ich weiß nämlich in der Regel auch nicht, was ich will.
Wenke ist Juisterin. Bis 16 war sie auf Juist und ist hier auch zur Schule gegangen. Danach hat sie ihre Ausbildung im Handwerk gemacht, dann ihren Meister im gleichen Fach. Schnell fand sie aber raus, dass sie viel besser darin ist, Teamevents zu organisieren, Personalentwicklung zu betreiben und anderen Menschen etwas beizubringen. Eine Trainerin zu sein, halt. Danach ging’s ab zum Studium der Wirtschaftspsychologie, in eine Coaching-Akademie und dann ab in die Selbstständigkeit.
Das ist es, was man wohl nicht als „linearen“ Lebenslauf bezeichnet. Ist aber auch okay so. Denn die Zukunft ist nun mal etwas, das sich ändern soll und muss.


Die Achtsamkeitstage.
Wenke und Pauline, eine tolle Fitness-Trainerin, haben im November 2024 das erste Mal die Achtsamkeitstage auf Juist als Kursleitungen begleitet. Die Achtsamkeitstage gab es schon früher, aber 2024 gab es dann die Neuausrichtung. Vormittags ein Kurs für den Kopf, nachmittags ein Kurs für den Körper, denn – wie wir ja schon gelernt haben – ist es das Zusammenspiel aus 2 %, das wir fassen können, und 98 %, was wir nicht fassen können. Und diese 98 % zeigen sich halt auch im Körper durch Widerstände, Verspannungen und dergleichen.
Bei den Achtsamkeitstagen geht es, so gesehen, auch um den Horizont: Es geht darum, sich bewusst zu verändern und sich mehr zur Zukunft auszurichten. Und da ist der Horizont ja die optimale Metapher für.
„Wie hast du denn eigentlich die Achtsamkeitstage erlebt, Wenke?“, frage ich sie.
Wenke sagt, sie ist sehr zufrieden mit dem Zeitpunkt. Sie habe erlebt, dass die Achtsamkeitstage im Oktober / November einen guten Anlass bieten, um über das letzte Jahr zu philosophieren und für das nächste Jahr zu planen. Die Teilnehmer waren froh und dankbar für diesen Raum und die Zeit, in denen sie bewusst eine Auseinandersetzung mit sich selbst führen konnten. Denn im Alltag ist da leider oftmals keine Gelegenheit für da.
Die Achtsamkeitstage finden in der Regel Ende Oktober / Anfang November statt und dauern ca. eine Woche.
Achtsamkeit auf Juist
Juist ist reizarm. Es ist ein Ort, an dem du nicht viele Entscheidungen treffen musst. Gehst du nach rechts oder nach links? Die manchmal überfordernde Lautstärke und die vielen Möglichkeiten in der Großstadt gibt’s hier nicht. Juist ist ein Ort mit wenig Reizen. Der Kopf kann entspannen. Wenn du auf Juist unterwegs bist, bist du sofort von der Natur umgeben. Die Natur selbst entspannt uns sofort – sei es das Grün des Waldes oder das Blau des Meeres. Unser Kopf kann entspannen. Dann ist da nämlich auch direkt viel mehr Platz für Einkehr und Reflexion. Wenke beschreibt es so: Wirkliche Reizarmut merkst du, wenn du im Regen und Sturm stehst – Du hörst und siehst „nur“ den Wind. Alles andere ist weit weg. Der perfekte Zeitpunkt, um das wahrzunehmen, was dich umgibt. So kannst du ganz bewusster im Moment sein. Keine Autos, vor denen du dich in Acht nehmen musst.
Du hast hier überall Weite. Du bist hier ganz im Moment. Durch den Abstand vom Alltag ist es für dich viel einfacher, an die Zukunft zu denken und damit auch an den Horizont. Veränderungsprozesse (ganz gleich, ob groß oder klein) wirken hier auf der Insel ganz anders nach, als auf dem Festland. Du kommst hier „schneller ans Ziel“, denn dein Kopf ist hier frei.
Wenke drückt es so aus:
Du bist direkt in der Achtsamkeit.
Du kannst nicht anders.
Auf Juist musst du dich immer bewegen. Du setzt dich mit deinem Körper auseinander. Du bist damit direkt im Moment. Du spürst Reizarmut und hörst Naturgeräusche. Bei Atemübungen spürst du alles um dich herum, du scheinst ganz bewusst in dir zu sein, eines mit der Umgebung.
Manchmal aber reicht diese Umgebung alleine nicht aus. Dann ist der Widerstand in einem drin als Angst vor der Zukunft, der Weite und dem Horizont so präsent, dass es einen Menschen braucht, der bewusst Raum schafft. Als eine Art Moderation.
Hier auf Juist aber entwickelst du ein Bewusstsein für die schönen Momente im Leben, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit erhalten. Denk nur mal an einen Sonnenuntergang, den Sternenhimmel und das stetige Kommen und Gehen des Wassers im Watt und am Strand: Du hast Platz und Raum und Zeit dafür, dich an die Zukunft zu wagen. Denn ein Wagnis kann es sein, die Suche nach dem Horizont.
„Ich habe, wenn ich hier bin, diese Inselperspektive: Ich schaue auf mein System von einer Insel aus. Und das eröffnet total viele Chancen.“ Wenke spricht darüber, dass die Menschen, mit denen sie arbeitet, den Abstand von Juist zu ihrer Heimat genießen und wertschätzen. Denn: Sie nehmen ihre Inselperspektive ein, um zu reflektieren. Es ist eine Metapher für den wichtigen Abstand zum Alltag, den man manchmal einfach braucht.



Der Horizont über Juist:
Juist ist für viele Menschen jeweils anders, es ist ein Ort, der dich individuell begleitet. Die Insel ist für manche einfach eine leere Leinwand, auf der sie ihre Wünsche verewigen müssen. Als ich Wenke danach frage, was sie aus ihrer Kindheit auf Juist mitgenommen hat, antwortet sie, in dem sie Juist als einen Ort bezeichnet, an dem es egal ist, wie du aussiehst.
Während die Schulkinder auf der Insel einfach einen begrenzten Freundeskreis hatten (immerhin gab und gibt es hier einfach nur wenige Gleichaltrige, im Vergleich zum Festland), lern(t)en sie auch, einander anzunehmen, wie sie sind. Dennoch ist da immer das Wissen, dass die Nachbarn, Freunde der Eltern und erwachsenen Verwandten einen aufwachsen sehen. Jeder weiß direkt alles. Das macht erwachsen. Ebenso die Tatsache, dass Kinder auf der Insel früh Erfahrungen machen. Macht es sie zu selbstbewussten, erwachsenen Menschen? Sicherlich nicht alle, aber vielleicht viele.
Juist gibt Kindern aber auch etwas Anderes mit: Naturverbundenheit. Wenke erinnert sich, dass die Weite der Insel sie früh geprägt hat. Es geht hier nicht darum, immer mehr zu haben, sondern Erfahrungen zu sammeln, den Wert der kleinen Wunder zu verstehen.
Eine Beobachtung, die ich mit Wenke teile, ist, dass ich als zugezogene Rheinländerin die Juister als „stur“ beschreiben würde. Nicht alle und nicht in jeder Situation, natürlich nicht, aber manche von ihnen wirken stur. Im besten Sinne, denn sie trotzen fast allen Begebenheiten – sie trotzen Wetter und Krisen, sie kommen mit der Ruhe in der Nebensaison ebenso klar wie mit dem Trubel der Hauptsaison. Wenke erzählt davon, dass sie gut Ruhe im Stress bewahren kann. Vielleicht ist es die Prägung des Wassers, denn das kommt und geht schließlich auch, mal ist es rauer, mal näher da, aber es kommt immer wieder. Darauf kann man sich verlassen. Wie auch darauf, dass der Horizont immer wieder zu sehen sein wird, ganz gleich, wie wolkig oder neblig es ist.


Meine kostbare Zeit noch mit meiner Frau, Kinder und Enkelkinder verbringen 🙏