Nebel im Kopf.

Vom Seenebel und was wir von ihm lernen können.

 

Schaurig ist’s, übers Moor zu gehen.

Annette von Droste-Hülshoff

Ich könnte auch sagen: Schaurig ist’s, wenn der Seenebel dich packt.

Als ich zum letzten Mal auf Juist war, gerade im Januar dieses Jahres und nur für eine sehr kurze Zeit, begleitete mich aus welchem Grund auch immer dieser Satz aus dem Gedicht „Der Knabe im Moor“ von Annette von Droste-Hülshoff. In dieser Jahreszeit kann es grau sein auf Juist, beinah dunkel und ein wenig verlassen. Winterwetter.

Obwohl es auf Juist gar kein Moor gibt, jedenfalls kein echtes, denn hinten im Wäldchen kann es sehr wohl morastig sein, hatte sich diese Zeile in mir fest gesetzt.

Und dann erinnerte ich mich an einen Spaziergang, der erst einmal nichts mit dem Moor zu tun hat, doch er hat mit dem Gefühl zu tun, das auftaucht, wenn ich dieses Gedicht lese. Da schwingt immer eine Art Unbehagen mit, etwas Schauriges, etwas, das die Sinne vernebelt und den Geist trübt.

Nebel im Kopf.

Dieses Phänomen äußert sich beständig, nicht nur bei Nebel, sondern im Alltag. Eine Entscheidung soll her, aber es geht einfach nicht, weil der Kopf wie vernebelt ist. 

Die Gedanken verirren sich in alle möglichen Richtungen, und selbst diese Richtungen sind nicht mehr klar erkennbar. Bewusst wahrgenommen, kann sich das sehr beunruhigend anfühlen. So wie Watte im Kopf, dicht und beengt, orientierungslos irgendwie. Es hilft dann meistens, mit jemandem zu sprechen, der den Nebel im Kopf lichtet. Jemand, der wie ein Seezeichen hilft, die Orientierung wieder zu finden.  

Juist ist für mich wie ein Seezeichen. Um die Orientierung wiederzufinden. 

Dazu möchte ich eine Geschichte erzählen. Natürlich von Juist.

Der Seenebel steht symbolisch für die Nebelschwaden, die oftmals die Sinne verschleiern.

Denn der Seenebel wird oft als mysteriöses Schleiergewand beschrieben, das die Küstenlandschaft in eine stille, magische Welt verwandelt. So kann auch der Nebel im Kopf unser Denken einhüllen, die klaren Konturen unserer Überlegungen verschleiern und uns in eine undurchdringliche Unklarheit entführen. Doch in dieser Vernebelung liegt auch eine Chance – die Chance, innezuhalten und bewusst an der Wiederherstellung der mentalen Klarheit zu arbeiten.

Und nun zu der Geschichte, die du vielleicht selbst schon so oder ähnlich erlebt hast auf dem Zauberland.

Es war November, und nach dem Frühstück brachen wir auf zu unserer Wanderung gen Westspitze, an Land hin und am Strand zurück, so lautete der Plan, den wir oft schon genauso umgesetzt hatten. 

„Brauchen wir noch etwas?“, fragten wir uns, verneinten, denn ein bisschen Geld hatten wir dabei für eine mögliche Einkehr an der Bill oder sonstige Notfälle. Wir marschierten bei Sonnenschein am Deich entlang, durch das Loog und weiter über den Dünenpatt zum Hammersee, passierten das eiserne Drehkreuz, erfreuten uns am schönen Novemberwetter und wiederholten ein ums andere Mal, dass der November nicht zu unterschätzen sei, es könne ja noch so schön und warm sein dann. So war es auch. Bald knöpften wir die Winterjacken auf und die Mützen auf dem Kopf brauchten wir auch nicht mehr. 

Ich habe viele Stürme in meinem Leben gesehen. Die meisten Stürme haben mich überrascht, also musste ich lernen, dass ich das Wetter nicht kontrollieren kann und mich in Geduld üben und die Kraft der Natur respektieren muss.

Paolo Coelho

Am Aussichtspunkt an der Westseite des Hammersees rasteten wir einen Moment und genossen den Blick nach Memmert und auf der der anderen Seite auf das offene Meer. Borkum war nicht zu sehen, daran erinnere ich mich. 

Wir liefen weiter durch das Wäldchen, das mir immer schon und immer wieder ein wenig gespenstisch erschien mit seinen knorrigen viel zu kurzen Bäumen und der morastigen, dunklen Erde, die sich unter den dicken Ästen der kleinwüchsigen Bäume verbarg. Sie suchten sich ihren eigenen Weg nah am Boden, weit weg vom teils kräftigen Wind, der in den Wintermonaten über die Insel fegt. Mystisch war es hier, und ich fühlte dieses mulmige Gefühl im Bauch, das ich von Besuchen in alten Kirchen oder Gebäuden kannte, so, als wäre da noch etwas zurück geblieben aus längst vergangenen Zeiten. 

Wir ließen das Wäldchen hinter uns, nun ging es nur noch geradeaus weiter, bis schon bald das rote Dach der Domäne Bill in der Ferne auftauchte. Ich erinnere mich nicht mehr deutlich, ob wir einkehren konnten oder das Gasthaus seine Türen schon geschlossen hatte für diese Saison. Ich meine, dass wir weiterlaufen mussten, was uns meistens passierte, obwohl wir es langsam besser wissen sollten.

Hinten am roten Schuppen vor den Dünen, nachdem wir die Gänse und anderen Federtiere betrachtet hatten, setzten wir uns auf einen Heuhaufen und hielten unsere sonnenentwöhnten Nasen gen Himmel. „Tut das gut“, sagten wir einstimmig, und man darf den November wirklich nicht… ja ja, du weißt schon. 

Ein wenig träge rafften wir uns auf und trabten weiter zum weiten Strand der Westspitze, Memmert war nicht mehr zu sehen, stellten wir fest, und Borkum hatte es sowieso nie in Sichtweite geschafft. Es machte uns nichts aus, wir genossen im Gegenteil dieses Gefühl von Einsamkeit und Abgeschiedenheit, das Juist vermitteln kann, wenn die Sicht eingeschränkt ist, wenn das Festland unendlich weit entfernt zu sein scheint und selbst die Inseln nebenan nicht auszumachen sind. 

Ich wollte vor gehen bis zum Meeressaum, doch etwas hielt mich zurück. Ich war gar nicht mehr sicher, wo der sich überhaupt befand. Eine Wand aus etwas, das alles andere verschluckte, näherte sich uns.

Wir waren bis zu der Ecke gelaufen, von wo der Strand sich wieder weit nach rechts erstreckt, um den Weg zurück am Meer entlang gen Dorf anzutreten. Doch alles schien anders als sonst. Um uns herum erhob sich eine merkwürdige Stille, so, als ob alles um uns herum in Watte gepackt wäre. Das Meer rauschte kaum noch, und es war auch nicht auszumachen, in welcher Entfernung es sich eigentlich befand. „Das…, das ist Nebel“, flüsterten wir beide gleichzeitig, und einer fügte leise hinzu: „Ja, der Seenebel.“ 

Es gibt gar mannigfache Nebel, doch immer ist dieselbe Sonne wieder da.

Hans Ossenbach

 

Da standen wir, umzingelt vom kühlen, feuchten Seenebel, der die Orientierung schwer machte und nicht vorzuhaben schien, uns bald zu entlassen. „Was machen wir?“ – „Weitergehen, nah an den Dünen entlang, an denen müssen wir uns orientieren.“ 

So stapften wir tapfer durch das nasse, stille Grau aus Luft und Dunst, und da war es wieder, das mulmige Gefühl im Bauch, ängstlich, unsicher. „Das kann ja nicht ewig so weitergehen, meistens löst sich Nebel recht bald wieder auf“, hofften wir und sprachen es ein paar Mal aus, um uns Mut zu machen. Wenigsten kam die Flut nicht, das wussten wir, denn wir hatten unsere Wanderung gut abgestimmt. 

„Da!“, rief ich, „da ist ein Stück blauer Himmel zu sehen!“

Und so war es. Der Nebel verändert seine Form, wurde durchlässiger und bald konnten wir immer öfter ein Stück Himmel durch die grauen Schwaden erkennen. Unsere Laune hob sich augenblicklich, nicht mehr lang, und der Spuk hätte ein Ende. 

Genauso war es. So plötzlich, wie der Seenebel aufgezogen war, verzog er sich auch wieder. Danach schien es, als wäre er nie da gewesen. Wir kamen uns fast ein wenig dumm vor, weil wir uns gefürchtet hatten und jetzt keine Spur vom Grund dafür zurückgeblieben war. 

In dieser Vernebelung, so überlege ich, liegt auch eine Chance. 

Wenn der Nebel in meinem Kopf hängt und mir die Orientierung abhanden kommt, denke ich daran, dass er genauso wie der schaurige Seenebel bald verschwinden wird und ich meine Orientierung wiederfinden werde. Es erfordert Zeit, Geduld und Vertrauen – ähnlich dem Warten auf die Sonne, die sich nach dem Nebel schließlich zeigt und die Welt mit Farben füllt.

Anders ausgedrückt: Nach dem Nebel kommt wieder die Sonne.

Nebel im Kopf bietet immer wieder aufs Neue die Gelegenheit, innezuhalten und bewusst an der Wiederherstellung mentaler Klarheit zu arbeiten. Es ist vielleicht sogar die Chance, die Richtung neu zu überdenken. Und wenn es allein nicht gelingen mag, wird es irgendwo ein „Seezeichen“ geben, das helfen kann, den Weg (wieder) zu finden. Und dann gibt es immer auch Juist. Vergiss das nie.

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Katharina Schlangenotto

Ostwestfälin und Mallorca Residente, Yoga Teacher Trainerin aus Leidenschaft und ausgestattet mit der großen Stärke, das Leben von Menschen und Teams ganzheitlich und mit Leichtigkeit in Schwung zu bringen.

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