Gestrandet.

Mitten im Leben.

Jeder Mensch, der einmal gestrandet ist, weiß, dass diese Zeiten zwar herausfordernd, doch gleichzeitig ungemein transformativ sein können.

Ich erinnere mich noch gut. Alles war zu viel damals und ich musste raus. 

Da stand ich dann, am Rande der Brandung am langen Juister Strand und starrte auf das weite, unruhige Meer hinaus. Der Wind zerzauste mir die Haare, eine Mütze hatte ich vergessen, und ich erinnere mich an die Gischt auf meiner Haut und den salzigen Duft der See. Vor wenigen Tagen noch hatte mich die Hektik des Alltags schier zerfressen und ich fühlte: Ich muss hier weg, ich muss nach Juist. 

Gestrandet war ich, plötzlich und mitten in meinem Leben. Weg war sie, meine berufliche Laufbahn, so schien es mir damals. Sie hatten mich „weg rationalisiert“, wie es so häufig geschehen kann. Doch für mich brach damals eine Welt zusammen: ICH sollte gehen? Warum? Hatte ich meine Sache nicht gut gemacht? Wenn ich besser wäre, hätten sie mich doch behalten… . All diese Gedanken machten sich in mir breit, und obwohl mir mein Umfeld immer wieder gut zuredete, ich könne doch nichts dafür, fühlte ich mich einfach nur als Looserin. Gestrandet war ich da. Wohl zum ersten Mal im Leben hatte ich für einen Moment schlicht keine Kontrolle über das, was geschah.

Und jetzt? Ich wollte fliehen, irgendwohin, wo mich die Welt in Ruhe lassen würde.

Juist hat mir Zuflucht gegeben. Diese kleine Insel in der Nordsee, fernab vom Trubel des Festlands, der perfekte Ort, um die Gedanken zu ordnen und neue Kraft zu schöpfen.

Ich wollte meine Strandung am Strand verarbeiten. Mit dem Meer, das alles versteht, bei dem ich alles lassen konnte.

Die Dünen, das Meer. 
Der Strand, das Meer.
Der Himmel, das Meer.

Diese bewusste Entscheidung, dem Alltag eine Weile den Rücken zu kehren und dafür auf dem Töwerland „zu stranden“, tat überraschend schnell ihre Wirkung. 

Eines Morgens, ich war früh aufgestanden und konnte der aufgehenden Sonne zusehen, wie sie das Meer in orangenes Licht tauchte, spürte ich so etwas wie Ruhe in mir. Weg war sie, die innere Nervosität, weg waren sie, die Selbstzweifel und schwelenden Selbstvorwürfe. Hätte hätte Fahrradkette, dachte ich, als ich dort am Strand stand.

Meine als von mir so schändlich empfundene Strandung fühlte sich plötzlich an wie ein Aufruf: Jetzt erst recht!

Zu stranden, so sehe ich es heute, hatte eine viel tiefere Bedeutung, es war, als ob das Leben mir eine Pause verordnet hatte, eine Gelegenheit, innezuhalten und neu zu beginnen.

Jede Strandung im Leben bietet eine Chance für Veränderung und Wachstum.

Danach, zurück zu Hause und im Alltag, hatte sich im Außen nicht viel verändert, doch ich fühlte mich anders, gestärkt und im Reinen mit mir. Ich war (wieder) bereit, den Herausforderungen des Lebens mutig mit klarem Geist zu begegnen. 

Eine Lebens-Strandung, so habe ich es erlebt, fühlt sich zuerst einmal an, als würde man feststecken. Das ist unangenehm, sumpfig und zäh. Aber dann, wenn wir du dich achtsam umschaust, tauchen jede Menge neue Perspektiven und Lösungen direkt vor der Nase auf.

Ein bisschen ist das wie Strand- oder Treibgut, dass das Meer an manchen Tagen plötzlich an den Strand gelegt zu haben scheint. Wir müssen es nur sehen und nicht blind daran vorbeilaufen, weil wir uns so stark auf das vermeintliche Problem fixieren.

Strandungen sind mehr als physische Ereignisse.

Das Wort „Strandung“ steht oft in Verbindung mit Bildern von Schiffen und Booten, die auf einer Sandbank oder an einem Strand auf Grund gelaufen sind und nun dort festsitzen.

Doch das Konzept des Strandens geht viel tiefer. Im Allgemeinen bedeutet es, an einem Ort unfreiwillig zum Stillstand zu kommen und nicht mehr weiterzukommen – sei es physisch oder metaphorisch.

Im Leben zu stranden bedeutet, sich in einer Situation wiederzufinden, in der man keinen klaren Weg nach vorne mehr sieht. Dies kann durch berufliche Sackgassen, persönliche Krisen oder unerwartete Lebensumstände verursacht werden. Vielleicht kennst du das selbst, zum Beispiel nach einer Kündigung lange keinen neuen Job zu finden oder nach einer Trennung nicht zu wissen, wie es emotional weitergehen soll.

Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

Max Frisch

Strandung gleich Krise? 

Strandungen und Krisen sind eng miteinander verbunden. Eine Krise kann zu einer Strandung führen, und eine Strandung kann sich wie eine Krise anfühlen. Nicht jede Strandung muss demnach zwangsläufig eine Krise sein. Sie kann auch eine Zeit der Erneuerung und Selbst- oder Neufindung sein. Dichter und spirituelle Lehrer haben oft die Idee aufgegriffen, dass aus Stillstand und Schwierigkeiten neue Erkenntnisse und Stärke hervorgehen können.

Manchmal ist sie nichts weiter als eine notwendige Pause, die die Möglichkeit gibt, neu zu bewerten, was du wirklich willst und wie du es erreichen kannst. So habe ich es oft erlebt. 

Stranden als Teil des Lebens verstehen.  

Dich gestrandet zu fühlen, kann sich isolierend und frustrierend anfühlen. Es ist oft eine Zeit des Zweifelns und der Unsicherheit. Es ist ein Gefühl von abgeschnitten sein von seinen eigenen Zielen und Träumen, in dem Moment unfähig, den nächsten Schritt zu tun.

Ganz gleich, wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im Heute von Neuem beginnen.

Buddha

Wenn es einmal verstanden ist, dass eine Strandung soviel Neues hervorbringen kann, machen sie keine Angst mehr.

Und es gibt ein paar gute Tipps, nennen wir sie „Strandungs-Hacks“, die dabei helfen, über Zweifel und Unsicherheit hinweg zu kommen und mutig weiter zu gehen:

  1. Akzeptanz: Erkenne an, dass du gestrandet bist. Akzeptiere die Situation und nimm dir die Zeit, die du brauchst, um dich zu erholen.
  2. Reflexion: Nutze die Zeit, um über deine Ziele und Wünsche nachzudenken. Was möchtest du wirklich im Leben erreichen?
  3. Unterstützung: Suche dir Unterstützung von Freunden, Familie oder einem Therapeuten. Reden hilft, Klarheit zu gewinnen und neue Perspektiven zu entdecken.
  4. Kleine Schritte: Setze dir kleine, erreichbare Ziele, um langsam wieder in Bewegung zu kommen.
  5. Selbstfürsorge: Kümmere dich um dein Wohlbefinden. Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf können helfen, die geistige und körperliche Gesundheit zu stabilisieren.

Strandungen bieten die Gelegenheit zur Selbstreflexion und Neuausrichtung.

Sie zwingen dazu, innezuhalten und über bisherige Lebensentscheidungen nachzudenken.

Meistens, ich würde sogar behaupten, dass es immer so ist, gehen Menschen aus diesen Phasen gestärkt hervor, mit neuer Energie und Klarheit über den eigenen Lebensweg.

Lass mal stranden!

Im eigenen Leben zu stranden sollte ein Ziel und keine Schande sein. Denn es ist nötig, um vielleicht längst überfällige Veränderungen einzuleiten.

Eine Strandung bringt mindestens neue, meistens wertvolle Erfahrungen mit sich, die neue Perspektiven zeigen und Türen öffnen. Zu stranden lehrt Geduld, stärkt die Widerstandskraft und auch die Fähigkeit, Schwierigkeiten als Aufforderung des Lebens anzusehen: Um neue Wege zu entdecken und sie mit Zuversicht und Mut zu beschreiten. 

Strandungen im Leben sind keine Momente des Stillstands. 
Ganz im Gegenteil sind sie Chancen für einen Perspektivenwechsel, für Wachstum und Erneuerung.

Bist du bereit?

Was ist Strandung. für dich?Schreibe deine Gedanken:

Katharina Schlangenotto

Ostwestfälin und Mallorca Residente, Yoga Teacher Trainerin aus Leidenschaft und ausgestattet mit der großen Stärke, das Leben von Menschen und Teams ganzheitlich und mit Leichtigkeit in Schwung zu bringen.

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