Atmen.

Ein bisschen Atmen reicht nicht.

Atmest du nur ein bisschen und nennst das Leben? 

Mary Oliver

Ein bisschen Atmen reicht nicht.

Ein bisschen Atmen wird dem, was in dem Werkzeug Atmung steckt, nicht im Geringsten gerecht.

Ein bisschen Atmen bedeutet so viel wie auf Schmalspur zu leben.

Wer will das schon? 

Vielleicht ist die Sache zu banal.

Atmen? Das tue ich doch sowieso, magst du denken. Atmen, nun ja, das ist eine lebensnotwendige Funktion, was ist so besonders daran? 

Die transformative Kraft des Atems

Diese Brücke zu beschreiten, bedeutet, sich auf einen Weg der Transformation zu begeben. Die Atmung ist auf dem spirituellen Pfad wie ihn das Yoga lehrt nicht nur eine Technik der Atemkontrolle. Vielmehr ist „Pranayama“, so wird das Atmen im Yoga genannt, eine Praxis, die lehrt, bewusst zu leben, den Geist zu beherrschen und das individuelle, spirituelle Potenzial zu entfalten.

Aus meiner Sicht geht es dabei um weit mehr als „nur“ um das spirituelle Potenzial. Vielmehr geht es in der heutigen Zeit um die persönliche Entwicklung auf dem Lebensweg. Weg von einem Leben in Hektik und getrieben sein, wie es der Alltag oft vorzugeben scheint, hin zu einem Leben in Ruhe und Gelassenheit. Man könnte sagen:

Mehr Juist. Weniger Festland.

Ein Erwachsener atmet im Ruhezustand im Schnitt etwa 12 bis 20 Mal pro Minute. Auf einen ganzen Tag umgerechnet sind das 17.280 und 28.800 Atemzüge pro Tag.

Irgendwo hörte ich einmal den Spruch, dass jeder Mensch eine begrenzte Anzahl an Atemzügen in seinem Leben zur Verfügung hätte. Darum sollte er sie weise einsetzen – und nicht durch sein Leben hecheln, denn dann wären die Atemzüge schnell verbraucht.

Tiefes, ruhiges Atmen hat im besten Fall also das Potenzial, das Leben zu verlängern. Das ist eine starke Aussage! Die Yogis gehen davon seit Urzeiten aus.

Yoga und die Lenkung des Atems: Pranayama als Werkzeug, um Konzentration und Gleichmut zu üben 

Als ich zum ersten Mal mit Yoga in Berührung kam, das war vor 20 Jahren in Frankfurt am Main, waren meine Beweggründe durch und durch physischer Natur. Irgendwo hatte ich, gelesen, dass der Körper durch die Yogapraxis schön und flexibel würde. Damals war ich Ende 20 und fand diese Aussicht äußerst attraktiv. Mental ruhiger zu werden oder gar, mich spirituell zu entwickeln, stand damals nicht auf meiner Agenda. Zugegeben, auch heute noch habe ich nichts gegen den netten Nebeneffekt körperlicher Flexibilität und Fitness. Ob’s schee macht? Das weiß ich nicht. In jedem Fall macht es mich entspannter im Umgang mit mir.

Und es ist so:

An der Atmung kommt im Yoga schlicht niemand vorbei. Sie gehört dazu wie das Salz in der Suppe. 

Yoga, so heißt es, ist „die Synchronisation von Atem und Bewegung“. Das unterscheidet es von Gymnastik oder anderen Sportarten. 

Der Atem wird als das essenzielle Bindeglied zwischen Körper und Geist betrachtet. Die Praxis des Atmens, des Pranayama, was wörtlich „Erweiterung der Lebenskraft (Prana)“ bedeutet, steht im Zentrum dieser alten Weisheit. Diese Praxis ist nicht nur eine Form der Atemkontrolle, sondern auch ein Weg, um geistige Klarheit zu erlangen und spirituelles Wachstum zu fördern.

Pranayama ist das Mittel, um höhere Bewusstseinszustände zu erreichen.

Im berühmten Text „Yoga Sutra“ aus der Feder des Weisen Patanjali, entstanden etwa im 2. Jahrhundert nach Christus, wird Pranayama als eine der acht Säulen des Yoga dargestellt, die essenziell für die Reinigung des Geistes und die Vorbereitung auf die Meditation sind.

Durch die Praxis von Pranayama werden die Schleier, die das innere Licht verdecken, entfernt.

Patanjali, Yoga Sutra 2.52. 

Ich atme, also bin ich.

Im Yoga wird der Atem also nicht nur als lebensnotwendiger Prozess gesehen, sondern als DAS Instrument zur Steuerung der Lebensenergie (Prana), die das Geist-Körper-System maßgeblich beeinflusst. 

Die Nadis, feinstoffliche Energiekanäle, von denen es im Yoga-Verständnis 72.000 geben soll (die Traditionelle Chinesische Medizin nennt sie die Energiebahnen) spielen ebenfalls eine zentrale Rolle. Blockaden in diesen Kanälen können zu physischen und psychischen Unausgeglichenheiten führen. Eine tiefe Atmung hilft, diese Blockaden zu lösen und die Energie wieder frei fließen zu lassen. 

Atem fürwahr ist noch wichtiger als Hoffnung; denn wie die Speichen eines Rades eingefügt sind in die Nabe, so ist in den lebendigen Atem alles eingefügt. Das Leben geht vonstatten durch den Atem, der Atem gibt das Leben, gibt es, um zu leben.

Upanishaden  

Die Wurzeln des Pranayama liegen in den Veden und den Upanishaden, die Philosophen wie Arthur Schopenhauer „Trost und Beruhigung“ schenkten und als wichtige Quelle für die eigene Philosophie dienten. Diese uralten hinduistischen Schriften lassen sich auf das 5. Jahrhundert v. Christus zurückverfolgen, sie enthalten Antworten auf Fragen, die weit in die Metaphysik reichen. In diesen Texten wird Pranayama, die Atemlenkung, bereits als Mittel zur Erreichung höherer Bewusstseinszustände beschrieben. 

Laotse, der chinesische Philosoph, der als Begründer des Taoismus gilt, sagte über den Atem: 

Die Perfektion des Menschen liegt in der Vollkommenheit seines Atems. Der, der seinen Atem vollkommen beherrscht, kann seinen Körper beherrschen und sein Leben verlängern.

Laotse

Atmen ist universell, nicht nur im Yoga, sondern auch in anderen spirituellen Traditionen stoßen wir immer wieder auf die Atmung als Schlüssel zu Gesundheit und Wachstum.

Doch warum tut Atmen so gut? Was passiert bei der Atmung und warum nutzt Yoga diese simple Technik auf dem Weg zu spiritueller Entwicklung?

  1. Atmen setzt eine Vielzahl von physiologischen und psychologischen Prozessen in Gang. Bei der Atmung nehmen wir Sauerstoff auf und geben Kohlendioxid ab, was für die Energieproduktion der Zellen unerlässlich ist. Doch die Bedeutung der Atmung geht weit über diesen rein physiologischen Aspekt hinaus.
  2. Atmen beeinflusst das autonome Nervensystem, das wiederum emotionale Zustände und die geistige Verfassung beeinflusst. Durch gezielte Atemtechniken ist es möglich, den Parasympathikus zu aktivieren, der für Entspannung und Regeneration zuständig ist. Der Sympathikus hingegen, der für Stressreaktionen verantwortlich ist, lässt sich durch eine tiefe Atmung herunterregulieren. Daran ist maßgeblich der Vagusnerv, der 10. Hirnnerv beteiligt, der direkt am Zwerchfell vorbeiläuft und von ihm besonders durch tiefes, langes Ausatmen ihm stimuliert wird. Auf diese Weise wird Stress automatisch weniger und innere Ruhe und allgemeines Wohlbefinden mehr.

Die Grundvoraussetzung dafür, dass Atmen sein volles Potenzial entfalten kann, ist das Bewusstsein darüber. Aha, ich atme. Ich bemerke das, ich nehme das wahr.

Eine bewusste Atmung vertieft nach yogischer Auffassung die Verbindung zwischen Körper, Geist und Seele. Bewusste Atmung wird zu einer Übung, um den „Affengeist“ zu beruhigen und Präsenz im gegenwärtigen Moment zu entwickeln. Das ist Achtsamkeitstraining.

Durch die Praxis von Pranayama, der Atemlenkung, wird es möglich, die körperliche Gesundheit zu verbessern, das Bewusstsein zu erweitern, spirituelle Erfahrungen zu vertiefen und einen tieferen Zugang zu dem inneren Selbst zu finden.

Darüber hinaus soll die bewusste Atmung die Arbeit mit den Energiezentren des Körpers, den sogenannten Chakren, unterstützen. Das sind die Bereiche im Körper, in denen sich die Tausende von Energiebahnen kreuzen. Durch gezielte Atemtechniken findet eine Reinigung dieser Energiebahnen und Zentren statt, so dass „Prada“ wieder frei fließen kann. Wenn alles im Fluss, oder „im Flow“ ist, geht es uns gut.

Die Atmung, bewusst ausgeführt, ist eine kraftvolle Praxis, die nicht nur die Konzentration schult, sondern Körper, Geist und Seele in Einklang bringt. Um aus der Ruhe heraus das volle Potenzial des Lebens auszuschöpfen.

Atmen im Heute – ein (neuer) Trend 

In der heutigen Zeit hat die Praxis der bewussten Atmung zunehmend an Bedeutung gewonnen. Zuviel Festland könnte der Grund dafür sein.

Inzwischen ist es in der Mitte der Gesellschaft angekommen, dass die Atmung kraftvolles Werkzeug ist, um dem hektischen Alltag entgegenzuwirken, innere Ruhe zu finden und die eigene Gesundheit zu fördern. 

Inzwischen gibt es zahlreiche Bücher über das Atmen und spezielle Techniken, die diese oder jene Fähigkeit schulen können. Mit Yoga hat das nichts mehr zu tun, und das ist gut, denn nicht jeder hat ein Faible für östliche Lebensanschauungen, und so werden die Vorteile der Atmung und ihre positive Wirkung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden noch viel mehr Menschen zugänglich.

The Iceman – Atmen und Kälte 

Die Wim-Hof-Methode etwa, benannt nach ihrem Begründer, der auch als „The Iceman“ bekannt ist, hat in den letzten Jahren weltweit Aufmerksamkeit erregt. Ich wage die Behauptung, dass gerade Männer durch ihn auf „den Atem“ gekommen sind.

Wim Hof kombiniert Atemtechniken mit Kälteexposition durch Wasser und Meditation, um das Immunsystem zu stärken, Stress-Resilienz zu erhöhen und mentale Stärke zu verbessern. Stichwort Eisbaden. 

Die Atemtechnik ähnelt dem hyperventilierenden Atmen und soll den Körper mit Sauerstoff sättigen, was kurzzeitig zu einer Alkalose führt. Anhänger dieser Methode berichten von verbesserter physischer Leistungsfähigkeit, erhöhter Energie und einem stärkeren Immunsystem.

Neben der Wim-Hof-Methode gibt es zahlreiche andere Atemtechniken, die entwickelt wurden, um Gesundheit und Wohlbefinden zu fördern. Ein Beispiel ist die Buteyko-Methode, die sich auf die Reduktion der Atemfrequenz und die Erhöhung des CO2-Levels im Blut konzentriert, um die Sauerstoffversorgung zu verbessern. Eine weitere Technik ist die holotrope Atmung, die durch beschleunigtes Atmen einen Zustand veränderten Bewusstseins erreicht. Das soll zur emotionalen Heilung und persönlicher Transformation beitragen.

Peace.

Achtsamkeit beim Atmen, entwickelt und häufig geübt, bringt viel Nutzen und viel Frieden.

Buddha

Ich muss nicht betonen, wie sehr der Kraftort Juist zu einer bewussten Atmung einlädt. Julia Findeisen hat in diesem Zusammenhang über den „Flow-Zustand“ geschrieben. Im Flow zu sein, das gelingt auf Juist ganz leicht, indem du an den Strand gehst und tief atmest. Schau, wie schnell du innere Ruhe und Frieden findest, wie deine Gedanken sich auflösen wie die Wolken am Himmel und du wahrnehmen kannst, was dich wirklich ausmacht. 

Ein bisschen Atmen reicht nicht.

Wähle deine Atemzüge weise.

Sie sind begrenzt.

Und hier noch drei einfache, praktische Tipps für dich für die Umsetzung.

Motto: EINFACH MAL ATMEN.  

  1. Beobachten: Der erste Schritt zum Verständnis und zur Kontrolle des Atems ist, ihn überhaupt wahrzunehmen und ihn schlicht zu beobachten. Setze oder lege dich dafür in eine bequeme Position, atme möglichst durch die Nase ein und aus und achte nur darauf, wie der Atem natürlich ein- und ausströmt, ohne ihn zu verändern.
  2. Langsam und tief atmen: Versuche, deine Atmung bewusst zu verlangsamen und zu vertiefen. Atme dazu durch die Nase ein und aus und zieh den Atem bis in den Bauch hinein, so dass sich deine Bauchdecke mit der Einatmung hebt und mit der Ausatmung senkt. Das hilft dir, deinen Geist zu beruhigen und deinen Körper zu entspannen.
  3. Nimm’s mit in den Alltag: Versuche, dich während des Tages mehrmals an deinen Atem zu erinnern, immer öfter durch die Nase statt durch den Mund zu atmen und immer öfter bewusst ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen. Das wird dir in in stressigen Situationen helfen, „cool“ zu bleiben. Erstmal tief durchatmen. So einfach ist es.

Viel Freude mit deinem treuen Begleiter.

Inhale, exhale, repeat.

Weniger Festland. Mehr Juist. So einfach ist das.

3 Gedanken zu „Ein bisschen Atmen reicht nicht.“

  1. Meiner Atmung zu folgen, sie zu beobachten und zu steuern, beruhigt, entspannt, fördert die KOnzentration auf Wesentliches.

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Katharina Schlangenotto

Ostwestfälin und Mallorca Residente, Yoga Teacher Trainerin aus Leidenschaft und ausgestattet mit der großen Stärke, das Leben von Menschen und Teams ganzheitlich und mit Leichtigkeit in Schwung zu bringen.

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