Erhellend.

Alles Wetter kommt vom Meer

Meer macht Wetter: CO2-Senke, Temperaturregulator, Wärmespeicher, Wärme-Förderband und Sauerstoff-Produzent. Die Wechselwirkung des Meeres mit der Atmosphäre ist überhaupt erst dafür verantwortlich, dass wir leben, wie wir leben. Dass wir überhaupt auf der Erde atmen und leben.

Auf Juist wird einem der Einfluss des Meeres besonders bewusst.

Die Nordsee kann eine wahre Wetterküche sein. Wettervorhersagen sind bei uns eher Richtwerte. Beim Wetter halten wir es wie die Pralinenschachtel von Forrest Gump: Du weißt nie, was du bekommst. Ein Phänomen, das oft völlig unerwartet und trotz einer gewissen Schwere immer ganz plötzlich zu kommen scheint, ist der herbeiwabernde Nebel vom Meer.

Blue Mind – Nebel ist ja auch nur Wasser.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse, 1905

Diese Anfangszeilen aus dem Gedicht „Im Nebel“ von Hermann Hesse aus dem Jahr 1905 haben etwas Schweres, fast Düsteres. Und ja, das ist Nebel vielleicht auch. Deshalb hat Nebel, besonders hier am im Meer, die Menschen schon immer zu mystisch-düsteren Gedanken inspiriert.

Für viele Menschen hat Nebel etwas Unheimliches, ja fast Trauriges. Dabei bietet Nebel so vieles. Ruhe. Keine Ablenkung. Fokus auf das Wesentliche. Nebel kann Farben förmlich schlucken. Welch Entspannung für unsere Sinne!

Und ganz im Sinn des Blue Mind: Wasser tut gut! Wenn du gerade einmal nicht baden gehen kannst, wenn du gerade nicht am Meer bist und es neblig ist: Raus mit dir! Genieße die prickelnde Frische des der Nebeltropfen auf deiner Haut!

Ich finde Nebel faszinierend. Ganz besonders am Meer. Seenebel. Der, der vom Meer aufs Land zieht. Oder eben die Insel einhüllt.

Für alle Klugschieter: 

Von Nebel sprechen wir, wenn die Sichtweite unter einem Kilometer lieg. Sind die Sichtweiten weiter (aber unter 8 Kilometer) sprechen wir von Dunst. 

Küsten- und Seenebel werden fachlich Advektionsnebel genannt. Advektion = das horizontale Heranführen von Luftmassen über größere Entfernungen.

Feuchte Luft strömt über die Nordsee und wird von der kühleren Wasseroberfläche der Nordsee abgekühlt. Das führt zur Kondensation von Wasserdampf. Zack fertig, Nebel.

So entsteht Seenebel:

  1. Warme, feuchte Luft strömt über die Nordsee. Diese Luft enthält Wasserdampf.
  2. Kühlere Oberfläche: Die Nordsee hat eine kühlere Oberflächentemperatur als die warme Luft. Wenn die feuchte Luft über das kühlere Wasser zieht, kühlt sie ab.
  3. Kondensation: Die kühlere Luft kann weniger Wasserdampf halten als die warme Luft. Wenn die feuchte Luft abkühlt, erreicht sie den sogenannten Taupunkt. Das ist die Temperatur, bei der die Luft gesättigt ist und Wasserdampf zu Wassertropfen kondensiert.
  4. Bildung von Nebel: Die kondensierten Wassertropfen bilden den Nebel. Dieser Nebel liegt oft flach über dem Wasser.

Das war die Theorie. Jetzt ein wenig Melancholie.

Nebel und Menschen

Seit Menschengedenken begleitet der Seenebel die Seefahrer auf ihren Reisen über die Ozeane. Mal gleitet er behutsam über die Wasseroberfläche, mal erscheint er wie aus dem Nichts, hüllt das Schiff ein und beraubt es jeglichen Sichtkontakts zur Umgebung. 

Lange Zeit waren optische Informationen die einzige Möglichkeit, einigermaßen sicher in Küstennähe das Schiff zu navigieren, um nicht mit anderen Schiffen oder der Küste zu kollidieren. 

Der Leuchtturm von Alexandria auf der Insel Pharos, Ende des dritten Jahrhunderts v. Chr. erbaut, ermöglichte es schon damals, auch bei Dunkelheit zu navigieren. Später waren es die Römer, die entlang der europäischen Küste Leuchttürme errichteten. Fischer mussten sich damals auf kleine Feuer an den Ufern verlassen, um den Weg zurück in den Heimathafen zu finden.

Bei Dunkelheit okay, aber sobald Nebel aufzog, waren diese Lichter nahezu nutzlos. Im dichten Seenebel wurde das Licht von kleinen und großen Leuchtfeuern maximal etwas gestreut … was die Sache noch gefährlicher machte.

Also kam man auf die Idee von akustischen Signalen als Orientierungshilfe: Die Menschliche Stimme, Glocken und … Nebelhörner. 

Nebelhorn am Meer

Das Nebelhorn – Durchdringendes Dröhnen durch den Nebel 

120 Dezibel Dröhnen. Ein Klang, der sich sogar körperlich spüren lässt.

Die Erfindung der Nebelhorn-Technik geht angeblich auf einen Spaziergang des Kanadiers Robert Foulis im Jahre 1850 zurück. 

Die Geschichte sagt, er sei bei starkem Nebel am Strand spazieren gewesen. Nur dank des weithin hörbaren Klavierspiels seiner Tochter soll er den Weg zurück nach Hause gefunden haben. So kam ihm die Idee der Dampfpfeife, die weiter zu hören sein sollten, als die damals benutzen Nebelglocken. Die Frequenz der Glocke war zu hoch und wurde nicht weit genug durch die dicke Luft transportiert. Die Frequenz eines Nebelhorns ist tief genug.

Jeder Standort sollte ein eigenes Horn-Intervall bekommen, also eine eigene Kennung. Seine Idee wurde leider zuerst von der zuständigen Behörde abgelehnt. Später trug Foulis die Idee erneut aufgegriffen und von jemandem anderem – leicht modifiziert – patentiert. 

Foulis meldete also nie ein Patent für seine Idee an.

Ob es wahr ist? Das wissen wir nicht. Die Wahrheit dieser Geschichte verliert sich sprichwörtlich im Nebel. 

Das Dröhnen eines Nebelhorns scheint monoton und stumpf. Tatsächlich ist er sehr genau ausgetüftelt. So soll man im Jahre 1873 monatelang verschiedene Signalarten für Schiffe getestet haben. Bis man das Nebelhorn als optimalen Klang bestimmte.

Das Nebelhorn: Melancholie und Nostalgie

Nebelhörner und der Nebel selbst haben etwas gemeinsam: Das Dröhnen des Horns ist melancholisch und durchdringend. Wie der Nebel selbst. Zwar lautlos. Aber mit einer durchdringenden Melancholie aufgeladen. Der Klang eines Nebelhorns scheint einen zu verfolgen. Er geht in Mark und Bein. Wie Nebel. Er zieht so schnell auf, verschluckt die Umgebung und Orientierung. Seine kalte Nässe selbst scheint auch in die Knochen zu kriechen. 

Nebelhörner haben auch etwas Nostalgisches. Heute verfügen Schiffe über Radar- und GPS-Technik. Der ikonische Klang und damit eines der prägendsten Küstengeräusche ist Geschichte

Übrigens: Die Frisia IX lässt beim Einfahren in den Juister Hafen ihr Horn erklingen. Das kann man durchaus als Nebelhorn bezeichnen. Die Fähre braucht den Klang zwar nicht mehr, da auch sie modern ausgestattet ist. Aber der ikonische Klang beim Einfahren gehört einfach dazu. Und lässt uns die Erinnerung an die raue Zeit der Seefahrt. 

Die Fähre braucht das Nebelhorn nicht. Wir aber irgendwie schon.

Unnützes Wissen – drei neblige Fakten zum Angeben

Nebel ist einfach nur graue Suppe? Nebel ist ein Phänomen, das Juist zum Kraftort macht. Und über Nebel gibt es so viel zu erzählen. Während ich mich mit dem Phänomen Nebel beschäftigt habe, stolperte ich auch über unzählige Fakten über das, was Nebel auf der ganzen Welt bewirkt. Hier also drei neblige Fakten für den nächsten Smalltalk:

Der nebligste Ort der Welt

Der Titel des nebligsten Ortes der Welt geht an die Great Banks vor der Küste Neufundlands im nordwestlichen Atlantik. Nebel an 200 Tagen im Jahr. Das ist wirklich viel.

Fänger im Nebel oder: Die Nebelbrauerei

Die Atacama-Wüste ist eine der trockensten Regionen der Welt. Ewig gibt es hier keinen Regen, dafür häufig Nebel. Er wird hier liebevoll „Camanchaca“ genannt. Übersetzt “kriechender Nebel”. Mit großen Netzen, in denen 1 mm kleine Öffnungen sind, wird kriechender Nebel eingefangen. Die winzigen Wassertropfen tropfen ab und werden n einer Rinne gesammelt. Ein Nebelfänger kann so bis zu 66 Liter Wasser an einem Tag sammeln. das. Ausreichend, um eine Brauerei zu versorgen, die jährlich 24.000 Liter des Bieres Atrapaniebla („Nebelfänger“) herstellt.

Der dichte Nebel der Atacama-Wüste: Wasserquelle zum Fangen

Vernebeltes Tempo

Nebel hat gefährlichen Einfluss auf unsere Wahrnehmung von Geschwindigkeit. Besonders beim Autofahren kommt dies zum Tragen. Wie wir unsere Geschwindigkeit beurteilen, basiert auf dem Kontrast unserer Umgebung. Also vorbeiziehende Gebäude oder Bäume. Nebel reduziert diesen Kontrast enorm, verschluckt oft komplett. Das vermittelt den Eindruck, wir würden langsamer fahren als wir es tatsächlich tun. Das wiederum hat zur Folge, dass Menschen die Geschwindigkeit erhöhen.

Nur gut, dass wir auf Juist keine Autos haben.

Nebelschwaden sind auch nur Wolken, die Meer und Boden berühren.

Physikalisch handelt es sich bei Nebel ja nur um sehr tief hängende Wolken. Mal leicht, zart und weiß. Mal schwer, tief und undurchdringlich grau.

Eine Macht, die Schiffe verschlang, mystische Wesen erschafft und Städte in undurchdringbare Zuckerwatte hüllt.

Und dann gibt es neben all der – haha – grauen Theorie noch die neblige Ebene der Sagen und Legenden rund um den Nebel aus dem Meer. Nebel hatte zu allen Zeiten starken Einfluss auf die menschliche Psyche und Vorstellungskraft. Finden die einen den Nebel romantisch-verhüllend, finden die anderen nur düstere Magie in ihm.

Ostfriesland im Nebel von Sagen und Legenden

Logisch. Rund um nebelige Orte gibt es eine Menge Stoff für Krimis, Sagen und Legenden. Dazu werden wir hier sicher auch noch vieles schreiben. Lullt der Nebel uns hier in Ostfriesland ein, sprechen wir von der”Lüttje Welt”. Okay, Juist ist an sich schon eine sehr kleine Welt. Aber jetzt wird für jede und jeden diese Welt noch etwas kleiner. 

Eine kurze Legende möchte ich zum Abschluss noch mit dir teilen. Weil ich die noch nicht kannte.

Der Weiße Hase und der Schnaps

in Ostfriesland erfand man die Geschichte des weißen Hasen, der nachts die Bauern auf dem Weg von der Kneipe nach Hause in den Graben stieß. Ob es das Glas Schnaps zu viel inmitten nächtlichen Nebels war oder wirklich ein mystischer weißer Hase, lassen wir mal offen. Früher bezeichnete man eine Nebelart als „de witte Has“. Wie passend! Auf jeden Fall klingt es viel schöner, wenn man es auf den weißen Hasen schieben kann, dass man mal wieder viel zu spät und leicht lädiert nach Hause kam.

Was ist Nebel für dich?Schreibe deine Gedanken:

Julia Jung

Julia Jung kennt Juist von vielen Besuchen. Meist nur kurz, weil fast immer beruflich. Das bringt eine ganz eigene Perspektive auf die Insel. Ihre Leidenschaft sind die Meeresbiologie und die Psychologie hinter der Faszination für das Meer. Das Konzept des "Blue Mind" ist ihr Thema im Seezeichen, wie auch kleine Einblicke ins Leben im und am Meer.

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