Mobilität auf Juist.
GEHzeiten und FAHRzeiten.
Ginge nichts vorüber, gäbe es keine vergangene Zeit; käme nichts auf uns zu, gäbe es keine zukünftige Zeit; wäre überhaupt nichts, gäbe es keine gegenwärtige Zeit.
Augustinus
Wer Juist kennt, weiß, was das bedeutet: Wir haben hier keine Autos und auch keinen öffentlichen ÖPNV mit Pferdekutschen. Kutschen können privat gebucht werden, bieten aber teilweise auch Linienfahrten an. Häufigstes Fortbewegungsmittel sind die eigenen Füße oder das Fahrrad.
Was aber, wenn nun lange Strecken anstehen? Gäste, die mit dem Flugzeug an- oder abreisen wollten, nahmen die Pferdekutsche. Diese wurde aber aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Die Jugendbildungsstätte und der Flugplatz wirkten dadurch ein Stück weit vom übrigen Inselgeschehen abgeschnitten und sind vor allem zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar.
Im Sommer 2025 gab es ein Bürgerbegehren: Sollte es zum Transport von Personen auf der Insel Kraftfahrzeuge wie eine Bimmelbahn oder ein Elektrofahrzeug geben?


Die Zeit vor dem Bürgerbegehren auf Juist am 03.08.2025
Ob wir jemals eine Schwebebahn vom Ort zum Kalfamer erhalten werden? Zweifelhaft. Aber im Bestfall können wir von den Versuchen und Konzepten auf dem Festland lernen und Mobilität auf der Insel passend zu Juist und positiv für alle umsetzen.
Vorab hilft es, die Zusammenhänge zu verstehen: Kutsche und Flugplatz sind auf Juist eng miteinander verbunden. Eine Kutschverbindung lohnt sich wirtschaftlich nur, wenn genügend Menschen mitfahren. Und dafür braucht es einen Anlass – bei Ausflugsfahrten ist dieser meist gegeben, bei Fahrten zum Flugplatz hängt die Nachfrage dagegen unmittelbar von der Zahl der Fluggäste ab.
Fliegen weniger Menschen, nutzen entsprechend weniger Fahrgäste die Kutsche zum Flugplatz. Gleichzeitig kann auch die Attraktivität der Kutschverbindung Einfluss darauf haben, wie der Flugplatz wahrgenommen und genutzt wird. Wirkt die Verbindung umständlich oder wenig attraktiv, kann dies auch die Entscheidung für eine Anreise mit dem Flugzeug beeinflussen.
Beide Angebote hängen damit bis zu einem gewissen Grad voneinander ab: Der Flugplatz schafft Nachfrage für die Kutsche – und eine gute Verbindung zum Flugplatz macht das Fliegen attraktiver.
Viel wurde berichtet, nicht alles stimmte, denn manches wurde auch aus dem Zusammenhang gerissen.
Die Anbindung Juists hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach verändert. Neben der klassischen Inselfähre kamen Schnellschiffe hinzu; zugleich entwickelte sich auch der Flugverkehr zwischen Festland und Insel weiter.
Die langjährige Linienverbindung der FLN zwischen Norddeich und Juist endete Ende Februar 2025. Danach wurde Juist zeitweise vom Ostfriesischen Flugdienst ab Emden angeflogen. Seit 2025 besteht in der Saison zudem eine Flugverbindung mit Scandinavian Air Charter zwischen dem Festland und Juist.
Auch der Weg zwischen Flugplatz und Ort veränderte sich. Der frühere regelmäßige Kutschtransfer der Spedition HUF wurde eingestellt. Ein später angebotenes Inseltaxi mit Pferdekutschen zwischen Ostdorf und Loog war ein zeitlich begrenztes Angebot und wurde ebenfalls wieder beendet. Die Fahrten anderer Juister Kutschbetriebe, etwa des Fuhrunternehmens Schwips, waren davon unabhängig.
Zeitweise übernahmen die Leezen Heroes aus Münster mit Fahrradrikschas einen Teil des Flugplatztransfers und boten später auch weitere Fahrten über die Insel an. Dieses Angebot wurde im Herbst 2025 eingestellt.
Aktuell bietet die Jugendbildungsstätte Juist einen Verbindungsservice mit rikschaähnlichen Fahrzeugen zwischen Flugplatz und Ort an. Daneben lässt sich der Flugplatz weiterhin zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen.
So zeigt sich: Die Mobilität auf der autofreien Insel verändert sich immer wieder. Das Grundprinzip bleibt jedoch bestehen: Viele Wege auf Juist werden zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit Pferdestärken zurückgelegt – und neue Lösungen entstehen dort, wo sie gebraucht werden.
In der Bestrebung, dem Flugplatz unter die Arme zu greifen und allgemein eine Infrastruktur zu bieten, kam die Idee auf, mit einer Wegebahn („Bimmelbahn“) eine Anbindung an den Flugplatz zu schaffen. Diese Idee wurde seitens der politischen Gremien öffentlich und nicht öffentlich heftig und ausdauernd diskutiert. Zuvor wurden die verschiedensten Ideen für eine Anbindung zum Flugplatz diskutiert. Die Zeit wurde knapp, denn jeder Tag ohne Anbindung setzte dem Flugplatz zu. Am Ende stimmten die politischen Gremien für die Anschaffung einer Wegebahn.
Stand Sommer 2026: Der Flugplatz ist mit dem Fahrrad, zu Fuß und mit Fahrrad-Rikschas verschiedener Anbieter zu erreichen. Der Ostfriesische Flugdienst verkehrt aktuell nicht mehr auf der Strecke zwischen Emden und Juist. Scandinavian Air Charter bietet weiterhin Linienflüge zwischen Norden und Juist an. Die Spedition HUF bietet verschiedene Ausflugsfahrten an.
„Der Bürger hat uns heute ein klaren Auftrag erteilt, weiterhin ein Konzept zu erarbeiten und vorzuhalten, dass auf Pferde, Fahrrädern und Rikschas basiert.“
Dr. Tjark Goerges, parteiloser Bürgermeister der Insel Juist, 2025
Mobilität auf Juist: Die Abstimmung am 03.08.2025
Es ist keine einfache Diskussion rund um die Autofreiheit und die Pferdekutschen auf Juist. Es sind emotionale und pragmatische Unterhaltungen.
Erst einmal: Worum ging es bei der Abstimmung eigentlich? Die offizielle Frage war recht kompliziert formuliert. Vereinfacht gesagt ging es darum, ob auf Juist künftig KFZ-betriebener Personentransport, zum Beispiel mit einer Wegebahn oder einem Elektrofahrzeug, möglich sein soll. Die Schwierigkeit: Die Fragestellung musste aus rechtlichen Gründen in einer bestimmten Form gestellt werden. Dadurch war nicht sofort klar, welche Antwort wofür stand. Wer eine solche Form der Elektromobilität ermöglichen wollte, musste mit „Ja“ stimmen. Wer den bisherigen Zustand beibehalten wollte, mit „Nein“.Die Initiatorinnen des Bürgerbegehrens haben deshalb ausführlich über die Fragestellung und ihre Bedeutung informiert.
Wer durfte abstimmen? 1.245 Menschen mit Erstwohnsitz auf Juist, mindestens 16 Jahre alt und europäische Staatsbürger durften abstimmen. 577 stimmten ab (46,3 % Wahlbeteiligung). Insgesamt 368 wahlberechtigte Menschen stimmten dafür, keine KFZ als Personentransport zu zulassen.
Die Zeit nach dem Bürgerbegehren auf Juist am 03.08.2025
Feststeht: Die Juister haben den Vorschlag abgelehnt, einen motorisierten Personenverkehr zu zulassen. Dieser Entschluss gilt für zwei Jahre. Also müssen jetzt andere Lösungen gefunden werden. Ob es nun einen öffentlichen Personennahverkehr mit Pferdekutschen, Einzellösungen mit Fahrradrikschas oder sonst etwas wird, wissen wir noch nicht. Es ist ein wichtiger Prozess, der auf uns wartet, es ist ein schwieriges Unterfangen, allen Wünschen gerecht zu werden. Wohl unmöglich. Dennoch werden alle Interessensgruppen auf Juist gemeinsam arbeiten, um Lösungen zu finden.
Die Zukunft auf Juist – Ein Blick in die Glaskugel
Welche Zukunftsszenarien sind für uns auf Juist denkbar?
Wenn deutschlandweit über Flugtaxis diskutiert wird, sollten wir uns auf Juist auch mal Gedanken machen, wie denn die Mobilität in Zukunft aussehen könnte auf der Insel. Wird’s hier Flugtaxis geben? Werden wir, wie bereits in einem Pilotprojekt, unsere Medikamente per Drohne erhalten? Kann es wieder eine Inselbahn auf Juist geben, von Pferden gezogen, elektrisch oder vielleicht sogar selbstfahrend? Werden wir Autos auf Juist haben? Werden wir selbstfahrende Mini-Autos auf der Insel haben? Werden die E-Fahrräder ausgebaut, sodass sie irgendwann wie kleine Autos aussehen? Das kann niemand sagen. Muss man jetzt nun auch noch nicht sagen.
Wie ist das denn mit der Diskussion um E-Mobilität und Autos und dergleichen auf Juist?
Du siehst schon: Es ist alles verbunden. In einem so kleinen Kosmos wie Juist ist wahrlich alles miteinander verwoben. Manchmal sehen wir die Fäden, die Aspekte verbinden, sofort, manchmal aber sind diese Fäden unsichtbar oder gut versteckt.
Juist ist immer schon autofrei. Nie hat es Autos hier auf der Insel gegeben. Während auf dem Festland die Städte für Autos gebaut wurden, waren hier die Pferdekutschen überall. Fahrräder waren ebenso wichtig als Transportmittel.
Wozu auch Autos auf der Insel? Juist ist so klein, da lohnt sich ein Auto nicht. Für Privatpersonen. Platz zum Parken ist auch nicht. Gut für die Natur wäre das auch nicht. Und überhaupt: Die Infrastruktur könnte Autos in der breiten Masse der Gäste und Insulaner*innen gar nicht abdecken. Unsere Straßen würden den Verkehr nicht auf Dauer tragen können und die Autos erstmal mit der Fähre rüber zu kriegen, wäre Irrsinn. Von den bürokratischen Hürden ganz zu schweigen!
Aber darum, Autos für alle zu erlauben, geht es ja gar nicht. Es geht um einige wenige Autos für bestimmte Anlässe – eine Anbindung für den Flugplatz. Wobei vielleicht jemand zu träumen beginnt und sinniert, wie viel einfacher es wäre, schwere Lasten zu transportieren. Es geht auch nicht zwingend um Autos, sondern vielleicht eher um etwas, das einem Auto ähnelt, ein kleines Mobil, eine Art Golfcart. Die Möglichkeiten sind breit. Es ist keine einfache Diskussion rund um die Autofreiheit und die Pferdekutschen auf Juist. Es sind emotionale und pragmatische Unterhaltungen.
Es sind Diskussionen, die keine einfache Antwort kennen, die nicht „richtig“ oder „falsch“ sind. Wir als Menschen haben einen Kontext: Wer zu Fuß nicht so gut unterwegs ist und mit dem Flugzeug anreist, wünscht sich mehr Transportangebote von dort in den Ort, als jemand, der super gerne spazieren geht.
Als Kurverwaltung haben wir ein Markenkonzept entwickelt. In einem solchen Konzept wird unter anderem festgehalten, wie sich die Insel selbst sieht, was wichtige Werte sind. Einer dieser Werte ist „Pferdeinsel“. Das ist keine Sicht, die nur die Kurverwaltung aufgestellt hat, sondern eine Sicht, die in enger Kooperation mit den Menschen, Betrieben, Institutionen und anderen Leistungsträgern auf der Insel entwickelt wurde. Juist sieht sich als Ort, der sich bewusst für die Tradition der Pferdeinsel entscheidet, dafür, alte Werte hochleben zu lassen, auch wenn es vielleicht nicht so komfortabel ist, wie es sein könnte, dafür, sich mit der Natur und den Tieren zu beschäftigen.
Dennoch: Man ist auch realistisch. Wenn die Pferdekutschen sich wirtschaftlich nicht tragen, was soll dann getan werden? Die Diskussion erlaubt auch die Idee, motorisierten Verkehr zu zulassen. Wie kann man dem Wunsch der Gäste entgegenstehen, wenn so viele sich beschweren und sich eine Anbindung wünschen? Wir suchen nach Kompromissen. Das ist leider alles andere als einfach manchmal.
„Eine Mehrheit hat sich in einer Abstimmung gegen Kraftfahrzeuge auf der Insel ausgesprochen. Pferdekutschen und Lastenfahrräder bleiben die wichtigsten Verkehrsmittel.“
Ostfriesische Nachrichten, 2025
Grundsätzliche Fragen zur Mobilität auf Juist
Grundsätzliche Fragen, auf die es unterschiedliche Antworten gibt:
Du siehst schon: Es ist alles verbunden. In einem so kleinen Kosmos wie Juist ist wahrlich alles miteinander verwoben. Manchmal sehen wir die Fäden, die Aspekte verbinden, sofort, manchmal aber sind diese Fäden unsichtbar oder gut versteckt.
Brauchen wir einen Flugplatz?
Sicherlich ist eine Abhängigkeit – im Verkehr oder in anderen Bereichen des Lebens – keine optimale Situation. Viele sprechen davon, wie wichtig der Flugplatz für die Anreisemöglichkeiten der Gäste auf die Insel ist, für die Anlieferung von Waren, für die eigene Insulaner-Mobilität, wenn man aufs Festland muss. Viele sprechen davon, wie wichtig der Flugplatz für den Erhalt der Jugendbildungsstätte ist. Viele argumentieren, dass der Flugplatz von selbst aussterben würde und dass man doch kein wirtschaftliches Konstrukt am Leben erhalten müsste, das es von selbst nicht schafft. Viele betonen, dass heutzutage mit den Schnellschiffen und der Inselfähre der Flugverkehr nicht mehr relevant ist.
Passt so ein Flugplatz auf eine Insel wie Juist, die nachhaltig agieren möchte?
Da kann man sicherlich diskutieren, was wichtiger ist – die Flexibilität der Anreise auf die Insel oder der Schadstoffausstoß.


Was wäre am besten für Gäste?
Das kann man nicht so einfach beantworten. Viele Gäste lieben an Juist, dass es autofrei ist, dass die Kutschen Bestandteil des Ortsbilds sind. Andere machen sich Sorgen um die Gesundheit der Pferde (muss man aber nicht, versichern uns die Fuhrbetriebe). Wenn man den Stimmen glaubt, wäre es für Juist am besten, wenn die Pferde überall bleiben und noch mehr zu sehen sind.
Was wäre am besten für die Insulaner*innen?
Juister*innen, Insulaner*innen und Arbeiter*innen, die das ganze Jahr über auf der Insel sind, würden davon profitieren, wenn E-Mobilität das Fahren von A nach B vereinfacht. Viele Inselmenschen aber sehen diese Thematik emotional und lieben die Pferde. Aber: Wir alle leben vom Tourismus. Wir brauchen die Gäste und wenn die Gäste Pferde fordern, ist das ein absolut wichtiger Bestandteil der Entscheidungsfindung. Wir sagen natürlich nicht, dass wir die Haltung aller Menschen kennen. Darum geht es auch nicht. Bei der Abstimmung hat sich gezeigt, dass die Mehrheit der Menschen, die abgestimmt haben, gegen einen KFZ-betriebenen Personentransport sind. Ob das nun im Umkehrschluss bedeutet, dass alle für Pferdekutschen sind, steht auf einem anderen Blatt.
Wie geht es den Pferden?
Die Lastenpferde auf Juist sind große, starke Kaltblüter, die biologisch dazu da sind, Lasten zu ziehen. Dazu werden sie trainiert. Sie tummeln sich auf der Weide und warten ungeduldig auf den Start ihres Arbeitstages. Sie haben strenge Arbeitszeiten. Den Pferden geht es gut auf Juist. Die Fuhrunternehmen kümmern sich um sie. Die Pferde sind kein Arbeitsmaterial, sondern Mitarbeiter*innen. Und jeder gute Arbeitgeber kümmert sich um die Mitarbeitenden.


Fotos: Lars Wehrmann

