Inselsagen.

Märchen von Juist.

Juister Inselsagen.

Märchen von Juist.

Sagen und Geschichten vom Töwerland.

Juist ist vor allem im Winter ein Ort, der mystisch angehaucht wird.

Die Winter sind lang hier. Der graue Himmel scheint die Insel klein zu machen. Das Festland ist kaum zu sehen. Der Nebel legt eine grimmige, mystische Stimmung über die Insel. Das Wäldchen scheint verhext. Der Name „Töwerland“ könnte in diesen Zeiten auch bedeuten, dass Hexen hier leben. So ist die Stimmung dann. Sogar noch heute in unserer weit entwickelten Zeit.

Man hat viel Zeit. Wir kommen zusammen und kommen ins Reden. Wir sprechen und quatschen und erzählen Geschichten nach einem langen Spaziergang mit Wind und Regen, der einen durchgepeitscht hat. So finden wir uns zusammen am Kamin in einem Café oder Teehaus oder auch zuhause zusammen mit Freundinnen und Freunden, mit Familienmitgliedern und Verwandten. Wir zelebrieren die Langsamkeit und die Gemütlichkeit.

In früheren Zeiten muss das Festland teilweise unerreichbar gewirkt haben. Oder war es wohl auch. Schiffe konnten das gefährliche Fahrwasser des Wattenmeeres nicht immer überqueren. Zu groß die Gefahr, nicht anzukommen, verloren zu gehen. Da blieb man wohl lieber auf der Insel. Wobei auch hier die Stürme gefährlich waren.

Die Insel Juist als Schauplatz von Sagen, Mythen und Märchen.

In früheren Zeiten muss das Festland teilweise unerreichbar gewirkt haben.

Du siehst also: Juist ist vor allem im Winter ein Ort, der mystisch angehaucht wird. Man erzählte sich Geschichten und Sagen, suchte nach Erklärungen für Dinge, die damals nicht erklärt werden konnten.

Vielleicht waren hier auf der Insel Märchen noch allgegenwärtiger, als an anderen Orten. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es nicht nur hier, sondern insgesamt an der Nordsee die interessantesten Märchen gibt. Und ein paar davon möchte ich dir gerne vorstellen.

Juister Märchen.

Das Märchen hat denselben pädagogischen Wert wie das Spiel. Es bringt mit seinem Außergewöhnlichen und Wunderbaren der kindlichen Einbildungskraft eine ganz neue, bisher unbekannte Welt, die durch einen poetischen Zauber verklärt ist.

Herrmann Kietz

Das Juister Märchen vom Klabautermann

An den Küsten erzählt man sich von einem Schiffsgeist namens Klabautermann, der seit Jahrhunderten auf Schiffen spuken soll. Mit buschigem Bart, Hammer und Pfeife sieht er aus wie ein Matrose, gehört aber nicht zur Crew. Anfangs gilt seine Anwesenheit als Glückszeichen, denn er warnt mit seinem Hämmern vor Schäden am Schiff. Doch wenn er plötzlich verschwindet, droht unweigerlich Unheil. Also ist es besser, ihn gar nicht erst an Born zu haben: Um ihn fernzuhalten, nahmen Seeleute früher ein Huhn mit an Bord. Warum? Das weiß niemand genau. Auf der Insel Juist erinnert heute noch das Haus Klabautermann an diese Legende.

Die Juister Sage von den Hexen vom Hammersee

Im Jahr 1651 trifft eine verheerende Sturmflut die Nordseeküste. Auf Juist brechen die Dünen, das Meer überschwemmt das Land und die Insel wird für über 200 Jahre zweigeteilt. Damals suchen die Menschen nach einer Erklärung für den Schrecken, den sie erfahren haben. Statt in der Wissenschaft wie heute, finden die Menschen die Erklärung im Hexenglauben. Zwei mächtige Hexen sollen im Streit die Katastrophe ausgelöst haben, so erzählt es die Legende. In Wahrheit war es natürlich die Naturgewalt der Petriflut, doch der Glaube an Hexen war im 17. Jahrhundert weit verbreitet. Noch heute erinnert der Hammersee auf Juist an diese dramatische Zeit – an genau jener Stelle, an der die Insel damals auseinanderbrach. Die Namen der angeblichen Hexen sind vergessen, doch ihre Geschichte lebt weiter.

Die Juister Sage von der schönen Maleen

Eine andere Geschichte aber erzählt von einer schönen Juisterin namens Maleen, die von einem Wassermann zu Reichtum verführt wurde, tief unterhalb der Wasseroberfläche. Als sie sich zurück in ihre Heimat aufmachen wollte, zurück auf die Insel Juist, ließ der Wassermann einen großen Sturm entstehen und dieser Sturm riss eine Lücke in die Insel. Der Hammersee entstand. Und die schöne Maleen? Sie war von dann an gefangen im See und wartet wohl noch immer auf einen Mann, der sie erretten könne.

Die Juister Legende des Fährlöpper

Föhrlopper nennt man Menschen, die Vorahnungen haben. Ein Wahrsager oder ein Orakel. Sie hören Stimmen und sehen Dinge, bevor sie geschehen. Auf Juist erzählt man sich besonders die Geschichte vom alten Mann, dem Wal und dem gestrandeten Schiff. Als ein Wal am Strand liegt, freuen sich die Insulaner über das Geld, das er bringt. Alle? Nein, denn ein alter Mann ist beunruhigt. Er hört in den Dünen ein gequältes Stöhnen, doch findet nichts, so sehr er auch sucht. Dann verstummt das Geräusch. Aber: Wochen später hört er es erneut, sucht wieder und rettet einen erschöpften Matrosen, der aus einem gekenterten Schiff stammt. Später berichten Überlebende, wie eine Tragödie auf See Familie, Mannschaft und Fracht forderte. Der Man in den Dünen, den der Föhrlopper aber fand, überlebte. Noch heute erzählt man sich auf Juist von diesem Föhrlopper und dem „Fellenschiff”, das die Nordsee verschlang.

Märchen, Geschichten, Sagen und Legenden vom Meer

„Als ich noch Märchen gelesen habe, dachte ich solche Dinge könnten niemals passieren, und hier bin ich nun und lebe mein eigenes.“ – Lewis Carroll

Der Hintergrund der Märchen

Wie kamen die Märchen eigentlich nach Juist?

Na ja, diese Antwort liegt in einem Märchen:

Einst lebte ein alter Mann auf der Insel, dessen Leben ihm keine Freude mehr brachte. So kam ein Erdmännchen (eine Art Zwerg) zu ihm und flüsterte ihm im Traum Märchen ein. So wurde der alte Mann zum ersten Märchenerzähler der Insel und die Kinder und Erwachsenen strömten zu ihm, um sich seine Geschichten anzuhören.

In „echt“ kann man das erste Juister Märchen in einer Überlieferung von 1699 finden, genauer gesagt in der „Memoriale lingua frisicae“ von Pastor Cadovius Müller aus Stedesdorf, heute ein Teil von Esens. Aber noch früher sind Spuren von Märchen in Ostfriesland zu finden, erzählt man sich doch von einem Barden namens Bernef, der im 8. Jahrhundert schon singend Märchen und Legenden erzählte.

Märchen eröffnen neue Perspektiven, das war schon immer so. Sie erzählten Geschichten aus aller Welt. Früher vor allem für Erwachsene. Schon im antiken Babylon, Assyrien und Athen wurden Märchen erzählt, bevor sie in der Zeit der großen Philosophen als „unnützes Zeug“ abgetan wurden. Erst im 15. Jahrhundert begann die große Zeit der Märchen erneut. Auf langen Ritten und Kutschfahrten erzählte man sich Märchen, im Winter am Kamin. In dem, was heute Deutschland ist, sammelten die Gebrüder Grimm Märchen und das erste Mal waren diese Erzählungen auch für Kinder geeignet, die mithilfe dieser Geschichten wichtige Werte und die Konsequenzen ihrer Handlung zu verstehen lernen sollten.

Übrigens: Auch Landschaften geben den Märchen Charakter. So sind die friesischen Märchen besonders sachlich, nüchtern und mitunter auch derbe, aber auch überraschend fantasievoll und bildlich in ihrer Erzählung. Märchen sind nicht irgendwelche Geschichten. Immer müssen sie einen Aspekt enthalten, der fantasievoll ist. Sie sind keine Abenteuergeschichten, sondern Erzählungen, die in der echten Welt spielen, die man damals kannte, mit allen Regeln und Traditionen. Aber mit einer Ausnahme, denn ein Aspekt des Übersinnlichen, des Übernatürlichen, trifft auf die bekannte Welt in Märchen.

Das schönste Märchen ist das Leben selbst.

Hans Christian Andersen

Märchenerzähler auf Juist.

Verschiedenen Märchenerzählern ist es zu verdanken, dass wir Juister Märchen noch heute kennen, dass sie gesammelt und aufgeschrieben wurden, statt verloren zu gehen. Wobei natürlich dennoch vieles verloren ist leider.

Da war Jabohm Focken Visser, der als Matrose die Weltmeere bereist und in seiner Heimat die abenteuerlichsten Geschichten aus aller Welt erzählte. Er füllte ganze Abende mit seinen Geschichten, zum Beispiel mit dem Märchen „Wie der Matrose König wurde“. Seine Tochter Wilhelmine wurde als Märchentante für Kinder der Kurgäste bekannt. Sie ist DIE Oma Rass, die als Vorbild für die Badefrauen-Skulptur vor dem Alten Warmbad diente. Wiederum ihre Tochter, Ehmine, lebte im Insulanerhaus, das heute das Teehaus ist, und schrieb große Teile der mündlich überlieferten Märchen ihrer Familie auf.

Eine wahre Märchenerzähler-Familie!

Märchen als Zeitvertreib auf Juist

Stell dir mal vor: Es ist das Ende des 19. Jahrhunderts. Auf Juist leben nur so ca. 200 Menschen, 300 Kurgäste kommen übers Jahr zusammengerechnet. Nur ca. 40 Häuser gibt es auf der Insel. Die Juister Männer fuhren zur See, mussten aber Ende November zurückkehren auf die Insel, weil die Stürme begannen. Zeitungen, fernsehen und Radio gab es nicht – ebenso wenig das Internet. Was also tun, um die Abende zu füllen? Beim Kamin fand man sich dann zusammen, die Schlafkojen verstreut, die Tür auf, damit der Kaminrauch wegziehen konnte. So stellst du dir dann, zusammengehockt und mit glitzrigen Augen vor lauter Neugier, die Menschen vor, die zusammensitzen in einem lockeren Kreis und gespant den Mysterien und Erzählungen lauschen, die ihre Welt erweitern oder sie erklärten. Es ist hier, wie überall: Im Alltag nehmen wir uns wenig Zeit für das Besondere. Wir stecken manchmal im Trott fest. Umso schöner ist es doch, wenn uns der Regen einen Strich durch die Rechnung macht und wir zuhause bleiben und lesen. Märchen, Sagen oder Legenden. Wenn wir darüber sprechen und uns mit ihnen beschäftigen, denn: Märchen sind immer ein „Symptom“ der Zeit. Sie thematisieren das, was die Menschen damals umhergetrieben hat:

  • Die Furcht vor dem Unbekannten
  • Der Wunsch, Dinge zu verstehen
  • Der Glaube ans Übernatürliche
  • Die Angst vor dem Fremden
  • Der Kampf ums Überleben

Ich nehme mir vor, auch mal wieder Märchen und Sagen aus alter Zeit zu lesen, denn sie, noch viel mehr als zeitgenössische Literatur, finde ich jedenfalls, entführen in eine andere Welt. Die Menschen in diesem Märchen – ob von Juist oder von andernorts – haben ganz andere Sorgen, als ich. Sie leben in einer anderen Welt, denken und handeln anders. Die Art, wie Märchen geschrieben sind (angepasst bei jeder Übersetzung), ist anders und fremd und spannend.

Geschichten üben einen besonderen Reiz auf mich aus, wenn sie dort spielen, wo ich mich auskenne. Die Vergangenheit eines Ortes, den ich liebe, interessiert mich besonders. Vielleicht ist das der Grund, warum nicht nur ich als Zugezogene, sondern auch Gäste und allen voran die Juister und Juisterinnen die Juister Märchen lieben. Sicherlich nicht alle und sicherlich nicht jedes, aber ich denke schon, dass die Faszination und das Interesse an Märchen groß ist, die:

  • Auf Juist spielen, in den Dünen und im Watt, am Hammersee, dort, wo die Natur wild und unbezähmbar erscheint
  • Durch Juist erst so geschehen konnten, weil die Insel mit ihren ganz eigenen Besonderheiten irgendwie mystisch anmutet

Etwas an diesen Geschichten zieht in den Bann und dennoch ist die Sichtweise von heute auf damals so seltsam. Kaum jemand würde heute noch glauben, dass ein Streit unter Hexen die Entstehung des Hammersees erklärt, oder dass ein Föhrlopper tatsächlich Wochen vorher einen verunglückten Matrosen in den Dünen hören konnte. Aber dennoch kann ich nicht aufhören zu lesen, wenn ich so ein Märchen in den Händen habe.

Ich empfinde es als unsere Aufgabe, diese Märchen, die Teil unserer Kultur sind, zu bewahren und wertzuschätzen. Nicht jeder muss Interesse an ihnen haben und nicht jeder muss sie lieben, aber ich denke schon, dass wir gut daran tun würden, zu verstehen, dass diese Märchen als Ausdruck des damaligen Lebens und Glaubens uns viel über die Zeit ihrer Entstehung verraten können – Ein Gefühl für die Geschichte, für das wahre Leben damals, für Nöte und Sorgen, etwas, das über das stereotypische Lernen von Jahreszahlen im Geschichtsunterricht hinausgeht.

Märchen und Legenden, wie diese von Juist und von der See, lassen uns verstehen, wie es früher war. Sie erwecken Verständnis und Fantasie in uns, die wir ein so vollkommen anderes Leben führen. Und das ist eine Faszination, die ich nicht abschütteln kann. Ich liebe diese Märchen einfach und ich hoffe, dass auch du den Legenden, Sagen und Mythen von Juist einmal eine Chance geben und sie bewusst lesen wirst.

Geschichten über Geschichten.

„Wir sind immer in Geschichten. Geschichten in Geschichten in Geschichten. Man weiß nie, wo eine endet und eine andere beginnt! In Wahrheit fließen alle ineinander. Nur in Büchern sind sie säuberlich getrennt.“ – Daniel Kehlmann

Quellen:

Ich als Rheinländerin bin natürlich nicht mit Juister Märchen aufgewachsen, also musste ich mich anderweitig informieren, was für Märchen von Juist es denn gibt. In der Zeit des Internets kein großes Hexenwerk.

Hier findest du verschiedene Juister Märchen – absolute Leseempfehlungen meinerseits:

https://www.juist-buch.de/geschichte.html

https://www.22places.de/juist-sagen

Karl Josef Koch – Juister Märchen

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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