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Können Meerestiere spielen?

Tiere spielen, wie wir Menschen. Lange ging man davon aus, nur sehr hoch entwickelte Tiere würden spielen: Hunde, Primaten, Delfine. Mittlerweile deuten immer mehr Studien darauf hin, dass Oktopoden, sogar Fischer spielendes Verhalten zeigen.

Spielverhalten ist oft ein Zeichen für hohe Intelligenz und komplexe soziale Strukturen bei Meerestieren.

Was unterscheidet Spiel von normalem Verhalten?

Verhaltensweisen bei Tieren werden anhand bestimmter Kriterien als Spiel qualifiziert. Diese Kriterien helfen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, zwischen spielerischem Verhalten und anderen Verhaltensweisen zu unterscheiden, die möglicherweise ähnliche äußere Merkmale haben, aber unterschiedliche Funktionen erfüllen.

Hier sind die Hauptkriterien, die häufig verwendet werden, um Spielverhalten zu definieren:

  1. Funktionale Unvollständigkeit: Das Verhalten trägt nicht direkt zum unmittelbaren Überleben oder zur Reproduktion des Tieres bei. Es ist nicht auf die Erfüllung einer biologischen Notwendigkeit ausgerichtet. Beispielsweise jagen junge Löwen spielerisch, ohne dabei tatsächlich Beute zu fangen, was ihnen jedoch hilft, Jagdfähigkeiten zu entwickeln​.
  2. Freiwilligkeit und Spontaneität: Das Verhalten ist freiwillig, spontan und wird ohne äußeren Zwang ausgeführt. Tiere spielen aus eigenem Antrieb und nicht als Reaktion auf externe Stressoren oder Nahrungsmangel​​.
  3. Wiederholung: Das Verhalten wird wiederholt, was darauf hindeutet, dass es einen internen Anreiz gibt, dieses Verhalten fortzusetzen. Wiederholung deutet darauf hin, dass das Verhalten nicht zufällig ist, sondern eine bewusste Aktivität darstellt.
  4. Ähnlichkeit mit funktionalem Verhalten, aber unvollständig: Das Verhalten kann echten, funktionalen Verhaltensweisen ähneln, unterscheidet sich jedoch in Kontext oder Ausführung. Beispielsweise können spielerische Kämpfe bei Welpen ähnlich wie ernsthafte Kämpfe aussehen, sind jedoch weniger intensiv und führen nicht zu Verletzungen​ (National Institute for Play)​.
  5. Ausführung in stressfreien Situationen: Das Verhalten tritt auf, wenn das Tier nicht durch Stress, Hunger, Wettbewerb oder die Gefahr von Prädation belastet ist. Tiere spielen in sicheren Umgebungen, wo sie sich entspannt und wohlfühlen.

Welche Meerestiere spielen?

Vielleicht spielen sie ja alle. Ob Quallen, Muscheln oder Seegurken spielen, darf (noch) bezweifelt werden. Aber höher entwickelte Meerestiere scheinen durchaus Formen des Spielens zu beweisen. Bei Delfinen und Walen ist sich die Wissenschaft mittlerweile sicher, wie auch bei Robben und Ottern. Oktopoden zeigen sogar eine sehr hohe Komplexität in spielerischem Verhalten. Selbst Fische scheinen zu spielen, was die Wissenschaft durchaus überrascht hat.

Verhalten bei Tieren kann dann als Spiel angesehen werden, wenn es keine direkte Funktion zu erfüllen scheint, freiwillig und spontan geschieht, wiederholt zu beobachten ist, ähnlich zu funktionalem Verhalten ist, aber eben nur einzelne Merkmale davon ausweist und wenn es in stressfreien Situationen auftritt.

Nähern wir uns einigen Meerestieren, die spannendes Spielverhalten zeigen.

Spielende Fische: Gills just wanna have fun

Fische sind für die Wissenschaft oft weniger interessant, wenn es um Intelligenz geht. Die Fähigkeit von Fischen, Schmerz zu empfinden, wurde erst in den letzten zehn Jahren anerkannt. Trotzdem glaubt man, dass Fische zu mentalen Prozessen wie Spielen fähig sein könnten. Das wurde in einer Studie des Forscherteams um Sofia Eisenbeiser von der Eastern Michigan University untersucht.

Um den Spieltrieb zu testen, verwendete Eisenbeiser rote, grüne und blaue Laser in Fischbecken und analysierte die Reaktionen von 66 Fischarten. Etwa 90 Prozent der Fische zeigten Interesse, wobei mehr als die Hälfte den roten Laser bevorzugte. Ihre Studie „Gills Just Want to Have Fun: Can Fish Play Games, Just like Us?“ wurde in der Zeitschrift Animals veröffentlicht.

Gilt das als Spielen? Eisenbeiser glaubt ja.

Sie hält spielerisches Verhalten für möglich, ist aber nicht sicher, dass die Fische tatsächlich spielten. Sie konnte nicht ausschließen, dass die Fische die Laser als Bedrohung sahen, was das Kriterium „Ausführung in stressfreien Situationen“ disqualifizieren würde. Daher gibt es (noch) keine ausreichenden Beweise, um eindeutig zu sagen, dass die Fische spielten.

Delfine: Die Junkies der Meere

Delfine sind für ihr spielerisches Verhalten bekannt, einschließlich des Springens aus dem Wasser und des Spielens mit Objekten. Leider kommen einem sofort die Bilder von „spielenden“ Delfinen in Gefangenschaft in den Kopf. Durch Ringe springen, lustige Tänze im Wasser aufführen oder auf Kommando quieken. Darum soll es hier aber nicht gehen, sondern um das natürliche Spielverhalten der intelligenten Meeressäuger. Denn wie bereits beschrieben, verwenden wir den echten Spielbegriff bei Tieren nur dann, wenn es ohne Zwang, also freiwillig und spontan geschieht. Das ist in Aquarien nie der Fall. Wenngleich uns das immer lächelnde Gesicht des Delfins dies weismachen möchte.

Kommen wir zum „echten“ Spielverhalten: Delfine zeigen eine Vielzahl von Spielverhalten, das gut dokumentiert ist. Hier sind drei konkrete Arten des Spiels, die Delfine praktizieren:

Interaktion mit Objekten: Delfine spielen oft mit Objekten wie Seetang oder Blasenringen. Sie erzeugen diese Ringe, indem sie Luftblasen unter Wasser in eine Kreisform blasen und dann durch sie hindurch schwimmen oder sie mit ihren Schnauzen manipulieren.

Interaktion mit Kugelfischen: Es gibt Berichte, dass Delfine Kugelfische als eine Form des Spielzeugs verwenden und dabei vorsichtig mit ihnen umgehen, um die freigesetzten Neurotoxine zu nutzen, die möglicherweise einen leicht berauschenden Effekt haben könnten. Diese Interaktionen deuten darauf hin, dass Delfine in der Lage sind, das Risiko zu verstehen und zu managen, während sie neues Verhalten erkunden​.

Ein Kugelfish. Beliebtes Spielzeug der Delfine.

Soziales Spiel: Delfine beteiligen sich an sozialen Spielen, die häufig das Springen, Jagen und Balgen mit anderen Delfinen beinhalten. Solche Interaktionen stärken die sozialen Bindungen innerhalb der Gruppe und verbessern die sozialen Fähigkeiten der Tiere.

Orcas: Die besten Räuber spielen erst

Auch Schwertwale genannt. Oder Killerwale. Aber diesen Begriff sollten wir schleunigst wieder vergessen. Es sind meine Lieblingstiere. Orcas gehören zur Familie der Delfine, sind aber einfach eine besondere Spezies. Enorm intelligent und so oft missverstanden. Faszinierend, gefürchtet und geliebt. Bekannt ist, dass Elterntiere ihrem Nachwuchs spielerisch das Jagen beibringen. So fliegen schon mal Robben durch die Gegend, die von den Orcas aus dem Wasser geschleudert wurden, um dann wieder geschnappt zu werden. Mehr Spiel als Nahrungserwerb, um dann beim echten Jagen perfekt zu sein.

Momentan gehen eine Menge Berichte durch die Medien über Orcas, die Segelboote im Mittelmeer verfolgen, gar angreifen. Orcas waren länger schon bekannt dafür, dass sie hinter Booten oder in der Brandung Wellen reiten. Dieses Verhalten wird oft als spielerisch angesehen, da es keine offensichtliche funktionale Rolle hat. Beobachtungen von Visser (1999) dokumentierten dieses Verhalten häufig bei jungen Orcas, die scheinbar aus Freude an den Wellen teilnahmen. Die Angriffe von Orcas auf Boote im Mittelmeer, insbesondere in der Gegend um die Straße von Gibraltar, wurden intensiv untersucht und diskutiert. Die Haupttheorien zur Erklärung dieses Verhaltens sind:

Neugier, Spiel, Sensation: Orcas sind unglaublich neugierig. Sie haben gelernt, dass sie das Boot durch den Angriff auf das Ruder beeinflussen. Vielleicht ist das also reines Spiel, weniger Aggression.

Trauma, Vergeltung und kulturelle Weitergabe: Einige Forschende glauben, dass ein traumatisches Ereignis, bei dem ein Orca und ein Boot involviert waren, diese Angriffe ausgelöst haben könnte. Diese Theorie besagt, dass ein Orca namens White Gladis, der möglicherweise durch ein Boot verletzt wurde, das Verhalten aus einem Gefühl der Bedrohung oder Vergeltung initiiert hat, was sich dann kulturell innerhalb ihrer Gruppe verbreitet hat​. Wir wissen, dass nicht nur Wissen, sondern auch individuelle Erfahrungen in Gruppen dieser intelligenten Meeressäuger über Generationen weitergeben werden. Vielleicht hat dieses Lernen dazu geführt, dass diese gefährlichen Erfahrungen in Zukunft verhindert werden sollen. Ganz im Sinne von: Angriff ist die beste Verteidigung. Die Orcas haben gelernt, dass die Zerstörung des Ruders das Boot außer Gefecht setzt.

Eine andere Theorie geht von Frustration und Nahrungskonkurrenz aus. In Spanien wird Thunfisch gejagt. Eine wichtige Nahrung für die Wale der Region. Die Orcas haben sich bestimmte Merkmale von Fischerbooten eingeprägt: Das Geräusch, fast ein Wischen, mit dem die Fangleinen eingeholt werden, Motorenlärm und alles, was der Mensch auf dem Meer verursacht. Die Wale wussten: Da gibt’s Nahrung. Die Orcas waren den Fischern ein Dorn im Auge. Sie haben die hungrigen Orcas mit – meist groben und illegalen Methoden – verscheucht. Aus der zuverlässigen Nahrungsquelle der ORcas wurde Gefahr und Konkurrenz. Also müssen evtl. harmlose Segelboote das ausbaden, was andere verursacht haben?

Was auch immer der Grund ist: der Spieltrieb und die hohe Lernbereitschaft der Schwertwale haben dieses Verhalten „kultiviert“. Was auch immer der Grund dahinter ist.

Oktopus: Spielspaß mit acht Armen

Der Oktopus ist eines der faszinierendsten Meerestiere. Das Gehirn von Oktopoden ist faszinierend und unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem anderer Wirbeltiere, einschließlich des menschlichen Gehirns. Oktopoden gehören zu den wirbellosen Tieren und haben ein dezentrales Nervensystem.

Das Nervensystem von Oktopoden ist dezentralisiert, was bedeutet, dass sich nicht das gesamte Gehirn im Kopf befindet, sondern dass Teile davon auch in den Armen verteilt sind. Jeder der acht Arme eines Oktopus enthält ein komplexes Netzwerk von Neuronen, das als Neuronenknoten bezeichnet wird. Diese Neuronenknoten ermöglichen es den Armen, eigenständig und koordiniert zu handeln, was eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit und Flexibilität bei der Interaktion mit der Umgebung ermöglicht.

Die dezentralisierte Anordnung des Nervensystems ermöglicht es den Oktopoden, Informationen gleichzeitig von mehreren Quellen zu verarbeiten und auf verschiedene Arten zu reagieren. Zum Beispiel können sie einen Teil ihres Arms nutzen, um nach Beute zu tasten, während sie einen anderen Teil verwenden, um sich an der Umgebung festzuhalten oder sich zu tarnen.

Beste Voraussetzungen also für die verschiedensten Arten spielerischen Verhaltens!

Obwohl das Gehirn der Oktopoden vergleichsweise klein ist – etwa so groß wie ein Vogelgehirn -, haben sie erstaunliche kognitive Fähigkeiten, die oft als Anpassung an ihre komplexe Umgebung angesehen werden.

In Gefangenschaft zeigen Oktopoden Verhalten, das sowohl als Spiel, aber auch als Interaktion der Rebbelion gegen die Gefangenschaft interpretiert werden kann. Oktopoden wurden dabei beobachtet, wie sie Futter aus geschlossenen Gefäßen durch eigene kognitive Fähigkeiten herausholten. Auch kommt es immer wieder vor, dass die Tierpfleger mit Gegenständen aus dem Becken beworfen oder mit Wasser bespritzt werden. Faszinierend sind immer wieder die Ausbruchsversuche und Erfolge der achtarmigen Schlauköpfe. Sei es, dass sie versteckte Winkel und Lücken finden oder die Gunst der Stunde nutzten, in der ein Becken nicht perfekt geschlossen war: Fluchtversuche sind bei Oktopoden keine Seltenheit. Da gab es beispielweise „Inky“. Inky entkam 2016 aus einem Becken im National Aquarium of New Zealand. Nur durch einen winzigen Spalt, der während einer Wartungsarbeiten offen gelassen wurde.

Ob Oktopoden eine Flucht als Spiel verstehen? Das wissen wir natürlich nicht, aber die Vorstellung ist dennoch sehr spannend!

Buckelwale und ihr „Kelping“

Buckelwale zeigen ein Verhalten, das als „Kelping“ bezeichnet wird, bei dem sie mit Seetang spielen. Dabei suchen die Wale nach schwimmendem Seetang oder Kelpbetten und reiben sich daran. Dieses Verhalten wurde durch Luftaufnahmen dokumentiert und zeigt, dass Wale Seetang auf ihrem Kopf und Rücken balancieren oder durch ihn hindurchgleiten. Dieses spielerische Verhalten könnte nicht nur der Unterhaltung dienen, sondern auch zur Entfernung von Parasiten und zur Hautpflege beitragen.

Kelping bei Buckelwalen wurde hauptsächlich an den Küsten Australiens sowie im Nordpazifik und Nordatlantik beobachtet.

Das Kelping-Verhalten könnte mehrere Funktionen haben:

  1. Spiel: Es kann eine Form des spielerischen Verhaltens sein, das den Walen sensorische und physische Stimulation bietet.
  2. Ektoparasiten-Entfernung: Durch das Reiben an Seetang könnten die Wale Ektoparasiten, tote Haut und Bakterien von ihren Körpern entfernen.
  3. Hautbehandlung: Der Seetang könnte antibakterielle Eigenschaften haben, die bei der Hautpflege der Wale helfen.

Das Spannende: Man hat wissenschaftliche Beobachtungen und Medien aus den sozialen Medien ausgewertet und festgestellt, dass dieses Verhalten, das Kelping, in verschiedenen Populationen dokumentiert, was darauf hinweist, dass dieses Verhalten häufiger vorkommt als bisher angenommen.

Surfende Robben

Auch Robben zeigen spielerisches Verhalten, sowohl in freier Natur als auch in Gefangenschaft. Spielverhalten ist bei Robben gut dokumentiert. Dazu gehören Wasser-und Objektspiele. Sie spielen in Gruppen miteinander, jagen sich, spielen aber auch mit Gegenständen, die sie im Wasser finden, wie Seetang, Muscheln oder kleinen Steine. Sie werfen diese Objekte herum, tragen sie in ihrem Maul und jagen ihnen nach. Besonders spannend ist das Surfen. In Küstengebieten wurden Robben dabei beobachtet, wie sie auf den Wellen surfen. Dieses Verhalten ähnelt dem Surfen von Delfinen und scheint keine andere Funktion als den offensichtlichen Spaß zu haben.

1 Gedanke zu „Können Meerestiere spielen?“

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Julia Jung

Julia Jung kennt Juist von vielen Besuchen. Meist nur kurz, weil fast immer beruflich. Das bringt eine ganz eigene Perspektive auf die Insel. Ihre Leidenschaft sind die Meeresbiologie und die Psychologie hinter der Faszination für das Meer. Das Konzept des "Blue Mind" ist ihr Thema im Seezeichen, wie auch kleine Einblicke ins Leben im und am Meer.

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