Verlassen.

Vergessen.

Lost Places.

Die versteckte und vielleicht vergessene Seite des Töwerlands Juist.

Orte auf 17 km Insel, die du noch nicht kanntest.

Freundschaft fürs Leben.

Dieser Artikel ist die Online-Version eines Beitrags, der ursprünglich im gedruckten Katalog / Urlaubsmagazin „Freundschaft fürs Leben“ Nr. 5 mit dem Oberthema Gezeiten im Herbst 2026 erschienen ist. Das gedruckte Magazin erhältst du kostenfrei in unseren Tourist-Informationen. Dauerhaft kostenfrei findest du alle Artikel hier im Online-Magazin Seezeichen. Informationen in diesem Artikel können veraltet sein. Wir übernehmen keine Gewähr für die hier gemachten Informationen.

Selbst auf 17 km gibt es Orte, an denen man leicht vorbei geht, obwohl sie Geschichten erzählen. Manche Spuren sind deutlich zu sehen, andere lassen sich nur noch erahnen. Genau das macht die Suche spannend. Bitte bleibe bei deiner Spurensuche auf den ausgewiesenen Wegen: Gerade am Wattenmeer und an der Bill und am Kalfamer befinden sich empfindliche Naturbereiche. Wer Abstand hält, schützt Tiere und Pflanzen und sorgt dafür, dass diese besonderen Orte auch künftig erlebbar bleiben.

01: Das alte Gleis der Inselbahn

Juist hatte lange Zeit eine Inselbahn, die den Schiffsanleger im Watt mit der Insel verband. Die Gleise bestanden aus einem Pfahlhochbau auf mit Teer getränkten Pfählen, die ins Watt gerammt wurden. Man verband diese Pfähle und legte die Gleise darüber. Die Gleise hatten eine Spurbreite von 1.000 mm statt der Normalbreite von 1.435 mm. Um Stürmen und Gezeiten wenig Angriffsfläche zu bieten, wurden die Gleise nicht weit über das Wasser gebaut. Die Gleise führten durch das Watt an die Insel und verliefen jenseits des Deiches östlich in Küstennähe unterhalb des alten Lokschuppens – auch ,,schwarze Bude“ genannt und jetziger Bauhof – bis zum heutigen Alten Bahnhof mit dem ,,Willkommen auf Juist“-Schild. Mit dem Neubau des Hafens 1982 am heutigen Standort direkt am Hauptort wurde die Inselbahn stillgelegt. Die Gleise kann man heute nicht mehr sehen, aber sie durchaus noch erahnen.

Alter Bahnhof

Alter Bahnhof

Alter Bahnhof Juist: Hier gab es einmal einen Bahnhof für die Inselbahn.

02: Das alte Billdorf

Früher gab es zwei ,,richtige“ Dörfer auf Juist, eines an der Bill und eines im Loog. Diese beiden Dörfer waren durch den heutigen Hammersee (der damals ,,nur“ eine weite Sandfläche namens ,,Hammer“ war) getrennt, aber bei passenden Wetter und Gezeitenverhältnissen konnten die Menschen sich besuchen. Durch die Weihnachtsflut 1717 wurde das Billdorf zerstört. Die Loogbewohner hatten den Weihnachtsgottesdienst in der Billkirche gemeinsam mit den Bewohnern des Billdorfs gefeiert. Auf dem Heimweg riss die Flut Menschen mit sich fort. Neun der 18 Häuser im Billdorf wurden zerstört. 28 Leichen wurden gefunden. Wer heute an der Bill steht, blickt deshalb nicht nur auf eine beeindruckende Landschaft, sondern wird daran erinnert, dass die Insel selbst immer in Bewegung ist.

03: Die Ruinen am Billstrand

Bevor es GPS, Navigation per Satellit und zuverlässige Karten in der Seefahrt gab, waren Seezeichen und Leuchttürme unerlässlich für die Navigation der Schiffe. Unabdingbar waren solche Zeichen für die Navigation auf Gewässern wie dem Wattenmeer, das schon seit langer Zeit als gefährliches Fahrwasser galt. Auf Juist gab es die Bake am Kalfamer sowie die Bake am Billriff. Den Leuchtturm Memmertfeuer zählen wir nicht mit, weil er ,,nur“ ein Leuchtfeuer und kein offizieller Leuchtturm ist, da sein Licht nicht aufs Meer scheint und er nicht die Aufgabe hat, Seefahrer bei der Navigation zu unterstützen.

Strand Juist

Strand Juist

04: Die Radarruinen

Beim Vorbeifahren sind dir vielleicht schon mal die Betonklötze an der Domäne Loog aufgefallen. Sie befinden sich leicht nordwestlich des Ausflugslokals. Früher stand auf ihnen ein riesiges Gebilde, eine Radarstation nämlich, die im 2. Weltkrieg gegnerische Flieger aus Richtung Großbritannien aufspüren sollte. Bis zu 325 km weit konnte die Anlage,,sehen“, um Flieger zu orten. Auf Juist gab es zu Hochzeiten 1.000 Soldaten, die unter anderem im Militärstützpunkt ,,Jaguar“ stationiert waren. Rund um 1940 erhielt die Insel eine Fernsuchanlage mit dem Namen ,,Mammut“. Die Radarstation selbst sollte gesprengt werden – das klappte aber nicht. Heute bleiben nur Betonreste. Es sind unsichtbare Spuren einer Zeit, die zur Inselgeschichte gehört, auch wenn sie nicht zu den schönen Kapiteln zählt.

05: Die Schutzmauer an der Strandpromenade

Juist ist heute eine der wenigen Inseln, die einen Strand ohne Buhnen und sonstige Bollwerke aufweisen kann. Das war allerdings nicht immer der Fall: 1913 bis 1914 wurden am Strand vor dem Strandhotel Kurhaus eine 1,4 km lange Schutzmauer und sieben massive Buhnen am Strand gebaut. Dazu gab es die Strandtreppe, die die Strandmauer unterbrach. Dieses Bollwerk sollte den Inselkern schützen. Die Strandtreppe, die Mauer und die Buhnen wurden im Laufe der Jahre durch die natürlichen Gegebenheiten zugeschüttet, nicht aber abmontiert. Heute noch kannst du die letztenTeile der Strandtreppe rechts und links am Strandabgang Strandstraße berühren. Und so kannst du auch erahnen, wo sich der Strand in den 1910er Jahren befand und wie weit die Dünen seit dem bis heute gewachsen sind. Wenn du heute die letzten Reste der Strandtreppe berührst, stehst du damit zugleich an einer früheren Grenze zwischen Insel und Meer. Dass sie heute soweit im Land liegt, zeigt, wie sich Juist verändert hat.

06: Der Finnwal

2012 strandete und verendete am Kalfamer ein ca. 8 m langer Finnwal. Statt ihn abzutransportieren, wurde entschieden, den Wal in Einklang mit dem Motto des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer ,,Natur Natur sein lassen“ an der Stelle seiner Strandung zurückzulassen. Seitdem findet die natürliche Entwicklung statt, die einen wichtigen Beitrag zum Lebensraum für Tiere und Pflanzen leistet – wie die Nationalpark-Verwaltung zu bedenken gibt. Das Walskelett befindet sich am Rande des Wanderwegs am Kalfamer in östlicher Richtung. Durch die mitunter dichte Begrünung und die Versandung ist das Skelett nicht immer zu sehen.

07: Memmert

Die heutige Vogelschutzinsel Memmert entstand im 17. Jahrhundert und wurde wohl nach dem Eisheiligen Mamertus benannt. Wie es immer so ist, entstand erst eine Sandbank, die nach und nach zu einer größeren Sandbank wurde und Vögeln als Ruhe- und Brutstätte diente. Menschen jagten hier Robben und Vögel, stahlen Vogeleier und dergleichen. 1907 wurde Memmert zur geschützten Vogelkolonie und schon ein Jahrspäter im Jahr 1908 wurde dort eine erste Hütte errichtet. Heute lebt neun Monate pro Jahr ein Vogelwart auf Memmert. Sein Haus wird immer wieder vom Meer angegriffen. Die Insel selbst darf nur vom Vogelwart und seinen Gästen, nicht aber von der Öffentlichkeit betreten werden. Die Insel Memmert kann man beispielsweise sehr gut vom Strandabgang Billriff sehen, wenn man in südwestliche Richtung blickt. Leider sind keine Ausflugsfahrten nach Memmert möglich (derzeit kein geeignetes Schiff zum Anlanden).

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Julia Findeisen

Julia Findeisen lebt seit 2021 auf Juist. Sie schreibt über ihre absolute Leidenschaft: Genussmomente und Glücksorte. Juist ist für sie zur Heimat geworden.

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