Leben einer Insulanerin.
Von der ersten Überfahrt bis zum letzten Heimkommen.
Freundschaft fürs Leben
Dieser Artikel ist die Online-Version eines Beitrags, der ursprünglich im gedruckten Katalog / Urlaubsmagazin „Freundschaft fürs Leben“ Nr. 5 mit dem Oberthema Gezeiten im Herbst 2026 erschienen ist. Das gedruckte Magazin erhältst du kostenfrei in unseren Tourist-Informationen. Dauerhaft kostenfrei findest du alle Artikel hier im Online-Magazin Seezeichen. Informationen in diesem Artikel können veraltet sein. Wir übernehmen keine Gewähr für die hier gemachten Informationen.
Besondere Momente und Meilensteine prägen das Leben – und sie sollen gefeiert werden. Wie also sieht das Lebeneiner Insulanerin auf Juist aus?
Im Grunde wie überall: Man wird geboren, wächst auf und geht seinen Weg. Doches sind die kleinen Details, die den Unterschied machen. Unsere Anneke ist keine reale Person, aber fast jede Station ihres Lebens basiert auf Erfahrungen, die zum Aufwachsen und Leben auf Juist gehören können. Anneke begleitet uns durch diese Geschichte, von ihrem ersten Weg auf die Insel bis zum letzten Heimkommen.
Geburt
Annekes Leben beginnt natürlich mit der Geburt. Die geschieht allerdings nicht auf Juist, denn auf Juist gibt es keine Hebamme und kein Krankenhaus. Die Juister werden im Krankenhaus auf dem Festland geboren, oftmals in Aurich. Die werdende Mutter muss einige Tage oder Wochen (das liegt im Ermessen des Arztes und der allgemeinen Situation) aufs Festland rüber und lebt dort bei Verwandten, Freund*innen oder in einem Feriendomizil, bis es so weit ist. Der Vater kommt natürlich mit, wenn möglich. Wie Annekes Geburt genau vonstattengeht, führen wir hier jetzt nicht aus. Anneke bleibt mit Mama und Papa noch eine Weile auf dem Festland, bis es allen gut genug geht, um zurück auf die Insel zu fahren.
Worte können nicht ausdrücken die Freude über neues Leben.
Herrmann Hesse
Taufe
Getauft wird Anneke natürlich auch. Echt norddeutsch am Strand. Mehr dazu verraten wir dir in unserer Geschichte über einzigartige Ereignisse auf Juist.
Mögest du dir ein Leben aufbauen, in dem Liebe wichtiger ist als Besitz und gemeinsame Zeit wertvoller als perfekte Momente.
Unbekannt.
Kleinkindzeit
Anneke reist schon in jungem Alter viel – nicht aber in den Urlaub. Anneke und ihre Eltern fahren zu den verpflichtenden Untersuchungen aufs Festland, aber auch zu Familienbesuchen, denn Annekes Großeltern sind auf dem Festland zuhause. Was für andere Familien ein kurzer Weg mit dem Autoist, beginnt auf Juist mit Fähre fahren.
Die Eindrücke der Kindheit wurzeln am tiefsten.
Karl Emil Franzos
Kindergarten
Anneke kommt in den Kindergarten. Dort spielt sie mit den Nachbarskindern. Wäre Anneke einige Jahre früher geboren worden, wäre sie jeden Morgen mit dem Kindergartenbus zum Kindergarten gebracht und von dort abgeholt worden. Der Kindergartenbus war natürlich eine Pferdekutsche. Was für eine tolle Vorstellung. Unsere Beispiel-Anneke aber wird mit dem Fahrrad von Mama oder Papa zum Kindergarten gebracht.
Was du mir sagt, das vergesse ich. Was du mir zeigst, daran erinnere ich mich. Was du mich tun lässt, das verstehe ich.
Konfuzius
Schulzeit in der Inselschule
Anneke wird eingeschult. Sie geht in eine Doppelklasse mit wenigen Kindern. Sie besucht die Grund- und Oberschule bis zur 10. Klasse. Zur Inselschule und der Schulzeit dort findest du tolle Einblicke in unserem Urlaubsmagazin Nr. 4. Anneke hat übrigens kürzer Sommerferien, als Schüler*innen auf dem Festland – dafür hat sie aber längere Ferien im Winter.
Du bist tapferer, als du glaubst, stärker, als du scheinst, und klüger, als du denkst.
A. A. Milne (Winnie Puuh)
Abi auf dem Festland
Es hat sich in den letzten 10 Jahren in der Schule gezeigt, dass Anneke ihr Abi machen möchte und dazu auch fähig ist. Also muss sie aufs Festland. Annekes Familie entscheidet sich mit ihr gemeinsam dafür, dass sie aufs Niedersächsische Internatsgymnasium (kurz: NIGE) in Esens geschickt wird. Annekes Familie kann dabei finanziell unterstützt werden. Aber: Anneke ist dort von montags bis freitags, je nach Fährzeiten kommt sie am Wochenende nicht nach Juist. Sie macht ihr Abi.
Es mag sein, dass wir durch das Wissen anderer gelehrt werden. Weiser werden wir nur durch uns selbst.
Michel de Montaigne
Ausbildung
Anneke entscheidet sich für eine Ausbildung auf der Insel. Sie wird ab Ausbildung wechselnd im Betrieb angelernt und auf dem Festland in der Berufsschule unterrichtet. Anneke hat sich für eine Ausbildung entschieden, deren Berufsschule in Norden ist. Also hat sie eine gute Anbindung an die Familie. Sie macht gleichzeitig ihren Führerschein und legt sich ihr erstes Auto zu.
Lernen ist Erfahrung, alles andere ist einfach nur Information.
Albert Einstein
Ehrenamt
In ihrer Freizeit ist Anneke, wie so viele Insulanerinnen und Insulaner, in Vereinen aktiv. Sie führt dieses Ehrenamt mit Leidenschaft und Passion aus, denn in ihrem Alltagsleben spürt sie selbst, wie wichtig das Ehrenamt auf der Insel ist. Sie wird 1.Vorsitzende ihres Vereins und freut sich darüber, ihre Spuren in ihrem Verein zu hinterlassen.
Alles Große in unserer Welt geschieht nur, weil jemand mehr tut, als er Muss.
Hermann Gmeiner
Erster Job
Geschafft! Anneke hat ihre Ausbildung beendet und tritt ihren ersten Job an. Sie hat sich dafür entschieden, auf dem Festland zu arbeiten. Sie wollte mal eine Weile etwas Anderes sehen, aber sie möchte irgendwann wiederkommen, zurück in die Heimat, nach Juist. Sie bezieht ihre erste eigene Wohnung.
Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.
Konfuzius
30. Geburtstag
Anneke ist zurück nach Juist gezogen. Kurz danach wird sie 30 und ist noch unverheiratet. Deswegen muss sie Klinken putzen. Wäre sie ein Junge, müsste sie dort Kronkorken fegen.
Das Geheimnis des Glücks ist, statt der Geburtstage die Höhepunkte des Lebens zu zählen.
Mark Twain
Hochzeit
Dann ist es soweit: Anneke findet die große Liebe und will heiraten. Von ihren Freund*innen gibt’s einen Bogen als Geschenk. Dieser Bogen wird fantasievoll geschmückt und verziert und am Eingang zu Annekes Haus aufgestellt als Glückwunsch zum Meilenstein im Leben. Anneke gibt eine Runde aus und freut sich über die Aufmerksamkeit.
Liebe heißt nnicht, einander anzuschauen, sondern gemeinsam in die gleiche Richtung zu blicken.
Antoine de Saint-Exupéry
Erstes eigenes Kind
Grund zur Freude: Ein neues Leben ist da. Anneke hat Nachwuchs bekommen. Traditionell wird mit Bohntjessopp gefeiert. Anneke und ihr Mann setzen die ,,Suppe“ an, als die Schwangerschaft sicher bewiesen ist. Sie macht einen großen Pott, denn sie hofft auf viele Glückwünsche und Besucher*innen. Ein klares Rezept für Bohntjessopp gibt es übrigens nicht, denn jeder und jede bereitet sie ganz nach der eigenen Façon zu und dem, was gerade da ist.
In ide Bohntjessopp gehören auf jeden Fall:
- Rosinen
- Zucker
- Kluntjes
- Branntwein (welcher Art auch immer)
- und noch viel mehr.
Gerne wird auch Sekt, Rum oder Vanille nach Augenmaß hinzugefügt. Es wird alles vermengt und in einem verschließbaren Gefäß gelagert – bis die Besucher*innen zur ,,Puppvisiet“ kommen.
Was eine Kinderseele aus jedem Blick verspricht! So reich ist doch an Hoffnung ein ganzer Frühling nicht.
Hoffmann von Fallersleben
Trauer und Abschied
Nach einem langen, langen und vielgeliebten Leben muss auch Anneke sich verabschieden. Sie stirbt im Krankenhaus auf dem Festland, wird aber auf Juist beigesetzt. Der Bestatter auf Juist organisiert alles: Die Inselfähre bringt Anneke zurück auf die Insel. Am Hafen empfängt die feierlich geschmückte Trauerkutsche Anneke, die von Pferden durch den Ort gezogen wird. Die Menschen auf der Insel bleiben stehen, wenn die Kutsche an ihnen vorbeifährt, und der Trauerzug hinter der Kutsche besteht aus Menschen, die Anneke geliebt haben. Da sind ihre Familie und ihre Verwandten, aber auch ihre Freundinnen und Freunde, die Nachbarinnen und Nachbarn, die Bekannten, die Mitglieder ihrer Vereine und die Kolleginnen und Kollegen von der Arbeit. Anneke wird auf dem Dünenfriedhof beigesetzt. Sie war das letzte Mal heimgekommen, nach Juist.
Wenn die Sonne des Lebens untergeht, leuchten die Sterne der Erinnerung.
Unbekannt

